Das Feuerwerk
Die Sonne war gerade hinter dem Erdrand verschwunden und die Nacht eroberte ihr Gebiet. Mit der Nacht zogen auch die Sterne herauf, diese kleinen Punkte am Firmament.
Ihre Tante und ihre Großmutter redeten über diese und jene Beschwerde und schmerzlindernde Kopfkissen. Nur sie schwieg, schließlich war sie ja noch jung. Damals. 17 war sie und doch genügte das nicht. 21 wollte sie sein. Aber das tut jetzt hier nichts zur Sache.
Gelangweilt nippte sie an ihrem Weinbecherchen und beobachtete die vielen Menschen. Irgendwer ließ einen Knallfrosch explodieren. Es knallte. In großen senkrecht stehenden Holzklötzen knisterten rote Gluten in die Dunkelheit. Musik spielte im Festzelt. Gerede und Lachen.
Bald war Mitternacht. Dann würde das große Feuerwerk gestartet, vom dem die Umgebung schon seit Wochen sprach. Es war die Nacht vom 31 Juli auf den 1 August. Der Nationalfeiertag der Schweiz.
Sie stand auf und streckte sich. Dann nahm sie noch einen Schluck Wein und erklärte ihren zwei Verwandten, dass sie nur mal schnell ein Paar Schritte gehen würde.
Überall wimmelte es von kleinen Vulkanen, Raketen und knutschenden Pärchen. Auf die konnte sie nun wirklich verzichten. Schlabber schlabber.
So drehte sie ihre Runde. Da eine Familie, da ein Pärchen, da zünselnde Kinder. Mit eingezogenen Schultern schlenderte sie an den vereinzelten Bäumen vorbei. Sie wartete auf die leichte Traurigkeit, die sie in solchen Momenten immer überfiel. Doch sie blieb aus, kam nicht. Ließ sie zufrieden. Das verwunderte sie selber.
Vor ihr tauchte ein kleiner Teich auf. Unerkennbar und doch sichtbar schwammen auf der Oberfläche einige Seerosen, gehalten von grünen Seilen, die in einer wässrigen Schattenwelt verschwanden. Das Wasser plätscherte kaum hörbar. Die Bäume und der Himmel spiegelten sich in der Oberfläche. Man konnte beinahe nicht erkennen, wo der Rasen aufhörte und wo der Tümpel begann.
Sie blieb eine kurze Zeit davor stehen und wollte sich umdrehen. In diesem Moment, als sie einen Schritt vorwärts machte, zurück zu den Leuten, zum Lärm, zischte etwas. Explodierte etwas. Heiße Feuerglut fiel auf ihre Haut, fiel auf ihre Haare. Es war heiß. Sie erschrak ab dem Schmerz, der sie kurz durchzuckte. Verwirrt und voller Angst reagierte sie damit, einen Schritt rückwärts zu tun. Sie trat in Luft, fiel rückwärts und wurde von eiskalter Nässe empfangen. Kurz schwebte sie in der Finsternis des Wassers, bis sich dünne Ärmchen um sie schlossen, sie einhüllten. Nicht mehr losließen.
Verzweifelt wollte sie sich losreißen. Sie hasste Seerosen und sie wusste auch, was ihr jetzt blühte. Ihre kleine Schwester war vor fünf Jahren in einem Seerosenteich ertrunken. Niemand hatte etwas tun können.
Blühte ihr jetzt das gleiche Schicksal? Weit über ihr glitzerte ein Etwas, unter ihr nur Unendlichkeit. Sie spürte, wie ihr die Luft ausging. Eine Schlinge hatte sich um ihren Hals gewickelt. Hunderte um ihre Arme und Beine. Sie sank. Sank. Sank.
Kurz bevor sie das Bewusstsein verlor, fühlte sie, dass sie die Schlingpflanzen von ihr lösten, dass sich etwas Grosses und Schweres in ihrer Nähe befand. Doch sie bekam nicht mehr mit, dass sich starke Arme um sie schlangen, sie aus den Seerosen, an die Oberfläche zog. An die Luft. Sie sanft auf den Boden legte und dann sorgfältig begann, ihr Luft zu geben, das Wasser auf ihrer Lunge zu pumpen.
Ruckartig wachte sie auf, spukte Wasser aus, fragte sich, woher das kam. Schnappte nach Luft. Luft! Woher kam dieses starke Bedürfnis nach Luft? Ihre Lunge arbeitet auf Hochtouren. Wie ein verängstigtes Tier blickte sie sich um. Sah den Teich. Wusste wieder, was geschehen war. Fragte sich sofort, warum sie hier auf dem Kiesweg saß. Durchnässt und frierend. Obwohl es Hochsommer war, drang die Kälte durch ihre Haut.
Da sah sie ihn. Besorgt blickte er sie an, fragte sofort, ob wieder alles in Ordnung war. Er hätte das nicht gewollt, sie nicht gesehen.
Sie blickte ihn nur mit großen Augen an. Zitterte leicht aus lauter Kälte.
Er stand auf, zog sie mit und bot ihr an, schnell zu ihm nach Hause zu gehen und zu duschen. Sie seien noch vor dem Feuerwerk wieder zurück, versprach er ihr.
Sie nickte, hatte jedoch keines seiner Worte verstanden. In ihr spukte das Bild ihrer Schwester herum. Wie sie in ihrem kleinen Sarg lag. Ganz still. Fast schlafend. In ihrem süßen Kleidchen. Warum hatte man ihr nicht mehr helfen können? Warum war niemand für sie dagewesen? Es war doch IHR Teich gewesen. Der, vor ihrem Haus. Als die Familie eingezogen war, hatte sich die Kleine so sehr gefreut. Ihre Mutter auch. Beide hatten sich um den Teich gekümmert. Frösche und Fische ausgesetzt. Seerosen gesetzt.
Fragen blickte er sie an. Dann zog er sein T-Shirt aus und zog es ihr über. Es war ihr etwas zu groß, aber es war warm. Sie hätte natürlich nichts gegen eine Bettflasche gehabt. Momentan tat es das Shirt aber auch.
Er zog sie zwischen den Bäumen hindurch, in Richtung Siedlung. Er zeigt auf eines der vielen Häuserblöcke. Auf eines der obersten Fenster. Dort wohne er, erklärte er. Das interessierte sie jedoch herzlich wenig.
Warmes, nein, heißes Wasser prasselte auf sie nieder. Die Wärme breitete sich in ihr aus und ließ sie endlich wieder klar denken. Verblüfft stellte sie endlich ganz klar fest, dass sie sich unter der Dusche eines Jungen befand, der sie aus dem Tümpel gerettet hatte, in den er sie eigentlich auch befördert hatte. Gleichzeitig wurde ihr auch klar, dass er ihr sein T-Shirt übergezogen hatte. Er hatte nichts drunter angehabt. Sofort schüttelte sie ganz heftig den Kopf, dass ihre Haare gegen die Duschwand klatschten. Solche Sachen durfte sie nicht denken. Er war oben ohne vor ihr hergelaufen, na und? Das taten viele Jungs im Sommer. Doch es half nichts. Das Bild des Fremden drängte sich immer wieder in ihre Gedankenwelt.
Der Junge hatte ihr einige trockene Sachen hingelegt, nur leider waren die ihr nun wirklich viel zu groß. Na, wenigstens waren sie trocken. Und warm.
Trotzdem stand sie bei jedem Schritt, den sie tat auf die Hosenkrempe. Was der fremde Junge aber noch ganz lustig fand. Und bei jedem seiner gespielten fiesen Grinsen konnte sie nicht anders, als ihn spielerisch böse anzugucken.
Dieses Spielchen trieben sie auch, als sie den Kiesweg zurück, zum Festplatz gingen. Erst als der Lärm aus dem Festzelt sie berührte liessen sie sich sein und trabten schweigend nebeneinander her. Es war jedoch kein angespanntes Schweigen, eher ein Pause, wie sie bei jedem Gespräch entsand. Nur war ihre Pause etwas länger. Sie konnten zusammen schweigen.
Auf dem Platz mit dem Zelt angekommen, steuerte sie natürlich sofort auf ihre Tante und ihre Grossmutter zu. Er folgte ihr etwas zögernd.
Ihre Tante sah auf und ihre Augen weiteten sich. Was sie denn da anhabe, fragte sie. Die Antwort fiel in Form eines Achselzuckens aus. Dann stellte sie ihn vor. Ihre Verwandten musterten ihn kritisch. Doch nach dem ersten Gespräch hatte er die Prüfung mit Stern bestanden.
Auf dem für Frauen ja typischen Gang zur Toilette nahm ihre Tante sie zur Seite und fragte unverdrossen, ob das ihr Freund sei?
Sie war natürlich etwas überrascht ab dieser Frage, denn sie hatten doch gar nicht rumgemacht. Aber heutzutage ist jeder Typ der mit einem Mädchen redet automatisch ihr Freund.
Da sie nicht antwortete, machte sich nun auch ihre Grossmutter bemerkbar. Sie meinte, dass Sie vorsichtig sein müsse! Man wüsse ja nie!
Eingedrängt. So fühlte sie sich in diesem Moment. Beide standen um sie rum, erdrückten sie mit Fragen und Ratschlägen, liessen sie nicht zu Worte kommen. Sie drehte sich einfach um und ging.
Zurück zu ihm. Spöttisch fragte er, ob sie schon fertig sei. Keine Antwort. Sensibel, wie er war, meinte er natürlich sofort, dass er etwas falsch gemacht hätte. Untypisch für Männer. Doch sie war ihm nicht böse, doch nicht wegen solch einer Kleinigkeit! Eher war sie in Gedanken versunken. Ein solches Gespräch, wie sie eben mit ihren zwei Verwandten gehabt hatte, gibt einem zu denken.
Leise sagte sie, dass es gleich zwölf sei. Er verstand. Etwas schüchtern griff er nach ihrer Hand und gemeinsam gingen sie an den Kindern, den Familien und den Pärchen vorbei. Weg von den andern. In die Nähe des Teiches. Sie setzen sich unter einen Baum. Gute Aussicht aufs Feuerwerk. Wieder schwiegen sie. Doch beide wollten etwas sagen. Beide dasselbe. Ohne es zu wissen. Was sollten sie nun tun? Gleich ging das Feuerwerk los und da kann man nicht mehr miteinander reden. Ausser wenn man schreit. Aber wenn man schreit, hören die andern auch, was man redet. Doch das wollten sie auch nicht.
Er hielt noch immer ihre Hand. Dachte, dass er sie eigentlich loslassen könne. Aber er wollte nicht. Also tat er es auch nicht. Und sie dachte das gleiche. Wollte das gleiche. Fühlte das gleiche.
Ihre Uhren tickten. Schneller und schneller. Das Feuerwerk wurde vorbeiretet. Die letzten Vulaken verglüten. Der Teich plätscherte. Wein wurde eingeschenkt. Die Musik spielte nicht mehr.
Sie holte tief Luft, versuchte, ihr Herz vergeblich zu stoppen, wollte etwas sagen, doch das ging im beginnenden Feuerwerk unter. Und in ihrem Kuss…
By: Jari 12.08.05