Boulevard of Broken Dreams

20.01.2010 um 17:24 Uhr

Aus der Seele geschrieben

von: Jari

Als dieser Text im Literaturschock-Forum gepostet wurde, wusste ich, ich bin nicht allein! Und ich werde alt und glücklich sterben und nie wieder Bücher wegschmeissen Fröhlich


 
O b s e s s i o n   B u c h

Für echte Bücherwürmer ist Lesen nur ein Teil des Vergnügens


Wahrscheinlich ist Sammeln im Allgemeinen eine gesunde Leidenschaft. Jedenfalls will der tschechische Dichter Karel Capek festgestellt haben, dass Sammler in aller Regel ein methusalemisches Alter erreichen. Und wer da irgendwelche Zweifel hegt, der sei mit einem finalen Goethe-Wort belehrt, das da heißt: Sammler sind glückliche Menschen. Die Statistik sagt: Selbstmorde unter Sammlern sind selten. Das leuchtet ja auch unmittelbar ein. Selbst wenn alle Welt dich enttäuscht, austrickst und verlässt, so hast du immer noch deine libidinös belegten Lustobjekte, als Trost und Ermunterung auch an dunkelsten Tagen.

Allenthalben geht uns die Kultur flöten in einem Sog aus Digitalität, Information und Bilderflut. Aber wie schon Hölderlin sagte: Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Die Gegenbewegung der Kulturretter und Bewahrer marschiert längst. Zwar werden Bücherwürmer immer weniger, aber die wenigen werden immer radikaler – im Aufbewahren und Horten des Kulturgutes Buch. Es gibt da Überraschungen. Wer hätte dem Rolling Stone Keith Richards zugetraut, dass er die Klassiker des 19. und 20. Jahrhunderts in Erstausgaben sammelt?

Ein Tipp unter Freunden: Was ein Sammler überhaupt nicht hören kann, ist die saudumme Frage „Haben Sie das alles gelesen?“ Nur Banausen fragen das. Natürlich hat man das nicht alles gelesen. Aber schon der Besitz des Gesamtwerkes von Martin Walser in Erstausgaben, womöglich noch signiert, ist ein verdammtes Lustgefühl. Außerdem stehen die Bücher jederzeit griffbereit. Man kann, anstatt fern zu sehen, vor das Regal treten, sich einem Gedichtband des Barocklyrikers Andreas Gryphius greifen und ein Stündlein mit Muße darin lesen. Kein Tommy Gottschalk kann da mithalten.

Man lasse sich nicht von der unscheinbaren äußeren Harmlosigkeit gewisser Sammlernaturen täuschen. Sammler sind brandgefährlich. Sie sind Fanatiker, ja, obsessive Triebtäter. Da gab es in Leipzig jenen Pfarrer Tinius (1764 – 1846), der raubte und mordete, um sich die teuersten Bücher leisten zu können. Am Ende büßte er seine 80 000 Bände mit zehn Jahren Zuchthaus ab. Wir müssen ihn uns als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Harmloser war da schon der erste deutsche Nobelpreisträger für Chemie, Wilhelm Oswald. Dessen Landsitz drohte unter der Last seiner 40 000 Bücher den Berghang hinunter zu rutschen. Er musste die Fundamente verstärken lassen. Und unlängst hat die Feuerwehr in Kaiserslautern die Bibliothek eines Rentners ausgehoben, weil das Haus unter der Last einzustürzen drohte. Man sieht: Sammler kennen keine Rücksicht auf nichts und niemanden. Der wahre Sammler findet nichts dabei, mit seiner Batterie die profane Umwelt schlichtweg zu vernichten.

Wer mit Sammlern umgeht, sollte noch zwei Punkte beachten: Erstens verleihen Sammler nie Bücher. Weil die Leihnehmer gar nicht begreifen, dass an jedem Exponat das Herzblut des Sammlers hängt. Mancher vergisst das Zurückbringen und denkt sich nichts dabei. Zweitens ist die Behauptung, man habe keinen Platz für Bücher, zuhöchst ideologisch und wird vom Sammler nicht gern gehört. Platz für Bücher gibt es immer. Jene Leute, die behaupten, sie hätten keinen Platz, finden nichts dabei, wertvolle Regalflächen mit allerlei Kinkerlitzchen zu drapieren wie Batiktücher, geknüpfte Teppiche, unnötige Wäscheschränke, blinde Spiegel und schlechte Gemälde.

Jeder Sammler von Büchern hatte irgendwann mal seine Initialzündung, seinen Sündenfall oder seine glückliche Weichenstellung, je nachdem. Da kommt man nicht umhin, von sich selber zu reden. Was mich anlangt, so ging ich in den frühen Achtziger Jahren mal auf einen Berliner Flohmarkt. Auf Bücherpirsch, was sonst? Da war ein Mann, der hatte ein erstaunlich breites Angebot an Erstausgaben aus der Nachkriegszeit.

Er sagte, zu Hause habe er noch viel mehr davon. Er lud mich zu sich ein und da gewahrte ich es dann: Die ganze Wohnung war regelrecht zugepflastert mit zigtausend Erstausgaben deutscher Nachkriegsliteratur. Von diesem Augenblick an war ich verloren. Heute ist meine eigene Wohnung zugepflastert mit zigtausend Erstausgaben deutscher Nachkriegsliteratur. Einsames Glanzstück: „Zettels Traum“ von Arno Schmidt, von ihm selbst signiert.

Oh ja, Büchersammeln ist eine schlimme Obsession. Man weiß nicht, wo man am Ende heraus kommt. Vielleicht muss die Feuerwehr auffahren. Manchmal denkt man selbstkritisch: Das ist kein Tick mehr, es ist schon ein Wahn. Dann beruhigt man sich wieder: So weit wie Pfarrer Tinius würde unsereins immerhin nicht gehen.

(Von Manfred Stuber, Mittelbayerische Zeitung) 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenWari schreibt am 21.01.2010 um 08:31 Uhr:dann bin ich kein echter sammler ... ich lese meistens alle bücher, die in meine vier wände wandern und ich gebe sie gerne weiter, verleihe und verschenke sie, weil ich nichts schlimmer finde, als wenn bücher im regal vor sich hindümpeln, obwohl ihr sinn doch darin besteht, den menschen eine botschaft zu vermitteln und beim lesen freude zu bereiten.
    dann reihe ich mich ein in die riege der bücherliebenden verleiher und verschenker :)
  2. zitierenJari schreibt am 21.01.2010 um 08:40 Uhr:Auch das ist eine Form der Liebhaberei, vielleicht sogar die richtigere. Denn, wie du sagst, haben Bücher eine Botschaft, weswegen ich es wirklich schön finde, dass du deine Bücher weitergibst, damit sie ihren Zweck erfüllen können. Ich hänge zu sehr an meinen Lieblingen, als dass ich sie weitergeben könnte....

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