Boulevard of Broken Dreams

07.09.2014 um 11:25 Uhr

Zur Frage der Kunst

von: Jari

Ich poste diesen Beitrag in meinem normalen Tagebuch, obwohl ich es eigentlich auch auf dem Film- und dem Bücherblog eintragen könnte. Aber da es ein für mich übergreifendes Thema ist, kommt es hierhin.
 
Angefangen hat es mit der Gehaltsdiskussion bei den Darstellern der Serie "The Big Bang Theory". Einige wollten mehr und durch die Verhandlungen wurden u.a. einige Drehtermine nach hinten verschoben. Pessimisten sahen bereits das Ende der Serie. Das trat zwar nicht ein, vermieste mir aber ein wenig die Show. 
 
Nun kam genau dies im Bücherforum wieder zur Sprache. Im Gegensatz zu den Bloggern hier (wir wissen, wer gemeint ist :), waren die Teilnehmer des dortigen Forums der Meinung, dass das Verhalten der Darsteller völlig in Ordnung ist. Dabei muss ich anmerken, dass es mir nicht darum geht, dass sie mehr Geld verlangt haben, sondern dass sie ihre eigene Serie in Gefahr gebracht haben, nur um mehr Geld zu bekommen. Diese Gier ist es, die mir sauer aufstösst. Aber anscheinend ist dies in unserer Gesellschaft ein akzeptables Verhalten.
 
Jemand schrieb: "Es ist ihr Job. Ich denke nicht, dass sie da mit Herzblut dabei sind."
 
Dieser Satz, genau dieser eine Satz hat mich in eine tiefe Krise gestürzt. Bisher war Kunst für mich etwas anderes als Fliessbandarbeit, bei der man Küchenutensilien herstellt. Etwas anderes als ein "normaler" Beruf. Schliesslich geht es um Kreativität. Kunst, da schliesse ich Autoren, Maler, Schauspieler, Musiker mit ein.
 
Bisher dachte ich, dass es diese Berufe, diese Leute sind, die der Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft noch etwas Glanz verleihen. Ein Künstler gibt doch ein Teil seiner selbst in sein Bild. Will ein Musiker mit tiefgründigen Texten nicht aufrütteln? Will ein Autor mir mit seiner Geschichte nicht die Augen öffnen? Wird einem die Figur, die man jahrelang darstellt, nicht irgendwann wichtig? So wie David Tennant, der gesagt hat: "Ich? Ich bin der Doctor."
 
Bisher strahlten Bücher für mich. Aber jetzt? Geht es wirklich nur ums Geld? Habe ich so falsch gelegen? Schreibt jemand ein Lied wie "Over the rainbow" nur, um Geld zu verdienen? Ist "Herr der Ringe" nur entstanden, weil jemand wusste, dass sich das verkaufen würde? Greift man zu einem Pinsel, in dem Gedanken "das macht mich jetzt reich?".
 
Ist die Seele wirklich nicht mehr vorhanden?
 
Wenn jemand mit dem, was er gut kann, Geld verdient, ist das super. Ich gönne J.K. Rowling ihren Erfolg in vollen Zügen. Dennoch hatte sie nicht nur Geld im Kopf, als sie schrieb, oder? Sie sagte selbst, Hermine sei ihr sehr ähnlich. Dann muss doch da mehr vorhanden sein, als der blosse Gedanke ans Geld. Oder irre ich mich?
 
Geld kann man doch auch anders bekommen.
 
Ich glaube, ich stecke aktuell in der grössten Lesekrise meines Lebens. Wieso sollte ich einen Autoren unterstützen und seine Bücher kaufen, wenn er eh nur Massenware produzieren wollte. Wenn er keine eigene Geschichte erzählen möchte, wenn er nicht den Drang hat, etwas aufzuschreiben, sondern nur denkt: "Hey, ich will Geld verdienen. Womit werde ich reich? Hm... ah! Damit!"
 
Wieso sollte ich noch CDs kaufen? Noch auf Kunstausstellungen gehen? Dann kann ich doch mir doch gleich ein anderes Hobby zulegen. Dann kann ich gleich abendelang auf Facebook rumsurfen.
 
Ist die Kunst wirklich tot? Ist Kunst ebenso seelenlos wie ein im Eilprogramm produzierter Gebrauchsgegenstand?
 
War ich wirklich so lange blind? Ich verstehe es einfach nicht. Wenn ich etwas mag, dann wird es ein Teil meines Lebens. Wenn ich ein Bild zeichne, dann lege ich meine Gedanken, meine Sorgen hinein. Ebenso, wenn ich eine Geschichte schreibe oder ein Lied höre. Ich dachte, ich könne die Seele des Erschaffers fühlen. Hab ich mir das also nur eingebildet?
 
Ist der einzige Gedanke, den ein Mensch antreibt, der nach Geld? Geld ist wichtig, aber doch nicht alles. Wie viele Schriftsteller können vom Schreiben leben? Wie viele Maler sind arm gestorben? Wie viele Musiker haben erst durch selber gedrehte Clips auf Youtube einen Plattenvertrag erhalten?
 
Ich kaufe regelmässig Postkarten von redbubble.com. Künstler können dort ihre Werke zu Pullis, Postern, Postkarten etc. machen lassen. Ich liebe es, dort einzukaufen. Nein, diese Leute bekommen nicht viel. Ein paar Cents vielleicht und doch habe ich das Gefühl, dass es den Leuten dort primär ums Gestalten geht. Wenn dann ein paar Leute kommen und ihre Produkte kaufen - klasse! Dasselbe Gefühl hatte ich in diversen Kunsthallen von Anime/Manga-Künstlern. Die sitzen dort und zeichnen und wenn jemand kommt und ihre Produkte kaufen, freuen die sich wie blöd.
 
Geht es nicht darum, das Schöne mit anderen zu teilen? Das, was einem am Herzen liegt in die Welt hinauszutragen?
 
Nehmen wir Y-Titti, eine Youtube-Band, die relativ bekannt wurde. Ich habe ihr Album heruntergeladen, ziemlich günstig. Und dann ging ich hin und hab mir das Album gekauft. Weil ich ihre Musik gut finde und sie unterstützen möchte.
 
Haben diese Jungs wirklich gedacht, sie würden mit ihren Parodien einmal reich werden? Damals, als ihr erstes Video gemacht haben? War das ihr einziger Gedanke? "Hey, wir tun so, als hätten wir Spass und mögen uns, aber Hauptsache es gibt Kohle?"
 
Würden dann nicht alle Autoren ihre Version von "Shades of Grey" schreiben? Das verkauft sich doch. Wieso etwas Neues machen? Wieso sich neue Figuren ausdenken, wenn sie doch schon existieren? Machen wir aus bloden Haaren einfach braune und fertig.
 
Ich kann das irgendwie nicht glauben. Bin ich einfach naiv?
 
Unterdessen habe ich mir bereits vorgenommen, nicht mehr so nett und freundlich zu sein. Man muss sich der verrohenden Gesellschaft anpassen, wenn man überleben will.
 
Die Kunst war mein letzer Rückzugsort. Dort hat man Freunde, die einen nicht verlassen. Oder die Lieblingsband, die für jedes Gefühl das passende Lied hat. Ein Bild, das so viel ausdrücken kann. Eine TV-Serie, die einem so nahe geht, dass man am liebsten selbst dabei wäre, um den Helden zu helfen.
 
Eigentlich dachte ich, es gäbe eine gewisse Linie, an die ich mich halten könnte. Zum Beispiel "My Little Pony". Klasse Serie und riesige Marketing-Aktionen dahinter. Natürlich. Aber ich würde diese lieblos gemachten Plastikspielzeuge niemals kaufen. Eben weil sie der Serie nicht gerecht werden. Den Comic dagegen, der so genial gezeichnet und durchdacht ist, davon kaufe ich mir jede Ausgabe.
 
Gibt es diese Linie gar nicht?
 
Ich bin verwirrt und traurig und habe das Gefühl, einen grossen, wichtigen Teil meines Lebens verloren zu haben. Und momentan kann ich nicht sagen, ob ich ihn jemals wieder finden werde...
 
Ist Kunst wirklich tot?

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenGewuerzgurke schreibt am 07.09.2014 um 12:26 Uhr:Ich glaube einfach, dass man es nicht komplett in schwarz oder weiß sehen kann. Ich bin mir sicher, dass es viele Künstler gibt, die mit ganzem Herzen und uneingeschränkter Leidenschaft dabei sind. Aber es ist eben einfacher alles nur auf diese Art zu machen, wenn man es nebenbei macht, nicht als "Beruf". Denn auch Künstler müssen ihren Lebenserhalt bestreiten. Von ein paar Euro die man mal für etwas bekommt, kann man keine Miete zahlen, das ist nunmal so. In dem Moment in dem man etwas Hauptberuflich macht, kann man nicht mehr nur das machen, was einem selber gefällt, zumindest in den seltensten Fällen. Ich glaube es gibt viele Gründe Kunst zu machen und die wenigsten davon schließen sich gegenseitig aus und man sollte nie von einem auf alle schließen. Ich sage: nein, Kunst ist nicht tot. Sie befindet sich in einem stetigen Wandel, genau wie alles auf der Welt. Was gut ist, denn Stillstand ist Tod.
  2. zitierenSweetFreedom schreibt am 07.09.2014 um 12:30 Uhr:Hallo Jari,
    ich könnte dazu Romane schreiben. Zwei kurze Anmerkungen deshalb schon einmal, weil es mir leidtut, daß Du in der Lesekrise bist. *ziehziehpullpull*
    Könnten die Darsteller der "Big Bang Theory" nicht beides sein, idealistisch und mit der Serie verhaftet und doch irgendwie auch ein bißchen habgierig? Sie sind ja Menschen. Sie sind vielleicht auch Künstler, aber leben müssen sie auch. Ich habe die Diskussion nur am Rande mitbekommen, aber vielleicht könnte es sein, daß die Kluft zu den Filmdarstellern zu groß war, die Serie aber weltweit eben sehr beliebt ist und die Leute mal einen Teil des Kuchens abhaben wollten? Die meisten Schauspieler sind doch arme Schlucker, die von Stück zu Stück leben. Wer weiß, was ihre Zukunft bringt?
    Daß es soweit ging, daß die Serie in Gefahr war, ist natürlich schon heftig.
    Ich wollte noch loswerden, daß Du bitte nicht mit der verrohenden Welt mitschwimmen sollst! Bitte, bitte, die sensiblen Menschen brauchen ein großes Selbstbewußtsein, um nicht kaputtzugehen, aber ohne sie wäre die Welt ein bißchen ärmer. Mach' nicht die Fehler der anderen mit. Handle weiterhin so, daß Du Dich noch gut im Spiegel anschauen kannst. Steht nicht auf Deiner anderen Seite sogar Immanuel Kants Kategorischer Imperativ???
    Laß Dich nicht verunsichern, die Menschen sind überall gleich. Ob nun Arzt oder Künstler, es gibt keine schlechteren oder besseren Menschen. Wir haben alle ein schönes Grau, Mischung aus Schwarz und Weiß.
    Ich schicke Dir liebe Grüße, während ich mich mit dem Frauenbild im "Experiment" herumschlage...
    Hab' einen schönen Sonntag! :-*
    SweetFreedom
  3. zitierenmovie_tv_addict schreibt am 07.09.2014 um 14:04 Uhr:Hallo Jari!

    Es stimmt mich traurig, diesen Eintrag von dir zu lesen. :-(

    Bitte, bitte, sei nicht traurig, denn auch ich kann dir versichern:
    Die Kunst ist NICHT tot, und wird auch NIE aussterben!

    Wie du ja weißt, gibt steht bei Büchern nicht der Kommerz über der Kunst, sondern immer noch umgekehrt, so fällt es jedenfalls mir auf.

    Bei Filmen und Serien darfst du dies nicht so oberflächlich betrachten.
    Jemand, der sich Filme und Serien einfach nur so ansieht, der wird nur den großen Kommerz (oder anderes Wort: Blockbuster) sehen, denn die großen Produktionsstudios wollen einfach nur Kasse machen, aber es gibt unterhalb dieser geldgierigen Oberfläche immer noch ein kleines Dorf von Idealisten, die Kunst dem Mann / der Frau näherbringen, beziehungsweise wirklich eine Geschichte erzählen wollen, deshalb gibt es in meiner Hobbywelt (eben der der Filme und Serien) die sogenannten Independentbereiche, die Autorenbereiche, die Crowd-Funding-Bereiche, und, und, und.

    Ein paar Beispiele, von denen es noch viel mehr gibt:
    Regisseur James Gunn ("Super", "Slither") hatte seine Ausbildung bei Troma Entertainment. Dies ist eine amerikanische Independent-Produktionsfirma, die lediglich maximal 1 Million, wenn überhaupt, ihren Regisseuren zur Verfügung stellt, und sagt: Mehr gibt es nicht, mach was gscheites draus!.
    Somit lernen die dortigen "Lehrlinge", wie man mit wenig Geld eine Geschichte erzählt, und somit lernt, Figuren und Story und Emotionen und Kunst in den Vordergrund zu stellen, und nicht nur, wie eben bei hirnlosen Blockbustern, Unmengen an Spezialeffekten zu verpulvern, nur, weil dies die Anhänger des Popcorn-Kino so haben wollen, und schön viel Geld nur wegen dieser Berieselung ausgeben.
    James Gunn hat es gelernt meiner Meinung nach, zeigt er auch stolz mit seinem ersten Blockbuster, er ist nämlich der Regisseur von "Guardians of the Galaxy". Im Vergleich zu den anderen Marvel-Blockbustern ist dieser hier komplett anders, denn er hat Herz, er hat Gefühl, er kümmert sich um die Charaktere und deren Tiefen, er vermittelt sehr schön dass Wichtige an einer Gemeinschaft, an einer Familie. Es gibt zwar auch Action und Spezialeffekte, die sind aber lediglich dazu da, gegen Ende zu einem Schluss zu gelangen.

    Neill Blomkamp ist der Regisseur von "District 9" und "Elysium", also zwei Science-Fiction-Filme, die allen voran Kritik an Gesellschaft und Politik übt. Ich habe mal gelesen, dass Neill Blomkamp gefragt wurde, ob er denn nicht Regie führen möchte bei "Star Wars 7", und er sagte ab mit der Begründung, dass er nicht im Mainstream tätig sein möchte.

    Der Regisseur Spike Jonze macht nur nachdenkliche, kleine Filme (aktuellster: "Her").

    Dies sind nur drei Beispiele, aber ich versichere dir, es gibt noch viele, viele mehr.

    Der Teller ist zwar randvoll nur mehr mit Geldgier, aber darüber und darunter befinden sich immer noch einige wenige Menschen, die sich dieser nicht hergeben.
    Und solche Leute sind es, die ihre geliebte Kunst, das Vermitteln verschiedenster Werte und so weiter auch in einen großen Blockbuster unterbringen können.
    Und schlussendlich bleibt dann auch in den Köpfen der vielen Popcorn-Kino-Geldausgeber, wenn auch nur im Hinterkopf, aber es bleibt, die Kunst hängen.

    Bitte, bitte, gib nicht auf, mach weiter mit deiner Kunst, deinem Bücherlesen und so weiter, lass DIE nicht gewinnen.

    Auch nur ein einziger Mensch, der sich dem System beugt, kann sehr viel erreichen, und wir beide wissen, dass es jede Menge Filme, Serien, Bücher mit dieser Aussage gibt. ;-) :-)

    Ich hoffe, ich konnte dich einigermaßen aufmuntern!? :-)

    LG
    Stephan
  4. zitierenSandsturm schreibt am 07.09.2014 um 15:33 Uhr:Ich kann mich da den anderen nur anschliessen. Bestimmt gibt es Künstler, die nur aufs Geld aus sind. Sagen wir mal diese etlichen Abklatsch Stories von Twilight. Das kann sehr gut pure Geldmacherei sein. Aber ich glaube nicht, dass alle Künstler so sind. Ein paar persönliche Beispiele: Ich schreibe sehr gerne in meiner Freizeit. Ich fange immer mal wieder Geschichten an, die mir im Kopf herum spuken. Mir käme es nie in den Sinn, so eine Geschichte nur mit dem Hintergedanken an Geld zu machen. Schliesslich schreibe ich in meiner Freizeit, ich tue das freiwillig und mit vollem Herzblut. Es bedeutet mir viel mehr, was für ein Feedback mir andere Leute für meine Geschichte geben, anstatt was für eine Note (in einem Aufsatz) ich habe. Ich glaube daran, dass echte Künstler nicht über das Geschäft nachdenken. Kunst ist ihre Therapie, ihre Leidenschaft. Sie selbst sind ihre grössten Kritiker und das Feedback anderer oder der eigene Stolz auf die Schöpfung bedeutet meiner Meinung nach, tausendmal mehr als bloses Geld.
    Natürlich gibt es auch andere Künstler, die vielleicht wirklich nur geldgierig sind. Es gibt eben immer zwei Seiten. Aber bitte gib die gute Seite nicht auf, nur weil eine schlechte existiert. *umarm* :)
  5. zitierenJari schreibt am 08.09.2014 um 20:51 Uhr:Vielen Dank für eure tollen und spannenden Antworten. Unterdessen geht es mir wieder etwas besser. Nicht alle sind nur auf Geld aus, und diejenigen die es sind, und dafür gute Bücher/Serien machen - was solls :D Vielen Dank, dass ihr mich auf neue Gedanken gebracht und auch wieder mit aufgebaut habt.
    Aktuell lese ich noch immer etwas weniger, aber immerhin ist der gröbste Widerwille gegenüber den Büchern weg. Der Rest wird bestimmt folgen.
  6. zitierenmovie_tv_addict schreibt am 08.09.2014 um 21:08 Uhr:Freut mich zu lesen, dass es dir wieder besser geht. :-)

    LG
    Stephan

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