Die Natur-Philosophie von D'Holbach

07.10.2016 um 20:31 Uhr

Von verschiedenen Verbindungen und Bewegungen der Materie (abstract 3. Kap.)

von: divico   Stichwörter: Atheismus, Natur, Materie, Evolution, Wille, Drang, Geist

2006-01-04 – 11:25:32 erstmals

Im 3. Kapitel führt Holbach sein materialistisches Grundkonzept der Bewegung weiter aus. Man habe die Materie bisher für ein einziges, rohes, passives Ding gehalten (das von einem "Geist" beeinflusst und gesteuert wird). Um dies zu widerlegen geht es Holbach in den Anfangskapiteln. Unter Bewegung versteht Holbach auch die Sinneseindrücke ("Affektionen"), womit wir die Eigenschaften der Dinge wahrnehmen, die sich durch Ausdehnung, Beweglichkeit, Teilbarkeit, Festigkeit, Widerstandskraft auszeichnen. Aber auch die Veränderungen (Modifikationen) in der Materie sind allein durch Bewegung bedingt. Nur durch Bewegung wird alles Existierende erzeugt, verändert, zum Wachsen gebracht und zerstört. Dies gilt für die drei "Reiche der Natur", womit er wohl unbelebte Materie, Pflanzen- und Tierwelt meint, zu welcher auch der Mensch gehört. Alles verändert sich. Streng genommen kann kein Körper in zwei Momenten seiner Dauer der gleiche sein [panta rhei - alles fliesst]: er muss jeden Augenblick zunehmen oder abnehmen und wird gezwungen, Veränderungen in der Seinsweise zu erfahren.


Es kann keine Materie [und keine Energie] verloren gehen; diese wandelt sich nur um. Die Tiere, die Pflanzen und die Mineralien geben mit ihrer Auflösung bzw. Tod der Natur, d.h. der allgemeinen Masse der Dinge [Materie] nach einer gewissen Zeit die Elemente oder Grundstoffe zurück, die sie daraus entliehen haben. Gemäss der klassischen 4-Elementelehre gehen die entsprechenden Stoffe zurück an die Erde, die Luft, das Wasser und das Feuer. Unter letzterem versteht Holbach die (inhärente) Wärmeenergie eines Stoffes oder Körpers. Er schreibt, dass z.B. alkoholische Getränke entzündliche feurige Stoffe enthalten, welche die organischen Bewegungen der Lebewesen beschleunigen, indem sie Wärme mitteilen. Auf diese Weise verleihe der Wein Mut und (massvoll genossen) sogar "Geist" [in vino veritas], obgleich der Wein ein materielles Ding ist. Das tönt heute etwas skurril, es hat aber etwas Erfrischendes an sich, wie unbefangen Holbach mit diesen Ideen umgeht. Das steht in den lateinisch abgefassten Fussnoten, die z.T. sehr interessant sind. Eine kleine Kostprobe: Destructio unius generatio alterius - die Zerstörung des einen ist die Erzeugung des anderen. Gemäss Empedokles könne nichts gänzlich untergehen; es gibt nur eine Verbindung und Trennung von Stoffen. Man sieht einmal mehr: Alle grossen Denker sagen in etwa das Selbe.


Das ist der beständige Gang der Natur; das ist der ewige Kreislauf, den alles Existierende beschreiben muss. Auf diese Weise lässt die Bewegung die Teile des Universums nach und nach entstehen, erhält sie einige Zeit und zerstört sie, während die Summe des Existierenden immer die gleiche bleibt. Die Natur (der Kosmos) erzeugt durch ihre Verbindungen Sonnen, die in die Zentren ebenso vieler Systeme gestellt werden; sie bringt Planeten hervor, die aufgrund ihrer Masse gravitieren und die Bahnen um diese Sonnen herum beschreiben; allmählich verändert die Bewegung die einen und die andern [so wird die Erdrotation Sekundenbruchteile langsamer] ; sie wird vielleicht eines Tages die Teile zerstören, aus denen sie diese wunderbaren Massen zusammengesetzt hat, die der Mensch in der kurzen Zeit seiner Existenz nur in einem vorübergehenden Zustand erblickt. Das kann man wohl für die ganze Menschheit in der Dauer ihrer Existenz sagen.


Es ist also die fortwährende, der Materie innewohnende Bewegung, die alle Dinge verändert und zerstört nach ihren jeweiligen Eigentümlichkeiten im ganz Grossen (Kosmos) als auch im ganz Kleinen (Molekle, Atome). Aus den Bewegungen (Verbindungen und Auflösungen) entstehen unendlich viele unterschiedliche Seinsweisen und Wirkungsarten.

Das Prinzip der Bewegung ist erst auf der materiellen Ebene noch nicht auf der personalen Ebene (als Beweger/Bewegter) beschrieben.


Aus dem Bewegungsprinzip kann gefolgert werden, dass man ohne "Gott" oder eine Beweger in einer anderen Dimensionen auskommt. Das gelinge nur, wenn man den Schritt wagt, in den Begriffen "Natur" und "Materie" [Matrix] auch wirklich all das zu finden, was man als transzendent oder metaphysisch versteht. Ein Besucher schrieb: Das Prinzip von Beweger und Bewegter (actio und reactio; das wird im 4. Kapitel von Holbach vertieft) - man stelle sich ein rotierendes Yin-Yang-Zeichen vor - sind elementar genug, um wirklich jedem noch so ausufernden Glaubenssystem Platz zu bieten, zumindest als Modell, als Theorie. 


Eigene Gedanken, zu denen ich durch jahrelanges philosophisches Nachdenken über Holbach und andere Denker gekommen bin:

Wem die Materie und die Natur zu nüchtern ist, zu wenig metaphysisch, der bedenke die Bedeutung dieser Begriffe (diese sind ja dazu da, die Welt zu begreifen) . Materie kommt von lat. mater (Mutter), ist also der Mutterstoff, aus dem alle Dinge entstehen, Von unserer Mutter haben wir unseren Leib, der uns  so gegeben ist, wie er ist, mit den Anlagen, Stärken und Schwächen. Wir haben nur diese einen Eltern  (ob reich und gesund oder arm und krank), die wir nicht ausgesucht haben. Wir sind auch nicht gefragt worden, geboren zu werden. Der die ganze Natur durchwaltende Wille (Schopenhauer) oder Drang (ich) hat uns ins Leben geworfen, wie die Existenzialisten sagen. "In this world we're thrown, like a dog without a bone", sangen the Doors.


Natur kommt von lat. nasci d.h. geboren werden. Die Materie oder Natur erzeugt, produziert, bringt neue Dinge oder Wesen hervor, die wieder vergehen. Das ist die natura naturans, die schaffende Natur.

Dahinter ist kein "Geist", der das Ganze angeblich steuert. Die Prinzipien, die Gesetze, nach denen die Materie/Natur schafft, sind mit dem Urknall entstanden und unveränderlich und ewig, sagt Holbach, der aber nichts vom Urknall wusste. Mit der Evolution, wörtlich "Auswicklung" besagt nur, dass die Materie/Natur alle Möglichkeiten potentiell (potentia) in sich enthält. Da ist kein Plan und kein Ziel, der im Menschen als angeblich geistig höchstes Wesen resultiert. Nach einigen Tausend oder Millionen Jahren, eher früher als später, wird die Menschheit vergangen sein, und die Welt wird immer noch existieren. Vor einigen Hundert Millionen Jahren ist das meiste Leben und die damaligen Tiere auf der Erde ausgestorben. Das war lange vor Entstehung der Saurier, die 150 Millionen Jahre die Erde erfolgreich besiedelt haben. Aber auch die Saurier sind ausgestorben, und die Säugetiere sind entstanden und die Primaten, zu denen wir gehören.


Exkurs: Man kann alles Mögliche lesen über den "Geist". Ich habe jahrelang nachgedacht, was "Geist" ist oder sein könnte. Man könnte sehr viel schreiben, hier nur einige meiner Gedanken, die andere wahrscheinlich auch schon gedacht haben. Der "Geist" ist erst mit dem Menschen entstanden: Geist ist nützliche Information. Diese setzt eine Trägersubstanz voraus, ist also in der Materie, z.B. im Erbgut oder Gehirn enthalten. Geist/Information ist Erkenntnis der Dinge; das brauchen nur denkende Wesen (Subjekte), die sich in einer Umwelt zu Recht finden müssen. Das heisst, ein Denken, das sich selber denkt (oder dergleichen Metaphern), gibt es nicht. Eine gewisse Denkfähigkeit haben auch Tiere, indem sie Information speichern und entsprechend reagieren. Aber nur der Mensch denkt, reflektiert über die Welt als Ganzes und sich selber, und weiss, dass er eines Tages sterben wird.

29.09.2016 um 14:30 Uhr

Bewegung: das Grundprinzip der Materie

von: divico   Stichwörter: Atheismus, Materialismus, Holbach

Von der Natur (abstract 1, Kap., I. Teil)

2005-12-21 – 16:39:22 (erstmals)

Viele durch die Einbildungskraft (Fantasie) geschaffene Gedankensysteme verkennen, dass der Mensch das Werk der Natur, Teil der Natur ist, in welcher er existiert und deren Gesetzen (von Ursache und Wirkung) er unterworfen ist. Der Mensch kann sich nicht von der Natur frei machen, nicht einmal durch Denken. Vergeblich strebt sein "Geist" (Denken) über die sichtbare Welt hinaus. Für ein Ding (wie der Mensch), das durch die Natur geformt und durch sie begrenzt ist, existiert nichts ausserhalb des Grossen Ganzen (was ich als Matrix bezeichnete), zu dem er gehört und dessen Einflüssen er unterworfen ist. (Gedankliche) Dinge, von denen man annimmt, sie stünden über der Natur oder seien von ihr verschieden, bleiben immer TRUGBILDER, von denen wir uns keine wirkliche Idee (Vorstellung) machen können, weder vom ORT, den sie einnehmen, noch von ihrer WIRKUNGSART. Es ist NICHTS, und es kann nichts ausserhalb der Begrenzung geben, die ALLE DINGE umschliesst.

Der Mensch höre also auf, ausserhalb der einen existierenden Welt Wesen zu suchen, die ihm Glückseligkeit oder den letzten Sinn verschaffen sollen [den Sinn für sein Leben muss er selber finden]. Er beobachte und studiere die Natur, ihr unveränderliches gesetzmässigen Wirken durch die in ihr wohnende universelle Kraft.

Der Mensch ist eigentlich ein rein physisches Wesen auch unter moralischen Aspekten. Seine sichtbaren Handlungen – ebenso wie die unsichtbaren in seinem Innern erzeugten Bewegungen (Emotionen), die von seinem WILLEN oder DENKEN herrühren, sind gleichermassen natürliche WIRKUNGEN, notwendige Folgen eines dem Menschen eigentümlichen Mechanismus und der ANTRIEBE, die er von den ihm umgebenden DINGEN (Objekten) erhält.

Alles was der menschliche „Geist“ (seine Fähigkeit zu Denken) nach und nach entdeckt und erfunden hat, um seine Seinsweise zu verändern oder zu verbessern, ist nur eine notwendige Folge des dem Menschen bzw. des den Dingen, die auf ihn unablässig wirken, eigentümlichen Wesens.

Alles, was wir tun und denken; alles, was wir sind und sein werden, ist immer nur eine FOLGE dessen, wozu uns die universelle Natur [in der alles zusammen hängt] gemacht hat. Alle unsere IDEEN, unser WILLE, unsere HANDLUNGEN sind notwendige Wirkungen des WESENS und der Eigenschaften und der Fähigkeiten, mit denen uns diese Natur ausgestattet hat. Oder wie Kant sagte: Es gibt keine Erkenntnis ausserhalb der Erfahrung.

Das Universum [wörtl. das Ins-eine-Gewendete], die grosse Vereinigung alles Existierenden, zeigt uns überall nur MATERIE und BEWEGUNG (lat. motio): seine Gesamtheit zeigt uns nur eine unermessliche und ununterbrochene Kette von Ursachen und Wirkungen. Einige dieser Ursachen sind uns bekannt, weil sie unmittelbar unsere SINNE, mit denen wir die Welt wahrnehmen, affizieren (wörtl. an-machen); andere sind uns unbekannt, weil sie uns nur durch Wirkungen beeinflussen, die von ihrer ersten Ursache entfernt sind. Sehr mannigfaltige und in unendlich verschiedener Weise verbundene Stoffe (und Dinge) erhalten und vermitteln unaufhörlich unterschiedliche Bewegungen. Die (sinnlich erkennbaren) verschiedenen Wirkungsarten machen für uns das WESEN DER DINGE aus, aus diesem ergeben sich die verschiedenen Ordnungen, Stufen und SYSTEME, die alle Dinge einnehmen, deren Gesamtheit das ist, was wir die NATUR nennen. So ist die NATUR (gr. Physis) in der weitesten Bedeutung des Worts das grosse Ganze (das HOLON, wenn man so will).  Natur im engeren Sinn wird auch als Wesensart der verschiedenen Dinge, beim Menschen der Körperbau (Holbach meint alle seine physischen und psychischen Eigentümlichkeiten); die Art und Weise wie der Mensch empfindet, denkt, handelt, sich bewegt, sich von den Dingen (emotional) bewegen lässt. Die verschiedenen Systeme der Dinge hängen vom Hauptsystem ab, vom Grossen Ganzen, von der universellen Natur, zu der sie gehören und mit der alles Existierende notwendig verbunden ist.

Wenn von den Gesetzen (Zusammenhängen) der Natur die Rede ist oder gesagt wird, die Natur bringe eine Wirkung (irgendeines Dinges) hervor, so will D’Holbach klar machen, dass die Natur eine ABSTRAKTES DING ist und nicht personifiziert werden soll. Die Natur wird also NICHT als mit Wissen und Willen ausgestattetes personales Wesen verstanden.

Unter WESEN versteht Holbach (und andere) auch noch, was ein DING zu dem macht, was es ist; die Summe seiner Eigentümlichkeiten oder der Eigenschaften, denen zufolge es existiert und auf bestimmte Art wirkt (das ist die andere Bedeutung von Wesen). An anderer Stelle bezeichnet spricht er von der individuellen SEINSWEISE (eines Dinges), was WESEN (lat. ens) als Verb wörtlich bedeutet.

 

Von der Bewegung und ihrem Ursprung (abstract 2. Kap. I. Teil)

2005-12-27 – 21:33:01 (erstmals)

[Dieses Kapitel (verbessert. 28.12.05) ist so wichtig, dass ca. 2 A4-Seiten Text umfasst.] Eigentlich wissen wir nicht was, was Raum, Zeit, Materie sind, obwohl diese unsere Welt ausmachen. Nach Kant sind Raum und Zeit die Grundanschauungsformen, sind also a priori gegeben. Diese Kategorien denken wir immer im Hintergrund mit. Wenn wir denken, denken wir uns oder die Dinge immer irgendwo im Raum, auch wenn dieser imaginär ist.

Was die Materie betrifft, so ist die Modellvorstellung gemäss der Naturphilosophie von Holbach schlicht genial.

Die Materie (alle Dinge) zeichnet sich v.a. durch Bewegung aus, was die Äusserung einer immanenten Kraft ist. Durch diese Kraft verändert ein Körper oder ein Ding seinen Platz (Ort) im Raum oder will ihn verändern, z.B. die Distanz zu einem andern Körper oder Ding.

Eigentlich ist alles auf Bewegung zurückzuführen. Diese stellt zwischen unseren Sinnes-Organen [Erkennen] und all den um uns befindlichen Dingen eine Beziehung [Kausalität] her; nur infolge der Bewegung wirken diese Dinge auf uns, erkennen wir ihre Existenz, beurteilen wir die Eigenschaften, begehren oder verabscheuen wir sie.

Gemäss Schopenhauer stellt das in der Natur allgegenwärtige Prinzip von Ursache undWirkung, also die Kausalität,  das grundlegende Prinzip der Erkenntnis der Natur dar. Seine Doktorarbeit befasste sich mit der vierfachen Wurzel des Satzes vom Grund.

Exkurs: Die Kausalität schlug dem Menschen ein Schnippchen, indem er auf die Idee aus seinem Inneren kam, einen ersten Beweger (sprich  Schöpergott) anzunehmen, in der Meinung, durch ein so über-menschenähnliches gedachtes Wesen, eine bessere Erkenntnis erlangt zu haben, welche ausser vielleicht einem guten Gefühl nichts bringt, jedenfalls keine Erkenntnis. Ausserdem könnte man sich sofort fragen, wie dieses übermenschliche Wesen entstanden ist bzw. wer es geschaffen hat. Diese Frage zu stellen, hat Thomas von Aquin wohlweislich verboten.


Die Körper (Dinge), Substanzen und ihre Kräfte, deren Gesamtheit die Natur ausmacht und die selbst Wirkungen bestimmter Verbindungen oder Ursachen sind, werden ihrerseits wieder Ursachen. Durch eine solche wird ein anderes Ding in Bewegung gesetzt oder verändert und zwar immerfort, da alles zusammenhängt. [Also nichts geschieht ohne Ursache].

Jedes Ding ist aufgrund seiner besonderen Natur fähig, unterschiedliche Bewegungen hervorzurufen (zu verursachen), zu empfangen oder mitzuteilen (weiterzugeben). Gewisse Dinge „affizieren“ unsere Sinne; andere Dinge, die das nicht tun, nehmen wir nicht wahr. Einen Gegenstand (ein Ding) kennen, heisst ihn empfunden zu haben, d.h. irgendwie (emotional) in Bewegung gesetzt worden zu sein. Durch Sehen, Hören, Tasten, Riechen werden unsere betreffenden Sinnes-Organe „affiziert“ (wörtl. an-gemacht) und die betreffenden Dinge rufen in uns eine Modifikation (Veränderung) hervor, wir werden „modifiziert“.

Es tönt für uns Heutige etwas merkwürdig, wie Holbach von der Natur auf den Menschen schliesst und umgekehrt, es ist aber nichtsdestotrotz nachvollziehbar und überzeugend.

Die Natur ist also die Gesamtheit aller Dinge und aller Bewegungen, die wir kennen und die wir nicht kennen, weil sie unseren Sinnen nicht zugänglich sind, aber nichtsdestotrotz (physikalisch) existieren. Alle Dinge und ihre Bewegungen ergeben eine fortwährende Folge von Ursache und Wirkungen gemäss ihren eigentümlichen Gesetzen.

Es gibt eigentlich keine spontanen Bewegungen, denn alle haben eine Ursache. Am leichtesten wahrnehmbar für uns ist die Bewegung von Massen (Schwerkraft) sowie die Bewegung, welche sich in der (chemischen) Verwandlung oder Änderung von Stoffen zeigt. Der Mensch wird innerlich bewegt nach Art seiner intellektuellen Fähigkeiten durch seine Ideen und Gedanken, Fähigkeiten und Leidenschaften. Der Wille des Menschen wird durch äussere Ursachen in Bewegung gesetzt, die ihn insgeheim in Bewegung setzten. Genau genommen hat der Mensch keinen freien Willen (er meint nur, einen solchen zu haben), wie Holbach in einem eigenen späteren Kapitel überzeugend begründet.

Von welcher Art die Bewegungen der Dinge (oder Menschen) auch sein mögen, sie sind immer die notwendige Folge einer spezifischen Ursache. Dies läuft nach bestimmten Gesetzen oder Mustern ab, der Ähnlichkeit oder Übereinstimmung oder Verwandtschaft etc.

So kann man sagen, dass alle Dinge (Stoffe) im Universum in Bewegung sind. Das Wesen der Natur besteht im Wirken, und bei aufmerksamer Betrachtung merkt man, dass es keinen einzigen Körper gibt, der sich in absoluter Ruhe befindet, auch wenn es so scheinen mag. So drückt z.B. ein Stein mit beständiger Kraft (Gewicht) auf die Erde, und diese übt eine Gegenkraft aus. Ein ruhender Stein ist also gewissermassen in ständiger statischer Bewegung. Eine weitere wichtige Kraft ist die Trägheit (vis inertia) der Körper. Die ständige, den Dingen innewohnende Kraft heisst Nisus. Es gibt keine rein passiven Körper oder Dinge.

Die mit Nachdenken verbundene Beobachtung lehrt uns, dass in der Natur alles in fortwährender Bewegung ist (also fortwährend wirken Kräfte, z.B. auch die Kraft, welche die Dinge zusammenhält). Die Natur ist ein wirkendes Ganzes. Die Bewegung ist begriffsnotwendig für die Natur.

Aber woher hat die Natur diese Bewegung? Holbach sagt: aus sich selbst, weil sie (die Natur) das Grosse Ganze ist, ausserhalb dessen - folgerichtigerweise - NICHTS existieren kann. Er sagt, dass die Bewegung eine Seinsweise ist, die sich notwendig aus dem Wesen der Materie herleitet; dass die Materie sich durch die eigene innewohnende Energie bewegt. Für moderne Menschen ist die Gleichung Materie gleich Energie (Kraft) selbstverständlich.

Da die Bewegung der Materie innewohnt, bedarf es keiner äusseren treibenden Kraft (Agens). Die Himmelskörper bewegen sich nach bestimmten Gesetzen aufgrund der zwischen ihnen wirkenden Gravitationskräfte, und es bedarf auch hier keines Bewegers ("Agenten"). Die Materie wirkt vermöge ihrer eigentümlichen Kräfte. Es gibt keine, ausserhalb der Natur befindliche “übernatürliche“ Kraft, welche die Materie in Bewegung setzt.

Diejenigen, welche eine ausserhalb der Materie befindliche Ursache („ersten Beweger“, Aristoteles) annehmen, müssen zugleich annehmen, dass diese Ursache die gesamte Bewegung in der Materie erzeugt habe, in dem Moment, als sie ihr die Existenz gab [also quasi einen Spin, der mit dem Big Bang ausgelöst wurde?]. Dies gründet auf der Annahme, dass die Existenz der Materie einen Anfang haben könnte, eine Hypothese, für die stichhaltige Beweise bisher noch fehlen [1770 hatte man noch keine Ahnung von einem Urknall]. Die Zeugung aus dem Nichts (creatio ex nihilo) oder die „Schöpfung“ sind nur Wörter, die uns keine Idee von der Bildung des Universums geben könnten. Dieser Begriff wird noch dunkler, wenn man die „Schöpfung“ oder die Bildung der Materie einem ‘geistigen Wesen’ zuschreibt, das keinen Berührungspunkt mit der materiellen Welt hat, und mangels Ausdehnung und mangels Substanz [etwas rein Geistiges hat keine solche] für Bewegung nicht empfänglich ist. Alle diejenigen, welche diese logischen Überlegungen vorurteilsfrei nachvollziehen, werden den Grundsatz „aus nichts entsteht nichts“ [und kann nichts entstehen] einsehen, eine Wahrheit, die durch nichts erschüttert werden kann. Die „SCHÖPFUNG“ [des Universums] in dem Sinne, den die Modernen [Holbach meint die neuzeitlichen Denker; nicht diejenigen des Altertums] diesem Wort beilegen, ist nur eine theologische Erfindung. Das hebräische Wort ‘barah’ (er machte, er gestaltete) ist im Griechischen in der Septuaginta [griech. Bibel] mit ‘epoiein’ (gründen, schaffen) übersetzt. Vatable und Grotius versichern, dass man, um den hebr. Satz des ersten Verses der Genesis widerzugeben, sagen muss: „Als Gott den Himmel und die Erde schuf, war die Materie ungestaltet. Hieraus ist ersichtlich, dass das hebr. Wort, welches man mit ‘schaffen’ übersetzt hat, nicht anderes bedeutet als ‘formen, bilden, in Ordnung bringen’. ‘porisein’ (schaffen) und ‘poiein’ (machen) haben immer ein und dasselbe bezeichnet. Nach dem hl. Hieronymus ist lat. ‘creare’ dasselbe wie lat. ‘condere’: begründen, bauen. Die Bibel sagt nirgendwo, dass die Welt aus nichts gemacht worden sei. [Dieses ist eine Erfindung späterer Theologen, die von griechischen Philosophen Ideen übernommen haben]

Es ist sehr schwierig, schrieb einUnbekannter, gem. Holbach, „sich nicht dazu zu überreden, dass die Materie ewig ist, denn es ist für den menschlichen Geist (Verstand) unbegreiflich, dass es jemals eine Zeit gegeben habe und dass es jemals eine Zeit geben sollte, in der es weder Raum, noch Ausdehnung, noch einen Ort, oder eine Leere gegeben hätte oder geben wird, und wo alles nichts wäre. Das heisst auf heute nicht übertragen, wir können uns schlechterdings nicht vorstellen, was vor dem Urknall war und was in x-hundert-Milliarden Jahren nach dem „Big Crunch“ [Zusammenfall des Universums] sein wird. Holbach hat somit völlig recht wenn er sagt, dass für uns Menschen die Materie eigentlich ewig existiert, und jede weiter Spekulation eigentlich sinnlos ist.

Wenn man also fragt, woher die Materie gekommen ist, so sagen wir [Holbach]: sie hat schon immer existiert. Wenn man fragt, woher die Bewegung in die Materie gekommen ist, so antworten wir, die Materie hat sich, weil sie schon immer existiert hat, auch seit Ewigkeit bewegen müssen, dass die Bewegung eine notwendige Folge ihrer Existenz, ihres Wesen [= Seinsweise] und ihrer urspr. Eigentümlichkeiten ist, d.h. ihrer Ausdehnung, ihrer Schwere, ihrer Undurchdringlichkeit, ihrer Gestalt usw. Hieraus ist ersichtlich, dass man der Materie (allen Dingen) wenn man - was erforderlich ist - ihre objektive Existenz annimmt, auch bestimmte Eigenschaften beilegen muss, aus denen die Bewegungen oder die Wirkungsarten, die durch diese Eigenschaften bestimmt werden, sich notwendig ableiten. Eine Materie ohne Eigentümlichkeiten (Akzidenzien) ist ein reines Nichts. Wenn die Materie (Dinge) also existiert, so muss sie wirken; wenn sie unterschiedlich ist, so muss sie unterschiedlich wirken, immerfort aufgrund der eigenen Energie und der speziellen Eigentümlichkeiten. Die Existenz der Materie ist eine Tatsache wie ihre Bewegung.

Die Elemente oder Urstoffe zeigen sich unseren Sinnen niemals in reiner Form, weil sie sich fortwährend gegenseitig in Bewegung setzen, immer wirken und zurückwirken, immer sich verbinden und sich trennen, sich anziehen und sich abstossen. Kurz gesagt, die Natur ist eine unermessliche Kette von Ursachen und Wirkungen, die sich unaufhörlich wechselseitig aus einander ergeben. Heraklit: Alles fliesst; wir steigen nie in denselben Fluss.

Weiter gehen zu wollen, um das (geistige) Prinzip der Bewegung in der Materie und den Ursprung der Dinge zu finden, hiesse nur, die Schwierigkeiten hinausschieben [auf eine spekulative Ebene] und sie schlechterdings der Prüfung durch die Sinne zu entziehen, denn nur durch die Sinne können wir die Ursachen erkennen und beurteilen. Begnügen wir uns also damit, dass die Materie von jeher existiert hat, dass sie sich ihrem Wesen gemäss bewegt, und dass alle Erscheinungen der Natur durch die verschiedenen Bewegungen der unterschiedlichen Stoffe bedingt sind.