Ja, hin und wieder sehe ich die Fuchsfrau noch...
Sie war es, die mir den Namen "Schönauge" gab. Das aber ist schon lange
her. Miteinander geredet haben wir schon lange nicht mehr.
Ja, hin und wieder sehe ich sie - ihre Gestalt fällt sofort auf. Nein,
nicht ihre Gestalt ist es, die ins Auge fällt. Ihre Bewegungen, ihre
Haltung - das fällt ins Auge.
Aufrecht, gerade. Leichten Fusses. Kopf erhoben. Da sieht man doch
sofort die Leichtigkeit, mit der sie sich zu dieser Erscheinung zwingt.
Einen neuen Wintermantel hat sie nun - der alte Webplüsch mit dem
braunen Leopardenmuster ist nun gegen einen neuen ersetzt - diesmal ist
es eine hellere Farbe - eher einem Schneeleoparden gleichend.
Im Sommer erkannte man sie an diesem seltsamen - na, wie soll man es
beschreiben, diese seltsamen langen enggeschnittenen Hemden, die Frau
als Oberbekleidung trägt und die so über den Jeans drüber ragen, als ob
es eine Art "Röckchen", eine Art "Hüfttuch" ist, die erst wieder die
Schenkel zur Sicht freigibt. Nein, das können nur schmale Frauen tragen
- und Fuchsfrau ist einer der schmalen im Lande. Es vermittelt dem
Betrachter eine Art "Unschuld" - (jene "Unschuld", die Fuchsfrau von
sich immer annimmt, jene Unschuld, die sie der Welt präsentieren will).
Ja, so wie sie daher kommt, könnte man meinen, ein junges Mädchen auf dem Weg in die Primarschule zu sehen.
Vielleicht hin und wieder mal von der Alltagslast beladen - aber
niemals mit Schuld belastet. Auch keine Erotik, die sie da ausstrahlt -
nein nein, man meint eine junge Knospe zu sehen, die noch lange nicht
in jenem Spiel des Lebens mitspielt.
Antistus meint dazu:
"Na, Schönauge, denk doch mal nach. Ist sie in etwa dort
stehengeblieben, wo ihr Vater Hand an sie legte; ist es nicht ein
Schutz für sie, sich in jene Zeit zurückzulügen, da ihr Vater diese
Knospe noch nicht aufgebrochen hatte?"
Ja, lieber Antistus, das könnte gut möglich sein. 30 Jahre brauchte
sie, um ihm die Anklagerede entgegen zu halten. Doch ob es geholfen
hatte? Letztes Jahr starb er - sie und ihre Mutter haben ihn "in
stiller Trauer" verscharrt. Den Urteilsspruch nahm er von ihr nicht an
- der unverbesserliche alte Sack, der seine Finger erst von der Tochter
lassen konnte, als ihr Körper frauliche Formen annahm.
Ja, lieber Antistus, möglicherweise ist es die in ihren Augen einzige
Rettung, ihr Frau-Sein auf ein "Mädchen-Sein" zu reduzieren.
Immer wieder kommen mir Sven Regeners Zeilen in den Sinn:
Ihr Herz ist kalt wie ein gefror'nes Hühnchen,
Ihre Schönheit überzuckert mit Gewalt,
Für ihre Jacke starben mehr als zehn Kaninchen,
Und dann tut sie auch noch so, als wär' es Nerz.
Mädchen sein allein ist keine Tugend,
Auch wenn es scheint, als ob es das ist, was sie glaubt.
Fett wär' ich, bekäm ich ein Stück Torte
Für jede Illusion, die sie mir raubt.
Ja, hin und wieder sehe ich die Fuchsfrau noch....