Compared to what?

09.06.2007 um 21:06 Uhr

Das Recht, so auszusehen, wie man aussieht

von: Rahelemilie   Kategorie: philosophisches

"Ich hasse es, mich dauernd für mein Aussehen rechtfertigen zu müssen" - das habe ich inzwischen schon von einigen Frauen gehört, die durchaus als Models arbeiten könnten, wenn sie es wollten. Sie fühlen sich von jenen Frauen angegriffen, die das aktuelle Schönheitsideal kritisieren, weil sie glauben, sie würden in die gleiche Schublade wie die Industrie gesteckt, die ihr Äusseres als Ideal hervorgebracht hat.

Es ist möglich, dass es tatsächlich ein paar frustrierte Dicke gibt, die wirklich so denken. Sie tun mir leid. Ich möchte das nicht. Ich möchte, dass sich niemand für sein äusseres rechtfertigen muss.

Natürlich kann man da präzisieren, Einwürfe machen... was mit ungepflegten Menschen ist, solchen, die stinken und mit fettigen Haaren und abgenutzten Klamotten herumlaufen, die nicht wissen, was ein Kamm ist usw. Aber diese Leute haben wohl eine andere Ansicht und andere Probleme.

Was ich damit sagen will: Verweigern wir diesen Kampf doch einfach! Diesen künstlichen Zickenkrieg, in dem Dünne die Dicken unkontrolliert, schwach und hässlich schimpfen und Dicke die Dünnen oberflächlich, kalt und arrogant. Oder was immer uns einfällt. Denn wir schaden uns damit nicht nur gegenseitig und selbst - wir verhindern auch, dass wir ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln können, dass wir mit dem leben können, was uns gegeben wurde.

Ein Mensch ist nicht mehr oder weniger wert, wenn er mehr oder weniger Idealen entspricht. Ich will nicht länger einen Stellvertreterkrieg für eine Industrie führen, die knallhart davon profitiert, dass kaum ein Mensch, vor allem Frauen, wirklich mit ihrem Äusseren zufrieden ist. Dafür bin ich mir und dafür sind mir meine Mitmenschen zu wichtig.

Heuchlerisch? Wahrscheinlich. Ich gebe zu, dass ich mit meinem Körper auch im ständigen Clinch bin. Aber ich will nicht länger dauernd mit irgendwelchen anderen Menschen verglichen und vermessen werden. So. Ich will mich kleiden können, wie es mir gefällt, ich will mich ernähren können, wie ich es für richtig halte und ich will das Recht haben, keine Diät machen zu müssen, obwohl ich übergewichtig bin. Nicht, weil ich das Übergewicht toll finde, sondern weil der Preis, den ich für dieses ewige "am Gewicht arbeiten" bezahlen würde, ganz einfach zu hoch ist.

Ich kenne Frauen, die seit über 30 Jahren eine Diät nach der anderen machen, die sich mit Sport fast erschöpfen, die ständig an sich und anderen herummäkeln und die sogar schon mindestens ein Mädchen in eine gefährliche Magersucht und danach Bulimie getrieben hatten. Trotzdem haben sie ihr Idealgewicht nicht erreicht. Sie sind nie zufrieden, sie können keine Mahlzeit mehr geniessen und sie können Menschen nicht mehr einfach als Menschen, als Ganzes ansehen. Alles, was sie sehen, sind Speckröllchen, Übergewicht, untrainierte Schlaffies und die verheissungsvollen Idealbilder in den Zeitschriften, die auch noch massiv nachbearbeitet wurden.
Nein. So will ich nicht werden!

Übergewicht ist sicher hauptsächlich eine Frage der Ernährung, des Energiehaushalts - aber nicht nur. Es gibt Menschen, die können sich so ungesund und übermässig ernähren, wie sie wollen, sie setzen nichts an - weil ihr Stoffwechsel einfach effizienter arbeitet als meiner. Andererseits kenne ich Leute, die sich so viel Mühe geben, die auch schon zu Ernährungsberatern gegangen sind und dort erfahren haben, dass sie eigentlich alles richtig machen. Trotzdem nehmen sie nicht ab.

Natürlich wäre ich gerne dünner, natürlich fände ich es nett, wenn mein Rücken weniger belastet würde, wenn ich meine Klamotten nicht in der Zeltabteilung kaufen müsste - aber dieser Preis ist für mich immer noch weniger hoch als den, den ich bezahlen würde, wenn ich mich von der Diät-Spirale fangenlassen würde.

Ich bin ein Mensch und ich möchte als solchen akzeptiert werden. Genauso wie die Mädchen mit der Modelfigur, die sich in ihren schönen Klamotten schämen, weil sie nicht für oberflächlich gehalten werden wollen. Menschsein hängt nicht davon ab, wie der Körper ausgestattet ist, den man hat.

Das heisst auch nicht, dass man nicht Körper schön oder hässlich finden darf, dass man einige Menschen als attraktiv und andere unattraktiv einschätzen kann. Das sind persönlich Entscheidungen, persönliche Urteile. Aber wenn eine Gesellschaft anfängt, so gut wie jedem Menschen genau das als Manko anzuhängen, was er hat, dann läuft etwas falsch. Und dann müssen wir uns wehren.

11.05.2007 um 23:11 Uhr

Generation Praktikum - wie jetzt?

Es ist ein Schlagwort. Seit der "Nachkriegs-Generation" in den 40ern und 50ern des letzten Jahrhunderts besteht das Bedürfnis, die "Jugend" jedes Jahrzehnts mit einem Begriff zu versehen. Von der skeptischen Generation, den 68ern, den Generationen Golf und Internet ist die Rede. Und unsere Generation, so vermutet man, wird dereinst Generation Praktikum, Generation P oder Génération précaire genannt. Und das aus einem einfachen Grund: Immer mehr gut ausgebildete Leute, vor allem Akademiker, finden nach dem Studium keinen Job. Alles, was ihnen angeboten wird, sind Praktika vor kein oder wenig Geld. Zumindest in gewissen Fachbereichen.

Alles nur Panikmache - heisst es nun von offiziellen Studien. Die Anzahl der Langzeitpraktikanten belaufe sich auch in den am meisten betroffenen Fächern nur auf 20% aller Absolventen, hiess es etwa kürzlich in der Zeit und im Spiegel. Leider habe ich keinen Zugang zu den Details dieser Studie, denn sie lässt mich zumindest stutzig werden.

Wahrscheinlich ist es tatsächlich so, wie ich in meinem vorhergehenden Beitrag geschrieben habe - die persönliche Lebensrealität muss sich nicht mit der objektiven Situation decken. Ich bin selbst Absolventin eines sozialwissenschaftlichen Studiums, selbst gerade Praktikantin, wenn auch wenigstens so bezahlt, dass man davon gerade so ohne zusätzliche Unterstützung über die Runden kommt und die meisten meiner Freunde von der Uni sind gerade dran oder werden in nächster Zeit ein Praktikum machen.

Jene, auf die dies nicht zutrifft, arbeiten in einem Job, der weit von ihrer ursprünglichen Ausbildung entfernt ist und für den man keinen Abschluss brauchen würde. Das ist dann auch die Frage, die ich den Leuten gerne stellen würde, die zu diesen Ergebnissen gekommen sind: Welche Art von Job haben die Mehrheit der Absolventen, die keine Langzeitpraktika machen?

Meine ganz persönliche, mangels eigenem statistischem Material gänzlich unwissenschaftliche Theorie ist nämlich, dass ein Grossteil jener, die nach dem Studium eine Festanstellung finden, für diesen Job, den sie machen, nicht hätten studieren müssen. Vielleicht sind sogar nicht wenige darunter, die jetzt einen Job machen, für den man nicht einmal einen Schulabschluss haben müsste. Stichwort Taxifahren.

Die Wahl, vor die ich in den letzten Monaten gestellt war, war denn auch folgende: Entweder, ich studiere weiter auf Master - das verschiebt die Problematik aber nur und hätte meiner Familie eine unzumutbare Mehrbelastung bedeutet, ich werde Langzeitarbeitslos, gehe irgendwo in die Gastrobranche oder ähnliches für ein paar Franken die Stunde arbeiten oder bewerbe mich um Praktika, die mit meinem Fach zu tun haben.
Ich habe mich für letzteres entschieden, da ich eine sehr engagierte Studentin war, die ihr Fach sehr gerne mochte und die den Stress, eine vergleichsweise stumpfsinnige Tätigkeit auszuüben auch nicht über länger als eine befristete Übergangszeit aushält. Das kann man als persönliches Manko sehen.

Zum Glück habe ich jetzt einen Ort gefunden, an dem das Praktikum auch als Ausbildung gesehen wird, wo ich mich auch für meinen Arbeitgeber in ein neues Themenfeld einarbeiten kann, was letztlich für beide Seiten hoffentlich profitabel sein wird. Aber Tatsache ist auch, dass ich kaum etwas zur Seite werde legen können, kaum dazu beitragen werde, dass meine private Altersvorsorge in Gang kommt und dass ich in einem Jahr wieder eine neue Stelle werde suchen müssen.

Ich hätte auch lieber eine unbefristete oder eine befristete vollwertige Stelle angenommen - aber Tatsache ist auch, dass der Arbeitsmarkt heutzutage so ausgetrocknet ist, dass auf eine Stelle in meinem Bereich oft auf einen Posten bis zu 300 und mehr Bewerbungen kommen. Da werden Leute ohne Berufserfahrung gleich herausgefiltert. Die haben gar keine Chance. Und je älter man ohne konkret nachweisbare Berufserfahrung ist, desto schwieriger wird es.

Wenn man sich so einen Überblick verschafft, wie die Lebensverhältnisse heute sind, gibt es eigentlich kaum eine Generation, der es wirklich uneingeschränkt gutgeht - vielleicht mit einer Ausnahme.

In meinem Alter können wir uns selten ein Leben aufbauen, das stabil genug ist, dass wir uns vollständig von unseren Eltern loslösen können, geschweige denn, daran zu denken, eine eigene Familie zu gründen. Das wird oft auch nicht bedacht, wenn man von Generation P spricht. Wir sind für den vielgelobten freien Arbeitsmarkt einfach noch zu wenig ausgereift, zu wenig kompetent, zu wenig erfahren und damit nur dafür qualifiziert, einen möglichst unbezahlten Handlangerjob zu vollführen. Und jene, die auf diese Weise Praktikanten einstellen, ohne ihnen eine Gegenleistung im Sinne von Ausbildung und nachweisbarer Berufserfahrung bieten, sahnen kräftig ab. Kurzfristig.

Es gibt ja mittlerweile auch Studien, die beweisen, dass es auch den Arbeitgebern auf lange Sicht schadet, immer neue Praktikanten einarbeiten zu müssen, dabei festangestellte "Ressourcen" zu verschwenden und Leute unnötig zu "verbrauchen". Es wäre rentabler, einen Mitarbeiter fest einzustellen, ihn richtig einzuarbeiten, richtig zu bezahlen und zu behalten. Das Problem ist nur, dass die lange Sicht in einer von Quartals- und Jahresabschlüssen geprägten Wirtschaftswelt kaum von Belang ist. Schon gar nicht die ganz lange Sicht, jene, in der es darum geht, dass immer weniger Arbeitnehmer die Renten von immer mehr pensionierten Leuten bezahlen müssen - ein Problem, das in der Politik allgemein anerkannt und behandelt wird - und das dadurch verschärft wird, dass heute immer weniger Menschen unter 30 Jahren einen substantiellen Beitrag dazu leisten können. Obwohl sie gerne würden.

Darunter leidet die sog. "Sandwichgeneration" dazwischen, die Generation meiner Eltern, die oft finanziell für die Kinder aufkommen muss und gleichzeitig ihre eigenen hochbetagten Eltern pflegen. Und wenn sie diese Last nicht tragen müssen, fürchten sie sich davor, mit 45 bereits als "älterer Arbeitnehmer" zu gelten und aufs Abstellgleis verfrachtet zu werden.
Ja - wie soll eine Gesellschaft funktionieren, in der junger Leute unter 30 oder sogar 35 nicht wirklich selbstständig sein können und in der die gleichen Leute mit 45 bereits wieder ausrangiert werden? Wann ist man denn bitte gut genug?

Und was viel bedrückender und beänstigender ist: Die Gesellschaft ist kein Individuum, es gibt keinen Sündenbock, es gibt nicht "die da, die das tun" - die Gesellschaft sind wir alle.

Die Generation, die eigentlich profitiert, ist jene der sog. aktiven Rentner. Leute, die bereits in Rente gegangen sind, eine passable Pension erhalten und körperlich und geistig noch fast uneingeschränkt fit sind. Aber soll man diesen Leuten jetzt in die Tasche greifen, sollen sie die Verantwortung übernehmen?

Nein - die heutigen aktiven Rentner sind Menschen, die oft ihre eigene Ausbildung, die ihrer Kinder und auch mit jahrelanger Arbeit die Rente ihrer eigenen Eltern finanziert haben. Sie verdienen es, jetzt Geld für ihre Entbehrungen und ihren Aufwand zu erhalten.

Aber Tatsache ist auch, dass etwas schiefläuft, das man nicht einfach ignorieren kann. Und dass die gegenwärtigen Entwicklungen nicht nur einigen Leuten Bauchschmerzen bereiten, sondern auch immer mehr sichtbares und unsichtbares (im Sinne von psychischen Erkrankungen) Leid entsteht, das man nicht einfach ignorieren kann.

In dem Sinne: Es gibt viel zu tun. Packen wir es an.

04.05.2007 um 22:18 Uhr

"Das hätte ich auch ohne Forschung gewusst!" - Herausforderung der Sozialwissenschaften

Seit Dienstag habe ich nun mein Jahrespraktikum begonnen und finde es gerade intellektuell wirklich inspirierend. Ich habe die Aufgabe, ein neues Forschungsfeld abzustecken und herauszufinden, was in diesem Bereich für die Verwaltung interessant wäre. Die Anforderungen sind hoch, auch wenn ich erst daran bin, mich einzuarbeiten.

Dabei habe ich eine sehr interessante und sehr passende Erklärung gefunden, warum Sozialwissenschaften für Laien trügerisch sind. Ich zitiere einfach den Absatz von Irene M. Kernthaler:

"Ein Text über eine chemische Fragestellung ist wohl in den meisten Fällen eindeutig als solcher erkennbar; und jemand ohne das notwendige Fachwissen wird diesen Text auch nicht verstehen können. Sozialwissenschaftliche Texte erscheinen auf den ersten Blick oft verständlicher, da alltagssprachliche Ausdrücke verwendet werden, die allerdings in dem Kontext eine abgewandelte Bedeutung haben. Der Rezipient von Sozialwissenschaften vermeint daher oft, den Text zu verstehen, besitzt aber in Wirklichkeit das nötige Vorwissen dazu nicht."

Aus diesem Grund erscheinen Forschungsergebnisse aus unserem Gebiet oft trivial. Wenn sie sich mit der Lebensrealität der Leser decken, haben sie das Gefühl, man hätte Ressourcen verschwendet, eine Forschung zu tun für etwas, was man schon lange wusste. Dass es einen Unterschied gibt, ob man die Alltagserfahrung gemacht hat oder sie mit statistischen Erhebungen stützen kann, ist oft schwer verständlich.

Auf der anderen Seiten haben wir Tendenz, eigentlich stark gestützte Forschungsergebnisse abzulehnen, wenn sie nicht unseren Erfahrungen in unserem Bekanntenkreis entsprechen.

Jeder hält sich im Prinzip für einen Experten in gewissen Bereichen des sozialen Lebens - obwohl das nur auf seine persönliche Ebene zutrifft. Oder um es mit Frau Kernthaler in einem konkreten Beispiel zu sagen:
"Jeder ist Spezialist für Familie - allerdings nur für seine eigene."

Meine Aufgabe ist es, Spezialistin für Familie zu werden - nicht nur für meine eigene.

13.04.2007 um 22:15 Uhr

Macht uns endlich Klamotten, die uns gut aussehen lassen!

Aus aktuellem Anlass... sprich... Shoppingfrust:

Liebe Modeindustrie,

Von mir aus könnt ihr ja size zero als die erstrebenswerte Idealgrösse anpreisen - wenn ihr es mit eurem Gewissen vereinbaren könnt, dass unzählige Frauen und Mädchen euretwegen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, dann ist das nicht mein Problem.
Aber warum schafft ihr es nicht, etwas anderes als diese ungeheuerliche "Zelt"-Mode für sogenannte Übergrössen herzustellen?

Ich will es mal ganz geschäftlich angehen. In der heutigen Gesellschaft kämpfen viele Menschen mit Übergewicht. Nicht nur alte, die ihr ohnehin hängen lasst, auch immer mehr junge, die zu eurem erklärten Zielpublikum gehören würden - und nicht alle sind fähig oder bereit, zu hungern oder abzunehmen, bis sie in eure Idealgrössen passen. Und selbst wenn - auch auf dem Weg dahin müssen sie auch etwas tragen. Euch entgeht ein Millionengeschäft! Stellt euch mal vor, wieviel es euch einbringen würde, wenn ihr euer Sortiment nicht bei Grösse 38 oder 40 beenden, sondern ausweiten in Bereiche, die für viele Frauen und Mädchen heute eher der Realität entsprechen? Modische, schöne Klamotten für Frauen, die tatsächlich Oberweite und Hüften haben, die irgendwo Platz brauchen? Wisst ihr was - ich glaube euch nicht, dass ihr dadurch etwas von eurem Image einbüssen würdet.

Manchmal habe ich ja den Eindruck, liebe Modeindustrie, ihr wollt uns Übergewichtige für unser Verbrechen, nicht auszusehen wie die Kleiderständer, an denen ihr eure Mode entwerft, auch noch bestrafen. Oder wie soll ich es mir sonst erklären, dass die "XXL-Abteilungen" hierzulande voll sind mit dieser weiten, unförmigen "Zeltmode"? Die lässt uns nicht besser und vor allem nicht schlanker aussehen.

Lasst es mich so ausdrücken: Ihr seht es vielleicht als Verbrechen an, einen Bauch und fette Hüften zur Schau zu stellen. Schwabbelnde Fettröllchen am Bauch sehen nicht schön aus - aber ich wirke bestimmt nicht weniger furchteinflössend, wenn ich herumlaufe wie ein wallender Berg von schwarzem Stoff der irgendwo anfängt und wie eine Walze auf einen zugerollt kommt. Da trage ich lieber etwas, das erahnen lässt, dass sich darunter ein menschlicher Körper verbirgt. Auch wenn das bedeutet, dass der Bauch und die Fettröllchen trotz Stoff erkennbar sind.

Ich bin nun mal gross und breit - da würde ich es nicht als vorteilhaft bezeichnen, meinen Körper mit weitgeschnittenen Klamotten noch breiter und fülliger erscheinen zu lassen, als er schon ist. Klamotten haben die Aufgabe, den Körper zu formen, nicht ihn aus Scham unter einem Zelt zu verbergen.

Ja, ich weiss, dass es anders geht. Ich habe im Ausland schon Shops gesehen, in denen modische Klamotten, die diesen Namen auch wirklich verdienen, selbst in meiner Grösse zu haben waren.
Ich will mich bestimmt nicht in Röhrenjeans stopfen - im Gegenteil, um von meinen breiten Hüften abzulenken, brauche ich Hosen, die unten weit ausgestellt sind, oder Röcke, die in Glocken- oder A-Form geschnitten sind. Solche, die eine Taille erlauben und dann aber weit fallen. Wäre doch mal was anders als die immer gleichen Hosen im immer gleichen Stretch-Stoff, der eigentlich sinnlos ist, weil er ohnehin nur an der breitesten Stelle ausgefüllt wird.

Gerade wenn man übergewichtig ist, ist die richtige Kleidung sehr wichtig. Ihr könntet so viel an uns verdienen, liebe Modeindustrie. Und gleichzeitig könntet ihr einigen Frauen ein Stück Selbstachtung zurückgeben. Eine noble Sache - aber anscheinend sind eure Designer dazu nicht fähig. Weil sie sich vor Rundungen fürchten? Weil sie es nicht aushalten, auch mal einen fetten Körper zu studieren um zu sehen, wie Klamotten für uns geschnitten sein müssten? Ich sage euch mal was: Wenn ihr euch wirklich so davor ekelt, sucht euch einen anderen Job - aber hört endlich auf, Shopping für uns dermassen zu einem Frusterlebnis zu machen. Ihr würdet an uns verdienen.


Eure

 

Rahel

02.03.2007 um 22:17 Uhr

Wo kämen wir denn hin...


... wenn man auch noch darauf Rücksicht nehmen würde.

Es gibt Situationen, in denen sich alle beteiligten Parteien einig darüber wären, was ethisch gesehen das Richtige wäre. Zum Beispiel etwa, dass Menschen, die Vollzeit arbeiten auch von ihrem Verdienst müssten leben können. Oder dass es besser ist, weniger CO2 in die Umwelt abzugeben als mehr.
Trotz dieses breiten Konsens wird oft aber nichts dagegen unternommen - und wenn es Menschen gibt, die mutig einfordern, was alle als das moralisch Richtige ansehen, bekommen sie oft zu hören - "ja, aber wo kämen wir denn hin..."

Wo kämen wir denn hin ist die bequemste aller Ausreden. Und sie ist eine Kapitulation vor etwas, das sich gar nicht so richtig festmachen lässt. Davor, dass die Welt nun mal schlecht sei? Dass man nicht versuchen sollte, sie zu ändern? Ein Klammern an einen Status Quo, weil man nicht weiss, wie die Alternative aussehen würde? Weil einem die Alternative nicht gefallen würde?

"Wo kämen wir denn hin", heisst, von Menschen zu verlangen, dass sie auf etwas, auf das sie ein Anrecht hätten, verzichten - zum Gemeinwohl? Zum Wohl der Wirtschaft?
Dieses Opfer jedoch erntet keine Dankbarkeit, keine Anerkennung - es wird aufgezwungen, belächelt. Und insgeheim ist man vielleicht froh, es nicht selbst erbringen zu müssen.

Eine Geschichte, die mir in diesem Zusammenhang immer wieder in den Sinn kommt, war eine der ersten Bewerbungen meiner Mutter nach ihrer Familienpause.

Meine Mutter ist Grundschullehrerin und hat nur ein paar Jahre auf ihrem Beruf gearbeitet bevor sie geheiratet hat. Sie hat sich damals entschieden, auf ihre Arbeit zu verzichten und hat sich stattdessen um den Haushalt und die Erziehung von ihren 5 Kindern gekümmert. Daneben war sie immer ehrenamtlich sehr engagiert, im Turnverein und manchmal hat sie auch ein halbes Jahr lang ein paar Stunden Deutsch für Fremdsprachige unterrichtet, für die sie ein kleines Taschengeld verdient hat.

Nachdem dann auch meine jüngste Schwester zur Schule ging und nicht mehr so viel Betreuung brauchte, besuchte meine Mutter einen Wiedereinsteigerinnenkurs und fing an, sich für offene Stellen zu bewerben.

Als sie dann tatsächlich an einem Ort erfolgreich war und es um die Lohnverhandlungen ging, hiess es, sie als Junglehrerin müsse in der untersten Lohnklasse anfangen, schliesslich hätte sie nur ein paar Jahre unterrichtet und würde nicht über viel Berufserfahrung verfügen.

Meine Mutter fragte daraufhin nach, was denn mit den Jahren als Familienfrau sei. Immerhin hat sie sich da auch um Kinder gekümmert und Erfahrungen gesammelt - ob diese denn gar nicht mit einberechnet würden?

Die Antwort der Schulrätin: "Wo kämen wir denn hin, wenn jede Hausfrau das auch noch als Berufserfahrung angeben könnte."

Man mag jetzt mit rein "objektiven" Kriterien an die Frage gehen, sich überlegen, wie man die Familienerfahrung denn würde beziffern können und dass es bestimmt nicht gänzlich gleich und vergleichbar sei, ob sich jemand um eigene oder fremde Kinder kümmere.

Dennoch - meine Mutter verfügte mit ihren damals 45 Jahren bestimmt über mehr Erfahrung im Umgang mit Kindern als eine 25-jährige Junglehrerin. Die fachlich-didaktischen Kenntnisse, die diese junge Lehrerin ihr voraus hatte, hatte meine Mutter mit dem Wiedereinsteigerinnenkurs zumindest teilweise aufgeholt. Sie verdiente trotzdem gleich viel wie sie.

Es zeugte vom wenigen Respekt, der dem Opfer jener Frauen entgegengebracht wird, die sich für die Familie entschieden haben. Und es gibt kaum jemand, der sich für sie einsetzt. "Jede Hausfrau und Mutter" klingt abwertend, etwas, das jede werden kann, das keine besonderen Qualitäten erfordert und auch keine wertvollen Erfahrungen erzeugt, die im Berufsleben nützen könnten.

Ich will damit nicht dazu aufrufen, dass mehr Frauen Hausfrauen werden sollen oder gar, dass es die biologische Bestimmung von Frauen wäre, zu Hause zu bleiben. Im Gegenteil! Ich selbst möchte diese Aufgabe auf keinen Fall übernehmen und wäre dazu auch nicht fähig. Ich bin froh, dass es heute immer mehr Möglichkeiten gibt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, dass das persönliche Opfer kleiner wird - oder dass zumindest mehr Auswahl besteht, welche Lösung für die eigene Familie die beste ist.
Aber mir ist Respekt sehr wichtig. Und ich finde, Respekt sollte sich nicht nur an einem willkürlich gewählten Tag im Jahr mit symbolischen Gesten äussern - sondern sich auch im ganz praktischen Alltag ausleben.

Die Schule, die meine Mutter damals eingestellt hat, hat gleich doppelt von ihrem Einsatz profitiert. Sie hatten eine billigere Arbeitskraft mit mehr Erfahrung und Gelassenheit in vielerlei Bereichen. Und sie will diesen Profit nicht mit ihr teilen, weil wir ja dann irgendwohin kämen, wo die Schule nicht sein will.

Was ist dieser Ort, an den wir hinkämen, wenn uns Respekt wichtiger wäre als scheinbar objektive Machbarkeit? Ich weiss es nicht - denn es hat, soweit ich weiss, noch nie jemand versucht, dahin zu gehen.