Pausewang

27.11.2005 um 18:31 Uhr

Atombomben in Europa

Für alle, die es noch nicht bemerkt haben: Die letzen Kinder von Schewenborn ist eine erfundene Geschichte. Es wurden nie Atombomben in Europa abgeworfen. Sonst würden wir heute noch an den Folgen davon leiden. Solche Gebiete sind nämlich für Jahre verseucht. Das würde unser Leben heute noch prägen oder wir würden vielleicht sogar gar nicht existieren.

 

Und ich denke, die Handlung spielt nicht zufällig gerade in Europa. Gudrun Pausewang ist nämlich eine Deutsche und die Leser ihrer Bücher sind wohl auch die meisten Europäer und die schockt eine Geschichte über Krieg und Atombomben viel mehr,  wenn sie sich in Europa abspielt.

Zudem zeigt das uns auch, dass es auch in Europa mal zu so was kommen könnte. Wir sind hier nicht total sicher vor Atombomben. Ich auf jeden Fall habe mir so was, bevor ich angefangen habe, das Buch zu lesen, nie überlegt. Nicht mal ansatzweise. Dass auch hier alles zerstört werden könnte. Und wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass es beim kalten Krieg nicht zum Einsatz von Waffen kam.

11.11.2005 um 23:01 Uhr

Positive Veränderungen

Auch erstaunlich ist, dass sich die Mutter trotz (oder gerade wegen) all dieses Schreckens sehr zum Positiven verändert.

Solche Katastrophen verbinden Menschen auf eine Art, wie es in der gleichen Intensität nur wenig vermag. Die Menschen entwickeln neue Eigenschaften und haben auch einen ganz anderen Sinn, was wichtig ist im Leben. (Das Fahrrad, das der Ich-Erzähler sich zum Geburtstag gewünscht hat, erscheint ihm jetzt beinahe schon albern und total belanglos, dafür freut er sich umso mehr über Geschenke, die er frühen für reine Zeitverschwendung gehalten hätte. Aber das Fahrrad passt auch wirklich nicht in diese Situation.)

Ich finde es schade, dass so eine Veränderung so harte Mittel fordert.

11.11.2005 um 22:53 Uhr

Die Ignoranz des Schreckens (zweiter Teil von: Kinder in Krieg)

Ich habe jetzt inzwischen weiter gelesen und bin zum Schluss gekommen, dass Naivität wahrscheinlich doch eher nur am Rand ein Grund für des Ich-Erzählers Ignoranz gegenüber der Zukunft ist.

 

Also meine neue(n) Theorie(n):

 

Erstens verdrängt er bestimmt die schlimmen Ereignisse und den plötzlichen Wechsel seines Lebens. Er versucht möglichst wenig voraus zu denken (wobei in seiner Situation auch jedes Planen sinnlos wäre), um nicht das ganze Grauen auf einmal sehen zu müssen. Wie ein Wanderer vor der Besteigung eines riesigen Berges, der dabei nur überlegt, wo er seinen Fuss als nächstes hinsetzen soll, Schritt für Schritt voran.

 

Zweitens gewöhnt sich die Hauptperson, so schrecklich wie es auch klingen mag, auch nach und nach an die Toten und Verletzten und Hungernden, die er täglich im „Krankenhaus“ besucht und pflegt. Der Tod seiner Schwester allerdings ist dann wieder ein neuer Schock, da er die Strahlenkrankheit bis jetzt nur als mögliche aber unwahrscheinliche Möglichkeit mit seiner eigenen Familie in Verbindung gebracht hatte. (Nebenbei: Einerseits ist es bestimmt von der Evolution her gesehen ein überlebenswichtiges Merkmal des Menschen, sich an allem anzupassen und sich an alles zu gewöhnen, aber oft ist es doch auch schrecklich, wie hier.)

 

Drittens versucht er, sich durch Beschäftigung mit den Verletzten etwas ablenken zu lassen von den eigenen Sorgen (das bewirkt ja auch bei seiner Mutter wahre Wunder). Wenn er das Leid anderer sieht, erscheint im das eigene doch noch besser als das der ihren, denn immerhin liegt er ja noch nicht auf dem Sterbebett.

 

An Balisto: Das stimmt, so eine Erfahrung ist vor allem für Kinder ein Schock fürs Leben, fragt sich nur, ob sie nicht eh schon jung sterben (tönt grässlich, ich weiss).

06.11.2005 um 18:59 Uhr

Kinder im Krieg

S. 38 : «Eines Tages würde die Tür aufgehen und sie würden wieder da sein, und sie (gemeint die Grosseltern) würden wieder da sein, und dann wäre das Dach wieder ganz und Frau Kramer  wieder in der oberen Wohnung, und all der Spuk wäre weggewischt, als wäre die Bombe nie gefallen.»

 

Alles hat sich in wenigen Minuten radikal verändert. Nichts wird im Leben des zwölfjährigen Ich-Erzählers wieder so sein, wie es einmal war: Er wird seine Grosseltern nie wieder sehen, wie auch seine Heimat Frankfurt und seinen Wellensittich, er wird an der Strahlenkrankheit leiden (und daran sterben) und die Erinnerungen werden ihn ewig quälen.

 

All diese Zukunftsaussichten werden im Buch nur am Rande oder sogar gar nicht erwähnt. Der Wunsch, bereits gestorben zu sein, wird nur von Erwachsenen ausgesprochen, während der junge Ich-Erzähler versucht, Verstümmelte und Entstellte und manchmal sogar Tote zu retten. Gerade aus der naiven Sicht dieses Zwölfjährigen wird einem das ganze Elend, das der Abwurf der Atombombe hervorgerufen hat, auf eine grässlich klare Weise bewusst.

 

Es ist schrecklich, dass so viele Unschuldige in den Krieg verwickelt sind, doch am Schrecklichsten trifft es doch die Kinder, die in ihrem kindlichen Eifer das alles nicht kapieren oder sogar für ein Abenteuer halten.