Kipphardt

27.11.2005 um 18:26 Uhr

Analyse der Beweggründe von Oppenheimer (3. und letzter Teil)

Bei all den Versuchen, die Freiheit zu schützen, ist wohl die Meinungsfreiheit verloren gegangen (ganz abgesehen davon, dass bei soviel Kontrolle zur Aufrechterhaltung der Sicherheit die Freiheiten der Menschen sowieso schon enorm eingeschränkt werden), wodurch Oppenheimers Einstellung als Gefahr betrachtet werden. Der Staat darf ihm doch nicht das Denken verbieten!

S. 140: Marks (aus einem Zeitungsartikel von Oppenheimer): „Politische Ansichten, wie radikal und wie freimütig sie immer geäussert werden, beeinträchtigen nicht den Rang eines wissenschaftlichen Lehrers.“

S144: Evans: „Moralische und ethische Bedenken der Entwicklung einer Waffe gegenüber müssen die Interessen Amerikas nicht verletzen, und es ist vernünftig, die Folgen einer so folgenreichen Entwicklung rechtzeitig zu bedenken.“

 

Wie man schon damals bei der Forschung mit Kernspaltung die Folgen nicht abschätzen konnte, kann man auch heute die Folgen der Gentechnologie nicht abschätzen. Und obwohl Oppenheimer etwas zu spät zur Einsicht gekommen ist, hat er wenigstens bemerkt, dass seine Taten nicht sehr positive Auswirkungen hatten.

Anfangs wurde ich einfach nicht schlau aus diesem Oppenheimer. Aber ich bin jetzt doch zum Schluss gekommen, dass seine Absichten richtig waren.

27.11.2005 um 18:21 Uhr

Analyse der Beweggründe von Oppenheimer (Teil 2)

Auf Seite 85 fragt Robb Oppenheimer, wann sich dessen erste Skrupel gebildet hätten, worauf dieser antwortet: „Als mir klar wurde, dass wir dahin tendierten, die Waffe, die wir entwickelten, tatsächlich zu gebrauchen.“

Mich wundert’s, dass ihm das nicht schon früher aufgefallen ist. Früher oder später hätte die Menschheit bestimmt von der Waffe gebrauch gemacht. Und auch noch in hundert Jahren wären die Folgen des Abwurfs nicht weniger verheerend gewesen.

Wie jedoch auf Seite 93 klar wird, setzte er zu viel „Vertrauen in die schliesslich Macht der Vernunft“. Wie Galilei, oder?

Übrigens hat Teller da die gleichen Ansicht, wie ich. S. 106: Teller: „Ich wunderte mich, wie stark er (Oppenheimer) sich die Illusion bewahrt hatte, die Menschen könnten schliesslich politische Vernunft annehmen, wenn man sie geduldig belehrt. So in der Abrüstungsfrage.“

 

Einerseits verwirrt es mich sehr, dass Oppenheimer das Wort „moralische Skrupel“ nicht mit sich in Zusammenhang bringen will (S. 85) und dass er jegliche Schuld von sich weist, anderseits macht ihn die Tatsache, dass er ein Gegner der Wasserstoffbombe war und dass er (offenbar beinahe als Einziger der im Buch Beteiligten) bemerkt, wie verheerend die Atombombe nicht nur für den Feind sondern auch für die USA und somit für ihn selbst werden konnte, doch sehr menschlich.

Dazu nochmals ein Zitat: S. 82 Oppenheimer: „ Da es nach einem dritten Weltkrieg mit Wasserstoffbomben geführt, keine Sieger und keine Besiegten mehr geben wird, sondern nur achtundneunzigprozent und hundertprozentig Vernichtete, schien es mir klüger, zu einer internationalen Verzichterklärung auf diese schreckliche Waffe zu kommen.“

 

Und seinen Drang zur Forschung kann ich irgendwie auch sehr gut verstehen. Mir ergeht es kurz vor der Lösung einer Matheaufgabe auch so ähnlich.

S. 88: Oppenheimer: „Es ist nicht die Schuld der Physiker, dass gegenwärtig aus genialen Ideen immer Bomben werden. Solange das so ist, kann man von einer Sache wissenschaftlich begeistert und menschlich tief erschrocken sein.“

27.11.2005 um 18:18 Uhr

Analyse der Beweggründe von Oppenheimer (Teil 1)

 Auf den ersten Blick schien er mir kaltblütig. Erst nach und nach werden die Hintergründe seines Handelns im Buch klar.

 

S. 13: Oppenheimer: „Ich war sehr erleichtert, als der Kriegsminister die berühmte Tempelstadt Kyoto, die das grösste und empfindlichste Ziel war, auf unsere Empfehlung hin von der Liste strich.“

Wie kann er nur bei einer solchen Entscheidung an die kulturellen Schätze einer Stadt denken? Das ist geradezu abartig.

 

S. 86: Oppenheimer: „ Als die Super im Jahre 1951 machbar schien, waren wir von den wissenschaftlichen Ideen fasziniert, und wir machten sie in kurzer Zeit, aller Skrupel ungeachtet. Das ist eine Tatsache, ich sage nicht, dass es eine gute Tatsache ist.“

Einerseits findet er die Idee, eine Wasserstoffbombe herzustellen, sehr verführerisch (S. 88), da drängt ihn die Neugierde des Forschers, anderseits hat er Skrupel, als er bei einem Versuch mit einer Atombombe alles miterlebt und sich den Folgen richtig bewusst wird.

Trotzdem ist er immer noch der festen Überzeugung, es sei nicht seine Schuld, dass die Atombombe über Hiroshima abgeworfen wurde, da er nicht diesen Entscheid getroffen hat. Aber wenn er doch eifrig mitgeforscht hat und das jetzt sogar bereut, kann er doch nicht so tun, als hätte er nicht einen wesentlichen Beitrag zu diesen Folgen geleistet.

02.11.2005 um 20:26 Uhr

Was tun?

S. 15:  Oppenheimer: "Wir haben sie (gemeint die Atombombe) gebaut, um zu verhindern, dass sie verwendet wird. Ursprünglich jedenfalls."

Anders gesagt wurde die Atombombe hauptsächlich gebaut, um den Gegenern dabei zuvorzukommen und ihnen einen Schritt voraus zu sein.

Entschuldigt die Angst vor der eigenen Vernichtung die schwerwiegende Entscheidung, eine Bombe zu bauen, durch die es in Zukunft möglich werden würde, ganze Städte zu vernichten und für Jahre unbewohnbar zu machen? Oder ist es in einer solchen Situation besser, selbst durch die Atombombe der Gegner zu sterben, dafür aber mit reinem Gewissen?

Gewiss ist jedem das Leben sehr wichtig, doch sollte man bedenken, dass man es sich auf diese Weise, durch den Bau einer so zerstörerischen Bombe,  zu einem schrecklichen Preis zu sichern versucht (und zwar nicht mal langfristig, denn die Bombe kann ja schliesslich  auch gegen einen selbst gerichtet werden): das eigene Leben gegen das von Unzähligen jetzt und auch noch in unabsehbarer Zukunft.