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Zagreb, Kroatien – Meine Erfahrungen mit Uni, Land und Leuten
Warum Kroatien? Wie kommst du auf dieses Land? Warum nach Süd-Ost-Europa? Und dann gleich für 2 Semester? – Na, wenn schon, dann gleich richtig!
Wie oft ich diese Fragen gestellt bekommen habe, weiß ich gar nicht mehr, und die Antwort ist mit der Zeit immer kürzer und routinierter geworden. Die Reaktionen der Leute sind meist ähnlich: Die Meisten sind nach der ersten Verwunderung positiv überrascht und wären selbst wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, in Kroatien etwas Anderes als Badeurlaub am Meer zu machen. Alte Menschen sind im ersten Moment teilweise etwas schockiert, da der Krieg zwar ein Jahrzehnt her, aber die Erinnerung daran in ihren Köpfen fest verankert ist.
Ganz alltäglich ist es wirklich noch nicht, dass man sich für ein Auslandsstudium in Osteuropa entscheidet, vor allem, wenn man keinen direkten familiären Bezug zu einem bestimmten Land hat. Ich komme aus dem Südburgenland, das als Grenzgebiet schon immer die Heimat von Leuten verschiedener Abstammung war und wo es noch heute viele kroatische, ungarische und andere Minderheiten in der Bevölkerung gibt.
Im International Relations Office an der Uni Graz wollte ich mich wegen einem Auslandsemester eigentlich nur erkundigen und weil zufällig die Bewerbungsfrist für das Stipendium der Uni Zagreb noch 2 Wochen lief, habe ich mich kurzfristig entschlossen, mich zu bewerben. Den Sommer über hatte ich ständig E-Mail-Kontakt mit der Uni Zagreb bis endlich alles (Kurse, Sprachkurs, Unterkunft, Anreise, . . .) organisiert war. Zum Glück lernte ich noch in Graz Marija kennen, die auch nach Zagreb ging, schon Kroatisch konnte und mir vor allem am Anfang half, mich zu Recht zu finden.
Obwohl ich zwei Jahre vor meinem Kroatien-Aufenthalt einen Grundkurs Kroatisch gemacht hatte, musste ich im letzten Oktober fast von vorne wieder anfangen, die Sprache zu lernen. Die erste Zeit lernten wir hauptsächlich Grammatik und trotz 5mal drei Stunden Sprachkurs pro Woche konnte ich erst nach Weihnachten mehr als den üblichen Smalltalk sprechen. Nach fast 8 Monaten Sprachkurs (30 Semesterwochenstunden) und vor allem der Kontakt mit der Gesellschaft und Kultur vor Ort haben mir geholfen, zum Schluss fast jedes alltägliche Gespräch ohne größere Probleme zu führen bzw. zu verfolgen.
Noch mal zurück zum Anfang. Die Innenstadt von Zagreb ist sehr schön und Graz sehr ähnlich, nur ein bisserl größer und schmutziger. Ungewohnt sind scheußliche Graffiti und Müllsäcke, die herumstehen und das Stadtbild vor allem außerhalb des Zentrums.
Zagreb bietet viele Plätze, an denen man sich gerne aufhält, wobei das Sommersemester aber mehr Möglichkeiten für Unternehmungen, Ausflüge und Freizeitgestaltung bietet. Auch die allgemeine Stimmung ist im Sommer besser, weil im Winter neblig-feuchtes, kaltes, windiges Wetter vorherrschte und es nur sehr wenige Tage mit Sonnenstrahlen gab. Depressiv-Stimmung und Kälte draußen, dafür Hitze-Stimmung drinnen, weil im Studentenheim doppelt so viel geheizt wurde.
In Österreich habe ich nie in einem Studentenheim gewohnt, glaube aber trotzdem, dass das in Zagreb anders ist als bei uns. Das Heim (Cvjetno naselje) ist ähnlich wie ein Campus organisiert. Mehrere Wohnhäuser sind nebeneinander, es gibt eine Mensa, einen Computerraum (ohne Drucker), eine Konditorei und ein Fitness Center. In manchen Zimmern gibt es einen Internetanschluss und 2er- bzw. 3er-Zimmer. Einzelzimmer gibt es nur für diejenigen, die Diplomarbeit schreiben oder an der Uni arbeiten.
Man hatte mir gesagt, dass wir im Zimmer zu zweit sein werden, aber vor Ort sah dann alles ein bisschen anders aus. Luxus ist das, was wir hier zu Hause haben. Das wurde mir im Laufe des Jahres klar. Im Zimmer waren wir dann zu dritt und teilten zu viert (mit der Nachbarin) ein grausiges, kleines Badezimmer mit Waschbecken und Dusche. Man gewöhnt sich an alles. Nach einiger Zeit habe ich es auch nicht mehr so schlimm gefunden und nach einem Semester habe ich den Unterschied zu Graz gar nicht mehr so wahrgenommen. Kontakt mit den Nachbarn im Studentenheim hatte ich leider nicht viel. Es gab keine Küche, jeder ging in die Mensa zum Essen. Neben Tihana aus Kroatien wohnten im Wintersemester Katarzyna aus Polen und im Sommersemester Zsofi aus Ungarn mit mir im Zimmer. Probleme mit dem Zusammenleben hatten wir zum Glück keine.
Der Studienanfang war ein großer Schock. Nicht nur das Studentenheim war ein bisschen anders, als ich es mir vorgestellt hatte, sondern auch an der Uni gab es gleich mal ein großes Problem: Ich sollte zum Studiendekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät gehen, der mir dann alles erklären würde. Der Dekan fragte jedoch mich: „Wer sind Sie und was wollen Sie? Wir haben keine Lehrveranstaltungen auf Englisch!“ Oh, Schreck! Es stellte sich heraus, dass ich die erste Auslandsstudentin bei ihnen war, die nicht schon vorher Kroatisch konnte, und dass der Posten des Studiendekans kürzlich neu besetzt wurde und ich alles mit dem alten Studiendekan besprochen hatte. Hinzu kommt noch, dass das Studiensystem in Kroatien ganz anders ist als bei uns. Man könnte es eher mit einer Fachhochschule vergleichen, da man sich zuerst für eine Studienrichtung entscheidet, dann einen Stundenplan für die einzelnen Studienjahre bekommt und diesen jedes Jahr positiv abschließen muss. Der Druck für die kroatischen Studenten ist viel höher als bei uns und auch die finanzielle Unterstützung durch den Staat ist anders organisiert.
Auf Grund meines Studiums kann ich auch LVs an der Wirtschaftlichen Fakultät belegen, was ich jedoch nicht durfte, weil mein Stipendium beim Ministerium für die Naturwissenschaftliche Fakultät bewilligt wurde. Mittlerweile ist jedoch das Wechseln der Fakultät möglich, was mir aber nach über der Hälfte des Aufenthaltes in Zagreb nichts mehr geholfen hat.
Es wurden mir also zwei Professoren zur Seite gestellt, die gut Englisch konnten und mit mir eine Sonderregelung für ihre Vorlesung treffen sollten. Da das Fachgebiet des Einen nichts mit meinem Studium und meinen Interessen zu tun hatte, habe ich letztendlich „nur“ eine Prüfung gemacht, die sich aber als sehr aufwändig herausstellte. Den Sprachkurs besuchte ich täglich und absolvierte 30 Semesterstunden Kroatisch, die ich mir zum Teil in Graz anrechnen lassen kann.
Ich glaube, dass es nachfolgende, nicht Kroatisch sprechende Studenten in Zukunft an der Uni Zagreb leichter haben werden, da die Leute im International Relations Office in Zagreb inzwischen viel mehr Erfahrung und Routine haben. An der wirtschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Fakultät gibt es außerdem ein größeres Lehrveranstaltungsangebot auf Englisch und relativ viele ausländische Studierende besuchen die Kurse.
Ich habe in Zagreb Studenten aus den verschiedensten Ländern Europas, aber auch aus Nord- und Südamerkika, Australien und Japan kennen gelernt und viele nette Freunde gefunden. Als Auslandsstudent habe ich die Erfahrung gemacht, dass man eigentlich mehr Kontakt mit anderen Ausländern hat. Ich habe zwar viele Kroaten kennen gelernt, aber Freundschaften sind nur wenige geblieben. Meine drei besten Freundinnen waren aus Italien, Ungarn und Kroatien. Bei Natalija war ich sogar auf Besuch in ihrem Heimatdorf in Slawonien, ganz im Osten von Kroatien.
Am Land ist es in Kroatien ganz anders als in Zagreb. Die Leute sind viel freundlicher, aber auch bescheidener und ärmer. Vor allem im Osten hatte ich den Eindruck, als sei es wie im Burgenland vor 30 Jahren. Die Menschen sind dafür um Einiges offener und sehr gastfreundlich. Nach Zagreb gehen nur Wenige um zu studieren. Am Meer sieht die Lage noch mal anders aus. Der Tourismus hat die Bevölkerung reicher gemacht und alles an einen höheren Lebensstandard angepasst. Zagreb ist die große Hauptstadt und hat fast eine Million Einwohner, mit denen jeder seine eigenen Erfahrungen machen sollte. Mir jedenfalls waren die Leute von auswärts sympathischer, wobei es natürlich ein paar Ausnahmen gab.
Weggehen in Zagreb ist super. Es ist zwar nicht so viel billiger als bei uns, aber vor allem in Studentenlokalen ist der Preisunterschied merkbar. In fast allen Pubs, Cafés und Diskos wird heimischer, also kroatischer Pop gespielt und die Jugendlichen flippen aus vor Begeisterung. Cafés sind an jeder Straßenecke und im Sommer sind vor allem in der Innenstadt Gastgärten wohin man blickt. Kaffee trinken geht man in Zagreb fast täglich, es ist immer irgendwo was los. Der größte Hit war gerade Nescafé, erhältlich in allen Geschmacksrichtungen. Eines meiner Lieblingslokale war die Pivnica Medvedgrad, eine Brauerei, in der es hauseigenes günstiges Bier und sogar eine Bier-Happy-Hour gab.
Geschmacksache ist natürlich auch das Essen. Gute Restaurants und Pizzerias gibt es genügend, trotzdem gehen alle Studenten täglich in die Mensa. In der Mensa gibt es Frühstück, Mittag- und Abendessen, wobei man immer zwischen mehreren Gerichten auswählen kann. Für meinen leider empfindlichen Magen hat die Umstellung eine Zeit lang gedauert, da das Essen fetter ist als bei uns, aber nach einer Weile hat es mir recht gut geschmeckt.
Durch verschiedene Ausflüge habe ich das Land und die Leute besser kennen gelernt und auch die Unterschiede zwischen den Regionen Kroatiens gesehen. Viele Erfahrungen hätte ich ohne mein Auslandsjahr in Zagreb wahrscheinlich gar nie gemacht und bin sehr stolz darauf, mich jetzt ziemlich gut auf Kroatisch verständigen zu können.
Obwohl ich anfangs ein paar organisatorische Schwierigkeiten hatte, möchte ich jedem nur empfehlen, nach Zagreb zu gehen und seine eigenen Erfahrungen zu sammeln. Es war sehr gut für mich, diese vielen verschiedenen Eindrücke von Kroatien zu bekommen, das so nah und ähnlich, aber trotzdem auch ganz anders ist als Österreich.