Elguea - wie ein Hauch aus fernen Kindertagen -
Reisebericht vom 22.12.06 -Elguea – wie ein Hauch aus fernen Kindertagen. – Nach unserer Hochzeit begannen wir uns unverzueglich um die Ausreise von Jaqueline und Richard aus Kuba und die Einreisevisa fuer sie in die Schweiz zu kuemmern. Es eruebrigt sich, hier nochmals gross auf die unsinnigen, demuetigenden Formalitaeten einzutreten, wie sie vor allem von Schweizer Seite gefordert werden, ich habe mich darueber ausfuehrlich geaeussert. Doch muss hier erneut grosses Befremden ueber die „Kundenfreundlichkeit“ des schweizerischen Botschaftspersonals in Havanna kundgetan werden. Waren noch vor ein paar Jahren die Kontakte zur Schweizer Botschaft durch Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Grosszuegigkeit gekennzeichnet, was auch von kubanischen Staatsbuergern immer wieder hervorgehoben wurde, zeichnen sich die jetzigen Schalterbeamten durch Kaltschnaeuzikeit, Sarkasmus, Arroganz und kleinkarierte Borniertheit aus. Wenn ein solcher Beamter allen Ernstes behauptet, „in Kuba gaebe es keine Notare, alles sei staatlich“, dann hat dieser Beamte nicht nur einen Teil der diplomatischen Ausbildung verschlafen, sondern auch waehrend des staatsbuergerlichen Unterrichts in der Schule aus dem Fenster geguckt und vor allem die zwei Jahre, die er bereits nach eigenem Bekunden in Kuba verbracht hat, nicht zur Weiterbildung und zur Beschaeftigung mit dem Land, das ihm Gastrecht gewaehrt, genutzt. Dass ein solcher Kerl dem Steuerzahler noch auf der Tasche liegt, ist eine Unverschaemtheit sondergleichen, und es ist zu hoffen, dass mit einem andern Departementsvorsteher auch ein Wechsel in der Botschaftsleitung eintritt. – Seit den Sommerferien plagt Richard ein laestiger Hautaffekt, der wohl pubertaer bedingt, und gottlob nicht ansteckend ist. Wir beschlossen deshalb, unseren Hochzeitsurlaub mit einem Kuraufenthalt in den Baños de Elguea zu verbinden, um der strapazierten Haut von Richard Erleichterung zu verschaffen. Die Baeder von Elguea werden von Leuten aus ganz Lateinamerika aufgesucht, die an Haut-, Stress- und rheumatischen Erkrankungen leiden. Im aeussersten nordwestlichen Zipfel der Provinz Villa Clara an der Bahía de Santa Clara gelegen, weisen die Schwefelquellen eine durchschnittliche Temperatur von 45° C. auf. Die Legende weiss zu berichten, dass auf dem Gelaende der Elguea-Familie ein Sklave, der unter einer Hautallergie litt, freigelassen worden war, weil man eine Ansteckungsgefahr befuerchtete. Spaeter fand man diesen Sklaven geheilt vor, nachdem er mehrmals in den nahen Quellen gebadet hatte. Daraus entstand dann nach und nach eine Kureinrichtung. Das viele Hektaren umfassende, topfebene Areal ist weit abgelegen, kein Internet- und Mobilfunkverkehr erreicht die Station. Hieher verirrt sich nur selten ein Tourist, obwohl das Hotel mit seiner Mischung aus weitlaeufiger Hacienda- und DDR-Architektur durchaus westlichen Kurhaus-Anspruechen zu genuegen vermag. Die Raeume sind recht geschmackvoll mit Rattan-Moebeln ausgestattet, das Personal ist freundlich und entgegenkommend. Warmwasser, Strom, Dusche, WC funktionieren in ungewohnt guter Weise. Die Speisen des Restaurants im von den Kubanern heiss geliebten Buffet-System sind einfach, ohne ueberbordende Auswahl, aber schmackhaft zubereitet, so etwa im Stile einer Kantine oder eines Migros-Restaurants. Man kann waehlen zwischen einfachen Fleischsorten, etwa panierten Schnitzeln, Gehacktem oder Kalbsvoressen, dazu Fisch, zwei Reissorten, einem Gemueseeintopf als Hauptgang. Dazu kann man sich Suppe und immer frische Salate schoepfen. An reichhaltigem Fruechteangebot stehen Ananas, Grapefruits, Orangen, Mandarinen, Guave, Papayas und andere zur Verfuegung, aber keine Bananen. Als Dessert locken Vanille-Flan und suesser Reis-Kuchen. Zwei Fruchtsaefte und Kaffee, Toastbrot sind inbegriffen, waehrend Mineralwasser und Bier separat zu bezahlen sind. Das alles kostet den Touristen pro Person und Mahlzeit 12 CUC, etwa 12 USD, Kinder bezahlen die Haelfte. Das Doppelzimmer kostete mich pro Person und Nacht mit Fruehstueck 30 sFr. Zum Fruehstueck gibt es auch Wurst, Eier, Butter, Kaese und Kartoffelkroketten, aber keine Konfituere. Die Kuraktivitaeten wie Fango, Thermalbad, Massage sind separat zu bezahlen. Kubaner koennen nur hieher kommen, wenn sie von einem Arzt zugewiesen wurden, sie muessen aber pro Person und Tag ca. sFr. 20.—zahlen, wobei dann alles, auch die Kuren, inbegriffen sind. Da der durchschnittliche Monatslohn etwa 15 USD betraegt und eine Kur 9 Tage dauert, wird sofort klar, dass sich das nur bessergestellte Leute, die Unterstuetzung aus dem Ausland erhalten, leisten koennen. Einfache Arbeiter sind hier nicht anzutreffen.Es gibt hier viele Familien und Paare, auch Gruppen von vermutlich Betriebsangehoerigen. Viele aeltere Frauen leiden offenbar an rheumatischen Krankheiten, und die vielen jungen Maenner sind von der Armee zum Teil mit Familie hieher geschickt worden. Die kubanischen Arzte verschreiben haeufig einen Kuraufenthalt mit der Familie oder Familienmitgliedern. So wird die Betreuung ohne teures Personal sichergestellt. Kinder werden mitgenommen, um sie nicht fremd betreuen lassen zu muessen. Insgesamt herrscht eine familiaere Atmosphaere. Kubaner sind sehr kommunikative Leute. Man sieht niemanden Zeitung oder ein Buch lesen. Es wird nur immerfort geplaudert. Ich glaube, der groesste Heilungseffekt der Kuren besteht im gegenseitigen Informationsaustausch, dem Vermitteln von Adressen, in langatmigen Selbstdiagnosen und in Beschreibungen von wundersamen Heilungen bis Praktiken der schwarzen Magie. Nach einem Tag kannte Jaqueline die meisten Krankengeschichten der Patienten, und man hat ihr zum Problem der Hauterkrankung von Richard haufenweise gute Ratschlaege, Tips und Adressen von Wunderaerzten in Havanna vermittelt, so dass dann die Verordnung von zweimal taeglichen Fangobaedern mit 10-minuetigem Aufenthalt im aeusserst mineralhaltigen Thermalwasser durch die Badeaerztin nur noch begleitenden Charakter aufwies. Ich denke, wenn alle diese gegenseitigen Hilfestellungen, die gutgemeinten Ratschlaege und die Vorlesungen von selbsternannten Heilexpertinnen von Erfolg gekroent waeren, muesste es in Kuba schon lange keine kranken Menschen mehr geben! Eine Tube rezeptpflichtige Hautsalbe kostet uebrigens in der Apotheke umgerechnet 5 Rappen. - Diese Kurbad-Atmosphaere habe ich als kleiner Knabe noch waehrend des Weltkriegs selbst nebelhaft erlebt, sie gehoert zu meinen fruehesten Kindheitserlebnissen. Mein Grossvater muetterlicherseits hatte sich als Mechaniker zum stolzen Besitzer einer Schlossfabrik emporgearbeitet, und meine Grossmutter hatte jahrelang als Glaetterin in vornehmen Kurhotels der Innerschweiz gearbeitet. So gehoerte es fuer sie zum guten Ton, jeweils im Sommer einige Wochen Kuraufenthalt in Greppen, Meggen, Weggis, Vitznau oder auf Rigi-Kaltbad zu verbringen. Mit meiner Mutter zusammen habe ich dann meine Grosseltern jeweils einige Tage besuchen duerfen, waehrend mein Vater Dienst leistete. Ich kann mich noch gut erinnern, wie meine Grosseltern, Grossvater mit steifem Hut und Spazierstock, im Kurgarten spaziert sind und alle Leute gegruesst haben. Man ist dann etwa stehen geblieben und hat ellenlang ueber Krankheiten gesprochen, waehrend ich im Park auf Entdeckungsreisen ging. Da sind seither nun doch schon ueber 60 Jahre vergangen. – Die Badeeinrichtungen der Baños de Elguea entsprechen nicht unseren luxurioesen, oft zu luxurioesen Einrichtungen in der Schweiz, waehrend sich die Kubaner durchaus daran erfreuen koennen. Nicht jederman erhaelt die Moeglichkeit, hier einige Tage verbringen zu koennen. Hier ist alles noch so, wie ich es in nebelhafter Erinnerung aus den Vierzigerjahren habe. Blaue Farbe, abblaetternde Bemalungen, glitschige Fliesen, rostende Roehren, weiss gekleidete Bademeisterinnen, alles etwas heruntergekommen und voellig ueberrissene Preise fuer Touristen. Der Unterhalt der Badegebaeude laesst im Gegensatz zu den Einrichtungen des Hotels zu wuenschen uebrig, aber das ist fuer einen sozialistischen Staat wie es Kuba ist wohl die Regel. Leider wird auch das grosse Schwimmbassin des Hotels mit so lauter Musik wie ueberall ueblich in Kuba beschallt, so dass es einem saemtliche Daerme zusammenzieht, wenn man sich naehert. Ein laengerer Aufenthalt am Bassinrand ist fuer einen aelteren Europaer deshalb kaum zumutbar. Die Kubaner muessen anatomische Veraenderungen an ihrem Gehoersystem aufweisen, um das aushalten zu koennen. Gottlob sind die Zimmer sehr ruhig gelegen, und auch die Klimaanlage funktioniert tadellos. Die ganze, palmenbestandene Anlage sieht huebsch aus, die Rasenflaechen sind immer sehr gepflegt Doch ist die Mueckenplage ueberaus laestig. Im Hotelladen gibt’s natuerlich keine Mueckenmittel, und die vom Nachbardorf Coralillo taugen nichts. Wir behelfen uns mit Essig und bedauern, unser bewaehrtes Antibrumm forte aus der Schweiz nicht mitgenommen zu haben. – Wie meistens in Kuba sind die Freizeiteinrichtungen verlottert oder gar nicht mehr zu gebrauchen, so etwa gleicht der ehemals schoene Tennisplatz eher einem Panzer-Uebungsgelaende, und auf der Strand-Volleyballanlage rosten die Pfosten still vor sich hin, waehrend die Spielflaeche mit duerrem Gras ueberwachsen ist. Der Sozialismus wird, wie er hier verstanden wird, an der mangelhaften Pflege und dem fehlenden Unterhalt der Anlagen und Einrichtungen zugrunde gehen. Kein Schwein interessiert sich dafuer, einmal „hingekloepfte, von Bruderparteien gespendete Anlagen im Schuss und damit attraktiv zu halten. Die Angestellten behalten ihren Job, auch wenn die Anlagen zerfallen und keine Patienten zu betreuen sind. So rinnen die Daecher, blaettern die Farben, rosten die Leitungen, und die kubanischen Patienten, die ein guetiges Los, reiche Verwandte oder Beziehungen hiehergespuelt hat, sind in ihrer Anspruchslosigkeit dankbar, einige Tage hier verbringen zu duerfen. Interesse und Geld fuer den dauernden Unterhalt scheint nicht vorhanden zu sein. Insgesamt aber haben mich hier die Fortschritte in der Hotellerie, die hier rein kubanisch ist, doch einigermassen beeindruckt. Die Leute reden miteinander und sind freundlich zueinander, auch zwischen Angestellten und Gaesten herrscht ein kameradschaftliches Klima. Man hilft sich gegenseitig, gibt Ausflugstips und Bezugsquellen fuer „Wundermittel“ bekannt. Wenn ich an unsere 5-Sternhotellerie mit ihrem ganzen Ueberfluss, den perversen Buffets, dem Modeirrsinn und dem Kreuzfahrtgigantismus denke, dann fuehlt man sich hier in dieser Umgebung einfach sauwohl, ohne damit etwa gehobeneren Anspruechen und etwas Luxus fuer Leute, die es sich leisten koennen, die Berechtigung absprechen zu wollen. –Das flache Land und das Leben hier ist gepraegt von Beschaulichkeit und Einfachheit. Auf den weiten Fluren wird Viehzucht getrieben und Zuckerrohr angebaut. Haupttransportmittel sind Pferdewaegelchen, Fahrraeder und Reitpferde. Daneben sieht man viele Traktoren und Lastwagen der Genossenschaften. Karren werden von Ochsen gezogen, und viele Leute sind in den kleinen Staedten und Doerfern zu Fuss unterwegs. Viele Personen werden stehend auf Lastwagenbruecken transportiert. Der oeffentliche Autobusbetrieb kennt keinen Fahrplan. Autostopp ist normal. Die kleine Kreisstadt Coralillo hat alles, was es so braucht, zwei Laeden, Schulen, eine Poliklinik, eine Bank, eine Wechselstube, eine Apotheke, freundliche Polizisten und eine Kirche. Die Menschen und vor allem die Kinder sind adrett angezogen. Hier laeuft das Leben wie eh und je. Unseren ideologisch blinden Schreibtischtaetern in Bern und Aarau moechte man gerne mal einen Aufenthalt bei diesen freundlichen, friedlichen, hilfsbereiten und arbeitsamen Menschen goennen. - Heute fuhren wir zum menschenleeren Strand hinaus, besuchten einen kleinen Fischerhafen und eine Bauernfamilie, die uns ein wunderbares kubanisches Mahl auftrug, frisch gefangene Fische, auf dem Holzfeuer zubereitet, geraeuchten Schinken, Tomaten, Congris – Reis mit schwarzen Bohnen - und Yukka, dazu quellfrisches Wasser und ein Bier. Man erhaelt nur eine Gabel zum Gedeck, der Rest wird mit den Fingern erledigt. So in einer einfachen, aus Palmblaettern gefertigten Huette ueber dem Wasser zu sitzen, den Moeven zuzusehen und den Tag zu geniessen, waehrend Richard Krebsen nachstochert und Enrique, sein Onkel, sich die Geschichten des alten Mannes mit dem verwitterten Gesicht anhoert, den sie „avión“, „Flugzeug, Flieger“ nennen, weil er die geflickten Motoren der Fischerboote probehalber so laut aufheulen laesst, dass sie wie die Flugzeuge droehnen, so kann eben Leben in Kuba auch sein. – Leider geht unser Kuraufenthalt bald zu Ende. Morgen reisen wir nach Havanna zurueck. Die Muecken lassen wir gerne hier, sie quaelen uns doch sehr und hinterlassen juckende Spuren. Hasta la proxima, avión!
