Die Welt der Mayas
Fuer meinen Aufenthalt im Staat Chiapas hatte ich mir drei Besuchsziele vorgenommen. Informationen von verschiedenen Seiten liessen es mich als geraten erscheinen, mich fuer den Besuch dieser Sehenswuerdigkeiten Gruppen anzuschliessen, zumal mich Rueckenschmerzen plagten.
Der Besuch der Wasserfaelle von Misol-Ha, Agua Clara und Agua Azul gaben Gelegenheit, die Gebirgsgegend von Chiapas vom Minibus aus kennen zu lernen und die Ruhe der Natur zu geniessen. In dieser Jahreszeit ist das Klima angenehm, die Besucherstroeme halten sich in Grenzen.
Wenn Zeit bleibt, an einem stillen Ort zu verweilen, dem Spiel des Wassers zuzusehen, sein Rauschen als Wohlklang zu empfinden und den eigenen Gedanken nachzuhaengen, scheint man entrueckt zu sein in eine andere Welt und in eine andere Zeit. Die kleine, saubere Huette mit Palmdach, ein paar Tische, die junge, freundliche Frau, die frische empanadas zubereitet, Teigtaschen, koestlich gefuellt mit Huehnerfleisch oder Kaese, gebacken im heissen Oel, freundliche Worte, der Blick auf das stroemende Wasser, das Leben, ein Traum! Agua azul, blaues Wasser, es ist aber weiss!
Noch im Dunkel des anbrechenden Morgens startete ich am naechsten Tag mit einer andern Reisegruppe zu den Ruinen von Yaxchilan und Bonampak, eine Busfahrt, die etwa 3 1/2 Stunden in Anspruch nimmt. Hatte mich der Morgenkaffee im Hotel noch nicht ganz munter gemacht, schaffte dies mit Leichtigkeit ein pausenlos mit ausladenden Gebaerden herumschwafelnder US-Amerikaner, der sich als gewoehnlicher Teilnehmer wie ein schlechter Reiseleiter aufzufuehren erfrechte. Ich konnte mich seiner knapp erwehren, indem ich ihm etwas bockbeinig zu verstehen gab, dass ich es nicht schaetze, am fruehen Morgen schon Schwachsinn zu reden, was bei den Mitreisenden groessere Heiterkeit ausloeste.
Mit dem Boot erreichten wir um die Mittagszeit Yaxchilan, eine im Urwald versunkene, geheimnisvolle Mayastadt der klassischen Periode (250-900 n.Chr.) am Ufer des Rio Usumacinta. Die grosse Stille wird nur durch das Geschrei der Bruellaffen unterbrochen. Schoen, das Gelaende allein durchstreifen zu koennen, die verschiedenen Formen der Gewoelbe und Tuerstuerze zu studieren und ueber die Bedeutung des Ballspiels bei den Mayas nachzudenken. Der nahe Fluss fordert zu Ueberlegungen zum Verbindungs- und Transportwesen der Mayas auf.
Auf der Rueckfahrt mit dem Boot – man ist gehalten, Schwimmwesten zu tragen – beobachten wir viele Caimane, und der bange Betrachter fragt sich natuerlich, was jene angesichts der klappenden Caiman-Maeuler denn eigentlich sollen. Erinnerungen an Bootsfahrten in Thailand, Australien, Canada und Europa werden wach. Man erinnert sich etwa mit groesstem Vergnuegen daran, dass Ursa Strasser vor Jahren bei der Beschreibung einer Loire-Fahrt das Fortbewegungsmittel partout als “Ruder” und nicht etwa als “Paddel” zu bezeichnen geruhte, dies aus Gruenden des sprachlichen Wohlklangs, wie sie damals voellig ueberzeugend ausfuehrte.
Der anschliessende Besuch von Bonampak gestaltete sich angesichts der im letzten Jahr besichtigten Ueberreste in Yucatan ernuechternd, da man hier nur die Plaza und die Akropolis besuchen kann, doch sind Original-Wandmalereien zu besichtigen.
Der naechste Tag war dem Besuch der Ruinenstaette von Palenque vorbehalten, eine grossartige, weitraeumige Anlage, mit Turm und einem System der Wasserversorgung. Koenig Pacal soll 81 Jahre alt geworden, ein guter Koenig, aber von einem ausnehmend haesslichen Aeussern gewesen sein.
Palenque machte mir den Eindruck einer groesseren Provinzstadt mit mannigfachenh Beziehungen zu andern Zentren in einer Zeit, als bei uns –Spaetantike und Fruehmittelalter – Kleinraeumigkeit vorherrschte. Warum sind keine Mayastaetten auf den Karibikinseln entstanden? Handelsbeziehungen gab es sicher, und navigieren konnten die Mayas.
Das heutige Staedtchen Palenque ist eine typische, nette mexikanische Kleinstadt, in der Hochsaison natuerlich vom Tourismus ueberflutet, das Museum sehenswert. Ich schliesse abends meinen Aufenthalt in Palenque ab. Vier Naechte im Viersternhotel mit Fruehstueck, 3 Ganztagesexkursionen mit allen Eintritten, die Fahrkarte von Palenque nach Flores/Guatemala (9 Stunden in Bus und Boot) haben mich knapp 600 sFr. gekostet.
Tikal in Guatemala, das ich am Freitag, 13.1.06 besuche, stellt alles in den Schatten, was ich bisher an Mayastaetten gesehen habe. 5 Stunden humple ich im Urwald herum und kann mich nicht satt sehen, komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nur 15% der einstigen Anlage ist ausgegraben, 21 km2 hat sie einst bedeckt. Das war die Reichsstadt der klassischen Periode. Neben den grandiosen Bauwerken, z.B. einer einzigartigen Dreifach-Ballspielanlage, beeindruckt die Wasserversorgung der Stadt mit Reservoiren, die biologische Filtration aufwiesen und zur Vermeidung von Verdunstung mit Palmblaettern bedeckt waren. Eine Stadt aehnlichen Zuschnitts in Yucatan, Calakmul, werde ich auf einer meiner naechsten Reisen besuchen, das habe ich mir vorgenommen.
Tikal liegt eingebettet in einen Nationalpark, der auch eine einzigartige Fauna und Flora aufweist. Es ist der einzige Ort auf der Erde, der von der UNESCO gleichzeitig als Weltnatur- und Weltkulturerbe ausgezeichnet worden ist.
Nach einem Ruhetag am lieblichen Gestade des Lago Peten Itza fliege ich morgen Sonntag, 15.1.06 weiter nach Guatemala City und Antigua Guatemala, von wo ich meine beiden naechsten Ziele, den Atitlan-See und den Marktflecken Chichicastenango zu besuchen gedenke.
Auf bald! Hasta la proxima!
Ueli