Weblog von Ueli

23.01.2006 um 22:29 Uhr

Reisebericht 7: Auf dem Markt von Chichicastenango

Auf dem Markt von Chichicastenango

In meiner Schulzeit, als Halbwuechsiger, war ich erstmals auf diesen Namen gestossen und sein Rhythmus und sein Wohlklang hatten mich so in den Bann gezogen, dass ich diesen Namen oft vor mich hinmurmelte, wenn ich eintoenige Arbeiten zu verrichten hatte. Das emsige Markttreiben, die farbenfrohen Stoffe befluegelten viele Jahre hindurch meine Fantasie. Als dann der Plan einer Reise durch Mittelamerika naeher rueckte, als ich die Gattin eines kubanischen Freundes kennen lernte, die sich Chichi nannte, war es klar, dass ich Chichicastenango besuchen wuerde, gehauen oder gestochen.

Mit dem Bus verliess ich Antigua morgens frueh und erreichte nach 2 1/2 stuendiger Fahrt Chichi, wie es hier genannt wird. Viele Busse spuckten ihre Touristen aus. Man erkennt sie sofort, weil sie die kleingewachsenen Leute hier meist um mehr als Kopfesgroesse ueberragen. Das Schlendern durch das Gewuehl in den Gassen macht Spass, es herrscht eine froehliche Stimmung, und es war tatsaechlich so, wie ich es mir all die Jahre vorgestellt hatte. Die Stoffe und Tuecher, die ueberall aufgehaengt sind, die Decken und Huete, die Macheten und Masken, der Schmuck sind fein gearbeitet und nicht etwa Kitsch. Der uebliche Souvenirramsch ist hier nicht zu finden. Die Frauen tragen die traditionelle Kleidung ihres Dorfes, und die Einheimischen erkennen so sofort, woher die Leute kommen.

Auf den Treppenstufen zur Kirche San Tomas knien die indigenos und bringen ihr beissendes Rauchopfer, ein Blumenmeer bedeckt den Zugang zur Kirche, und im mit einer dunklen Holzdecke versehenen Innenraum werden auch Mayagoetter verehrt. Ueberall brennen auf Opferstoecken Kerzen.

Viele Studentinnen und Studenten, viele aus Franzoesisch-Kanada, kaufen hier sackweise Strick- und Wirkwaren ein, um damit in Antigua ihr Taschengeld aufzubessern. Natuerlich schicke ich eine Karte aus Chichi an Chichi in Kuba. Der Posthalter erscheint verdutzt. Mal sehen, ob die Karte ankommt! Nachdem ich mir noch den Saeulimaert angesehen habe, trete ich am Nachmittag die Rueckfahrt an, um mich danach fuer den Flug nach Managua/Nicaragua vorzubereiten.

23.01.2006 um 21:52 Uhr

Reisebericht 6: Der Atitlan-See

Der Atitlan-See

Die 2 1/2 stuendige Busfahrt nach Panajachel fuehrt ueber eine Gebirgsstrecke zum Ort Solola, bevor sich die Strasse in haarstraeubenden Windungen zum See hinunterstuerzt. Ich bin sehr gespannt, wie dieser See wohl auf mich wirken wird, denn die Reiseprospekte sind darueber des Lobes voll, besonders seit der englische Schrifsteller Aldous Huxley diesen See als den schoensten der Welt bezeichnet hat.

Das emsige Touristiktreiben erleichtert mir den Entschluss fuer eine vierstuendige Seerundfahrt (100 sFr.) ein Privatboot mit Fuehrer zu mieten. Die den tiefen See umgebenden Vulkane sind gelegentlich mit Wolkenfetzen verhangen, das Wetter ist angenehm, aber es frischt ein Wind auf, die Wassertemperatur betraegt etwa 20 Grad. Um den See verteilt sind kleine Ortschaften gelegen, die den Namen der Apostel tragen und per Boot erreicht werden koennen.

Wir suchen zuerst Santiago  Atitlan auf, der groesste Ort, der aber vom Tourismus gepraegt wird, was mich dazu bringt, etwas ausserhalb der Stadt im schoen gelegenen Hotel Bambu  das Mittagessen einzunehmen und auf der Terrasse mit Blick auf den See seinem besonderen Reiz nachzuspueren, der sich mir einfach nicht offenbaren will. Mein Bootsfuehrer erzaehlt mir von seiner Familie, seinem Beruf und natuerlich auch von der ungeheuren Ueberschwemmung vom letzten Oktober, der viele Menschen zum Opfer gefallen sind. Der normalerweise tiefblaue See sein damals eine gelbbraune Pfuetze gefuellt mit Unrat gewesen.

Je weiter wir den See umrunden, desto weniger kann ich Huxley verstehen. Natuerlich hat der Begriff "Schoenheit" oder "das Schoenste" immer auch einen individuellen, persoenlichen Hintergrund, seien es eigene Gedanken, Gefuehle oder Erlebnisse, die sich damit verbinden. Aber was mochte der Hintergrund von Huxley gewesen sein, ihn so besonders schoen zu empfinden? Hatte Huxley nie etwas von Hermann Hesse gehoert, kannte er nicht den Luganersee, den Vierwaldstaettersee, den Thuner und Brienzersee mit ihrem unvergleichlichen Panorama? Mag sein, dass ich nicht die richtigen Aussichtspunkte, das richtige Wetter, die richtige Tageszeit erwischt hatte. Die Faszination dieses Sees wollte sich bei mir einfach nicht einstellen.

In San Pedro, unserer naechsten Station, erlebte ich eine weitere Enttaeuschung, und ich ergriff vor all den Zoepfchen-Rastas, den Selbstverwiklichern und Seelengurus, den Moechtegernhippies und Esoterikmusikanten, die in zerlumten KLeidern herumschlurften schlaeunigst die Flucht. Hier seien alle Formen von Drogen sehr leicht zu erhalten, liess ich mir sagen. Es gefiel mir besser, in zwei weiteren Flecken dem Dorfalltag der Einheimischen zuzusehen und den Blick ueber den See schweifen zu lassen.

Abends dann, am hoteleigenen Mac, erfuhr ich, dass Huxley "Versuche" mit Mescalin angestellt hatte, als er nach LA uebersiedelt war. Es liegt wohl nahe zu vermuten, dass sich Huxley hier, am Ufer des Atitlan-Sees, einige billige Drogenraeusche geleistet hat, wozu er nach Guatemala gekommen war, und dass diese Erfahrungen sein Bild vom See moeglicherweise ueberhoeht haben. Der See hatte sich damit bei mir endgueltig entzaubert, und ich beschloss, diesen Huxley zu vergessen und mich Wichtigerem zuzuwenden.

 

 

23.01.2006 um 21:13 Uhr

Reisebericht 5: Antigua Guatemala

In Antigua Guatemala

In der ehemaligen Hauptstadt Guatemalas, Antigua, der wohl bezauberndsten Kolonialstadt Mittelamerikas (jedes Land hier hat mindestens eine solche "schoenste" oder "aelteste" Kolonialstadt Lateinamerikas!), lebte ich fast eine Woche in zwei verschiedenen posadas, kleinen herzigen Familienhotels oder -herbergen, von denen es in Antigua unzaehlige gibt. Die von Vulkanen umgebene Stadt wurde beim furchtbaren Erdbeben von 1773 zugunsten von Guatemala City (etwa 40 km entfernt) aufgegeben und erst uim 19. Jh. wieder besiedelt.

Aber sie zeugt auch heute noch mit dem gewellten Kopfsteinpflaster, den farbigen, meist einstoeckigen Gebaeuden, die wunderschoene Innenhoefe in sich bergen, den unzaehligen Kirchen, Plaetzen und Brunnen, den Palaesten und der Universitaet vom Glanz einstiger Tage.

Die malerischen Restaurants in den praechtigen mit tropischen Pflanzen versehenen Innenhoefen, dasjenige z.B. von Doña Luisa, laden ein zur beschaulichen Einkehr. Die posada San Bernardin ist vollgestopft mit Antiquitaeten aus verlassenen Gebaeuden, ich schlafe in einem Eisenbett, das vermutlich aus dem ehemaligen Krankenasyl stammt und an dessen Gestaenge noch Verkrustungen des Erdbebens sichtbar sind.

Die Stadt ist von Hunderten von amerikanischen Studentinnen bevoelkert, die hier ihren Spanischkurs belegen und abends in Ricky's Bar oder im Cafe Condesa ihre ersten spanischen Sprachbrocken zum Besten geben.

Die Leute hier sind sehr freundlich, von bedaechtigem Habitus, geben gerne Auskunft, und alle sind sie mit einem Handy ausgeruestet, selbst die Grossmutter telefoniert staendig waehrend der Busfahrt. Unvorstellbar, wie das Leben frueher ohne Handy funktioniert hat!

Die Plaza Mayor ist der Treffpunkt fuer alle hier, und wenn man etwas erfahren will, geht man hieher, man kommt leicht ins Gespraech. Das Wasser des grandiosen Brunnens in der Mitte entspringt den in Stein gehauenen Bruesten junger Frauen. Die Wirkung der verschiedenen Erdbeben sieht man am besten an den Gewoelbeboegen der riesegen Kathedrale, von der nur noch ein allerdings immer noch beeindruckendes Querschiff fuer Gottesdienste benuezt werden kann. Die Kirche San Pedro, wo am Sonntagabend um 18 Uhr die Messe gelesen wird, ist uebervoll mit einheimischen Familien.

Das Leben hier in Antigua Guatemala ist malerisch, beschaulich und sehr guenstig, ausser den Wohnungen, wie man mir sagt. Ich koennte mir gut vorstellen, in dieser Stadt laenger zu leben.