Reisebericht 8: Nicaragua I - Im Norden
Nicaragua I - Im Norden
Natuerlich ist jedem Zeitungsleser meines Alters der Sandinistenaufstand und das Ende der Somozadiktatur Ende der 70er-Jahre in lebhafter Erinnerung. Da ich fuer Nicaragua keine besonderen Erwartungen an bestimmte Besuchsziele hegte, beschloss ich, nach Managua zu fliegen, dort ein Auto zu mieten und alles Weitere auf mich zukommen zu lassen. Aber ganz ohne Planung gieng es denn doch nicht! Im Hotel nahe des Flughafens stellte ich mir am Vorabend aus Reisekatalogen eine moegliche Rundreiseroute zusammen, wohl wissend, das die Reiseunternehmen nur “sichere” Routen empfehlen. Ich halte diesen Ideenklau fuer tolerierbar, weil ich die gesamte Reiseplanung, Etappenziele, Verpflegung, Hotel, Kartenmaterial usw. selbst leiste. Die Unternehmen sind schlau genug, diese Daten nicht im Voraus bekannt zu geben.
Auf dem Weg in die Regen- und Nebelwaelder des noerdlichen Hochplateaus um Matagalpa, wo der beste Kafee waechst, besuchte ich Leon Viejo, die am 31.12.1609 verschuettete, neben Granada erste Stadt Nicaraguas. Hier liegt noch immer der enthauptete Gruender Nicaraguas, Francisco Hernandez de Cordoba begraben. Der “Cordoba” ist uebrigens die Waehrungseinheit Nicaraguas. Die im Eintrittspreis inbegriffene Fuehrung gibt einen interessanten Einblick in die Art, wie Spanier ihre fruehen Kolonialstaedte angelegt haben und welche Gebaeude und Institutionen zentral waren. Auf dem befestigten Huegel hat man einen schoenen Blick auf den Vulkan Momotombo, den Managua-See und die Vulkaninsel Momotombino. Ein Blick auf die Karte Nicaraguas laesst unschwer die damalige Einfallsachse der Spanier erkennen und macht die Standortwahl von Leon und Granada knachvollziehbar. Die junge Fuehrerin ist sehr belesen und gibt auch gerne Auskunft ueber das Leben der gegenwaertigen Bevoelkerung, ueber Tiere, Pflanzen und Fruechte. Sie freut sich ueber meine vielen Fragen und bedankt sich zum Schluss. Das war ein sehr unterhaltsamer Spaziergang.
Fuer einen Halt in der heutigen Universitaetsstadt Leon reicht die Zeit leider nicht mehr. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir, aber der pitoreske Charme der Kolonialstadt mit der riesigen Kathedrale laesst sich auch vom Auto aus fluechtig erhaschen. Nach dem Weg nach Matagalpa zu fragen, erweist sich als zwecklos, denn niemand der Befragten weiss, wie man von hier zur 143 km entfernten Kaffeemetropole kommt. Wenn man aber nach dem Weg nach Telica oder San Jacinto fragt, zwei benachbarte Orte auf der Route nach Matagalpa, erhaelt man bereitwillig Auskunft. Die Strasse, die immerhin zwei Provinzen miteinander verbindet, besteht aus einer stetigen Abfolge von Schlagloechern, denen es in kurviger Fahrt unter Beruecksichtigung des uebrigen Verkehrs auszuweichen gilt. Treten dann gleichzeitig noch Orientierungsprobleme auf, weil Wegweiser und verlaessliche Karten fehlen, sind Umwege und Umkehrfahrten unausweichlich, da man gleichzeitig auch noch auf spielende Kinder, grasende Kuehe und ein- und aussteigende Buspassagiere achtgeben muss. Aber man gewoehnt sich daran, wie auch an die oft “seltsamen” Auskuenfte der Einheimischen. Eine Abzweigung in einer groesseren Provinzstadt wie etwa Masaya wird etwa wie folgt beschrieben: “bei der Palme links, 3 km!” Und man findet die Palme! Auf Zeit- oder Distanzangaben sollte man sich aber besser nie ganz allein verlassen. Die wichtigsten Hauptstrassen im Land sind gut ausgebaut, aber das uebrige Strassennetz, auch in den Staedten, kann einem schon den Nerv toeten, Eile mit Weile ist angesagt!
Faehrt man nach 16 Uhr durch Matagalpa, eine Bergstadt mit unbeschreiblichen Strasenverhaeltnissen, trift man ueberall auf die heimkehrenden Arbeiter und Arbeiterinnen aus den Kaffeeplantagen. Vor den Verarbeitungsbetrieben stehen prall gefuellte Saecke voll getrockneter Bohnen und Lastwagen mit hochaufgetuermten Ladungen transportieren das kostbare Gut weiter. Die Strasse beginnt nun stark anzusteigen, und man kurvt durch eine wildromantische Gebirgsgegend, staendig den Schlagloechern und entgegenkommenden Lastwagen ausweichend.
Mein Ziel heist “Selva Negra”, “Schwarzwald”, eine Kaffeeplantage deutscher Einwanderer mit Beherbungsmoeglichkeit, die mir in Managua empfohlen worden ist. Ein zerschossener Panzer bei der Abzweigung und die Zugangskontrolle mit Schlagbaum unterhalb des Komplexes laesst Zweifel an der richtigen Auswahl des Ziels aufkommen. Es regnet, es ist kuehl und windig. Ich ereiche das Haupthaus, aeusserlich im Blockhausstil, um das sich Bungalows und weitere Gebaeude gruppieren. Das Ganze macht mir den Eindruck einer adlerhorstaehnlichen Bergfestung, malerisch an einem kleinen kuenstlichen “Schluchsee” gelegen. Doch wie draussen das Wetter, erweist sich die Atmosphaere im Restaurant, das Schwarzwaeldergeist der 30er-Jahre atmet, als kuehl und wenig einnehmend, umsomehr als das Besitzerehepaar auch Kuehl heisst. Einzig die alten Fotos der deutschen Kolonie, die bereits im 19. Jh. in Matagalpa gegruendet worden war, sind sehenswert. Die Terrasse mit Seeanstoss ist des schlechten Wetters wegen nicht benuetzbar. Auf der Speisekarte sind natuerlich auch die ueblichen Schwarzwaeldergerichte aufgefuehrt, aber wer um Gotteswillen isst in Nicaragua Sauerkraut? Von Spaziergaengen kann keine Rede sein, und auch eine Fuehrung durch die Plantage anderntags verspricht infolge des Wetters nicht viel. Ich verbringe eine Nacht im kalten Bungalow und reise am andern Morgen frueh Richtung Nicaragua-See und Granada wieder ab. Ab Sebaco ist die Strasse sehr gut ausgebaut, und ich komme gut voran.
