Unterwegs in Costa Rica mit einer Enduro Honda 250ccm XR Tornado
Die Idee spukte schon lange in meinem Kopf herum: Angetan von jenem Film, der die Geschichte einer Motorrad-Reise des jungen Che Guevara mit seinem Freund Alberto Granado durch Lateinamerika erzaehlt, getrieben von Abenteuerlust und der Sehnsucht, einmal einen Teil der Panamericana, eine der Traumstrassen der Welt zu befahren, beschloss ich. Costa Rica per Motorrad zu entdecken. Allerdings plagten mich starke Zweifel, ob ich es schaffen muerde, angesichts meiner Rueckenprobleme, angesichts einiger unliebsamer Erfahrungen in der Schweiz und angesichts der katastrophalen Strassenverhaeltnisse in Costa Rica. Natuerlich wusste ich, dass ein solches Vorhaben bei meinen Freunden nur Kopfschuetteln ausloesen wuerde.
In San Jose fand ich ein Motorrad-Verleihgeschaeft zweier Deutscher, die mich umfassend berieten und mir bei der Wahl der Route behilflich waren. Ueberdies erklaerte sich Thorsten bereit, mich auf der ersten Tagesetappe zu begleiten, mich einzuweisen und anschliessend zu beurteilen, ob ich dem Ganzen gewachsen waere. Als er mich dann am Abend des ersten Tages nach meinem Alter fragte und mir daraufhin anerkennend auf die Schulter klopfte, da wusste ich, dass ich es schaffen wuerde. Meine Gelaendemaschine, eine Honda Enduro 250ccm, war fuer die vorliegenden Strassenverhaeltnisse wie geschaffen, und man hatte sie extra auf meine Koerpergroesse eingestellt.
Ich hatte schon ein mulmiges Gefuehl im Magen, als wir am Sonntagmorgen starteten, aber bald hatte ich mich an die leicht zu handhabende Maschine gewoehnt, und Thorsten, der seinen kleinen Jungen dabai hatte, fuhr mir eine saubere und sichere Linie vor. Bald gings hoch in die Berge mit traumhaften Ausblicken auf das Valle Central. Doch das Motorradfahren erfordert dauernde Konzentration auf Strasse und Verkehr. Das Wichtigste ist nicht etwa der Gashebel, sondern das Auge. Weit vorausblickend muss man sich dauernd auf moegliche Gefahren und neue Situationen einstellen, der Blick in den Rueckspiegel ist lebenswichtig, der Blick zurueck ueber die Schulter beim Spurwechsel ein absolutes Muss. Beim staendigen Umfahren der Schlagloecher ist man natuerlich viel schneller als jedes Auto, aber die Stollenpneus und die exzellente Federung erlauben auch hie und da ein direktes Durchfahren der Loecher. Dabei darf man sich nicht allein auf das erste auftauchende Schlagloch konzentrieren, der Blick eilt voraus um die ideale Linie zu finden, aehnlich dem Slalomfahren im Schnee. Faehrt man unversehens in ein Loch, erwischt man meistens noch drei, vier weitere, bis man sich gefasst hat. Heimtueckisch sind die Schlagschatten der Baeume, weil man dort die Loecher fast nicht erkennen kann. Waehrend man in der Schweiz eine Kurve bedenkenlos durchfahren kann, wenn die Geschwindigkeit stimmt, kann hier hinter jeder Biegung ein grosses Schlagloch lauern, also runter mit der Geschwindigkeit und Blick so weit wie moeglich voraus! Mein Ruecken hielt sich hervorragend, ja ich hatte das Gefuehl, dass mir die Schuettelei richtig gut tat. Ich hatte ja schon bei langen Busfahrten keine negativen Folgen fuer meinen Ruecken feststellen koennen. Da ja die Medizin keine Wissenschaft sondern eine Kunst ist, wird mein Hausarzt Rolf sicher auch dafuer eine Erklaerung haben.
Nun aber gings richtig zur Sache. Eine Haengebruecke war zu ueberqueren, bei der einige Bohlen fehlten, natuerlich nicht hintereinander! Heil und erleichtert drueben angekommen, aeusserte ich den Wunsch, Thorsten moege eine Foto von mir vor dem Hintergrund der Bruecke schiessen. Aber er war damit nicht zufrieden: “Du musst die Bruecke befahren fuer ein gutes Foto!” Ich bin die Bruecke also noch zweimal gefahren, nur damit sich meine Freunde Fotos von dieser Zitterpartie anschauen koennen! Am Nachmittag erreichten wir eine wunderschoene Lodge in den Bergen bei Miramar mit traumhaftem Blick auf den Golf von Nicoya am Pazifik. Nach einem guten Essen verabschiedete sich Thorsten mit seinem Sohn, nicht ohne mich vorher mit guten Ratschlaegen und Tips versehen zu haben.
Zeitig am andern Morgen machte ich mich auf den Weg, um nun, auf mich selbst gestellt, den Badeort Samara anzusteuern. Ich hatte meine Motorradreise so angelegt, dass ich taeglich vier Stunden Fahrzeit, unterbrochen durch eine einstuendige Pause, zu bewaeltigen hatte. Von Thorsten hatte ich eine gute Strassenkarte erhalten, und die Abzweigungen sind in Costa Rica sehr gut ausgeschildert, so dass keine Orientierungsprobleme auftraten. Es war schon ein Supergefuehl, die Panamericana zu befahren, jene Strasse, die von Alaska bis Feuerland den amerikanischen Doppelkontinent durchzieht. Natuerlich tauchten Erinnerungen auf an die legendaere Route 66, die ich schon frueher befahren hatte. Thorsten hatte mir eine Lodge in der Naehe von Samara empfohlen, und so nahm ich die 7km lange Schotterpiste quer durch den Urwald unter die Raeder. Nicht schlecht staunte ich, als der Weg unversehens in ein etwa 30m breites Flussbett hineinfuehrte. Ich war ganz allein, das klare Wasser gut knietief, der Flussgrund bestand aus feinkoernigem Kies. Schillers Wilhelm Tell leicht abgeaendert zitierend: “.. durch diesen Flusslauf musst du fahren, es fuehrt kein anderer Weg zur Lodge…!”, fasste ich mir ein Herz und brauste, nachdem ich beim ersten Versuch gleich beim Start den Motor abgewuergt hatte, einfach durch. Ein unbeschreibliches Gluecksgefuehl stellte sich ein, und erst jetzt bemerkte ich, dass ich bis zum Bauch voellig nass geworden war. Mit dem Gedanken: “heute hast du genueg getan!” erreichte ich die Lodge, musste aber zur Kenntnis nehmen, dass kein Zimmer frei war. Ziemlich beklommen trat ich den Rueckweg an, befuhr die Furt ein zweites Mal und fand in Playa Samara ein niedliches Hotel, wo ich mich ausruhen, duschen und meine Tageswaesche verrichten konnte.
Mit einem guten Nachtessen belohnte ich mich anschliessend, und als ich nach ein paar Bierchen in einer Bar mit ein paar Einheimischen ins Gespraech gekommen war und von meinen Toeff-Abenteuern erzaehlte, vergass ich natuerlich auch nicht meine Mietfirma www.wild-rider.com zu erwaehnen. Von da an nannten mich die Leute mit einem verschmitzten Blick auf meine grauen Haare “wild rider”! Immer wieder musste ich erzaehlen, wie es mir die Beine bei der Flussdurchfahrt nach hinten gerissen hatte, und mit jeder Wiederholung reichte mir das Wasser natuerlich immer etwas hoeher, am Schluss bis zum Hals! Und als ich dann erzaehlte, wie ich die fehlenden Bretter der Haengebruecke, die sie natuerlich alle kannten, ueberfahren hatte und dann auch noch das schwankende Boot im Grenzfluss zu Guatemala mit den schnappenden Kaiman-Maeulern erwaehnte, von da an hatte “wild rider” Freibier! Es war ein total lustiger Abend, und als ich anderntags meinen Morganspaziergang machte, um mir meinen Kopf etwas auszulueften, da wurde ich von Leuten, die ich nie zuvor gesehen hatte, mit einem freundlichen “hello, wild rider, buenos, wild rider, hola, wild rider!” gegruesst!
Kurz vor Mittag fuhr ich los, um ueber Naturstrassen den Ort Playa Naranjo zu erreichen, wo ich mir ein Zimmer nahm und mir die noetigen Informationen fuer die Ueberfahrt mit der Faehre am naechsten Tag nach Puntarenas besorgte. Die 75 Min. dauernde Ueberfahrt in der Mittagshitze des Mittwochs und die anschliessende Rueckfahrt nach San Jose ueber die Panamericana erforderte groesste Aufmerksamkeit. Wohl oder uebel musste ich nun um bergwaerts voranzukommen Dutzende und Aberdutzende von riesigen Lastwagen, die im Schritttempo die Steigungen hinankrochen, ueberholen, um mich dann wieder in eine Luecke hineinzuzwaengen. Auf der Flughafenautobahn ging es dann flott voran, und so erreichte ich kurz nach 16 Uhr durch den staedtischen Grossverkehr heil und ganz meine Mietfirma. Insgesamt hatte ich 550 km auf meinem Motorrad zurueckgelegt und viele Abenteuer erlebt, fuer mich das wohl groesste Erlebnis dieser Mittelamerikareise.