Weblog von Ueli

27.02.2006 um 00:21 Uhr

Reisebericht 15: "Sic transit gloria mundi..."

„Sic transit gloria mundi!“ –  Auf dem Friedhof Santa Ifigenia in Santiago

 

Der Friedhof Santa Ifigenia in Santiago de Cuba ist eigentlich, wie in vielen lateinischen Laendern, eine kleine Stadt bestehend aus Grabgebaeuden, Mausoleen, Denkmaelern, Engeln, Kreuzen und einfachen Graebern. Der beruehmteste und groesste, der Cementerio Cristobal Colón, befindet sich zwar in Havanna, aber hier in Santiago, der „Stadt der Helden“ sind die wichtigsten Gestalten der kubanischen Geschichte begraben.

 

Santiago, der „oriente“, der Osten Kubas, wird seit jeher als das Herz Kubas bezeichnet, er ist die mythische Heimat der Kubaner, auch wenn heute Havanna das wirtschaftliche Zentrum darstellt. Nicht nur die kubanische Volksmusik, der „son“, wurde hier geboren, von hier gingen alle Freiheitsbewegungen in Kuba aus, und es kommt nicht von ungefaehr, dass auch Fidel Castro aus dem Osten Kubas stammt.

 

Hier liegt das Mausoleum fuer José Martí, dem bedeutendsten Dichter und Freiheitshelden Kubas. Weitere Denkmaeler ehren Carlos Céspedes, den „Vater des Vaterlandes“, den General Antonio Maceo und seine Gattin, den Industriellen Emilio Bacardí, die Familie des Freiheitskaempfers Frank País, die Gefallenen des Sturms auf die Moncada-Kaserne, die Gefallenen der kubanischen Revolutionsarmee.

Gleich hinter dem Mausoleum fuer die gefallenen Soldaten liegt in einer Reihe das Grab Nr. 12. Keine Inschrift, kein Grabschmuck, kein Name ziert die schlichte Betonplatte. Hier ruht Compay Segundo, einer der groessten Musiker Kubas, der 2003 verstorben ist. Er stammte aus Siboney, ganz in der Naehe von Santiago und brachte es vom einfachen Tabakfabrikarbeiter zum weltberuehmten Gitarrist und Saenger, der den Schwung und den Rhythmus des „son“ in die ganze Welt getragen hat. Noch im Alter von 90 Jahren gab er Konzerte und trat im Film „Buena Vista Social Club“ auf, jenem Film, wo die alten Musiker Kubas noch einmal ihr Instrumente hervorholen und es den Jungen zeigen. Von allen Musikern Kubas verehre ich Compay am meisten, er hat fuer mich alle guten Eigenschaften der Kubaner in sich vereinigt. Er lebte in der Calle Salud in Havanna, gleich ein paar Strassen weiter hinter der Wohnung Yaquis.

 

Es wird gemunkelt, dass auch Fidels Grab einst hier auf diesem Friedhof liegen koennte. Vieles spricht dafuer, doch die Kubaner beschaeftigen andere Probleme, als ueber letzte Ruhestaetten nachzudenken. Ich selbst glaube eher, dass es naeher am Machtzentrum liegen wird, denn dieser Mann wird sich Einfluss auch ueber seinen Tod hinaus wuenschen, und seine Nachfolger werden den entstehenden Kult fuer sich nuetzen wollen. Das marmorne Capitolio in Havanna, die grandiose Nachbildung des Originals seiner Widersacher, als gigantisches Mausoleum, eine letzte Ohrfeige fuer den amerikanischen Praesidenten? Wir werden sehen.

27.02.2006 um 00:18 Uhr

Reisebericht 14: Im Zug durch Kuba

Eine Zugfahrt durch Kuba

 

Nach meinem Rueckflug nach Kuba hatte ich erneut bei der Imigración vorzutraben, um die Beherbergungsbewilligung in Yaquis Wohnung einzuholen. Es wurde mir mitgeteilt, dass man sich zur Ueberpruefung nun eine Woche Zeit lasse, waehrend der es mir bei einer Bussandrohung von 1’500 USD untersagt waere, bei der Familie zu naechtigen. Der Grund fuer diese neue Schikane liegt vermutlich neben der Erschwerung von Kontakten einzig darin, den auslaendischen „Gast“ eine Woche laenger in ein staatliches Hotel zu zwingen, um dem Staat so mehr Einnahmen zu generieren. Da ich die Geldgier der Aemter hier langsam kenne, wollte ich kein Risiko eingehen, und ich beschloss, eine fuer spaeter geplante Reise in den Osten Kubas vorzuziehen, um damit die Wartezeit zu ueberbruecken.

Tatsaechlich tauchte in der Folge einen Tag vor der Erteilung der Bewilligung fruehmorgens in der Wohnung von Yaqui ein Immigrationsbeamter auf, um alle Raeume nach mir zu durchsuchen, der ich mich laengst in Santiago befand. Eines der aeltesten Rechte der Menschen, einen Gast im Hause aufnehmen und beherbergen zu duerfen, verkommt so zur reinen Geldmaschine fuer den Staat.

 

Um einer neuen Erfahrung willen beschloss ich, mit dem Zug nach Santiago zu reisen, eine Strecke von 860 km. Gestaltete sich schon die Beschaffung der Reisedaten als schwierig – es gibt keine publizierten Fahrplaene, man weiss nicht, welche Wagenklasse an welchem Tag verfuegbar ist, die Abfahrtszeiten koennen sich ohne Vorankuendigung aendern –, erwies sich das Erstehen einer Fahrkarte als reiner Spiessrutenlauf. Denn Reservation, Kartenverkauf, Rueckbestaetigung und allenfalls Rueckerstattung befinden sich an verschiedenen Schaltern, haeufig in verschiedenen Gebaeuden, ja sogar in verschiedenen Bahnhoefen oder an verschiedenen Orten in der Stadt und sind zu verschiedenen Zeiten geoeffnet. Abfahrts- und Ankunftsort der Zuege koennen in unterschiedlichen Bahnhoefen liegen. Da musst du zuerst mal durchsehen, und wehe, wenn du dich in der falschen Kolonne anstellst, das kann dich Stunden wenn nicht Tage kosten.

Das kubanische Eisenbahnnetz, eines der aeltesten in Lateinamerika, umfasst 12'600 km Schienen, wovon fast 60% von der Zuckerindustrie genutzt werden. 4'700 km stehen dem oeffentlichen Verkehr zur Verfuegung, aber Bahneinrichtungen und Rollmaterial sind gemessen an Schweizer Verhaeltnissen in einem unbeschreiblichen Zustand. Ein Personenzug umfasst meistens 10 Wagen à 70 Sitzplaetzen. Ich kaufte mir deshalb ein Billet erster Klasse fuer den Luxuszug „tren especial“ fuer 62 USD, was 24mal mehr ausmacht, als was Kubaner fuer das Gleiche bezahlen. Man hatte mich eindringlich vor Taschen- und Gepaeckdieben gewarnt, und es war klar, dass ich einen Wasservorrat mit mir fuehrte. Natuerlich nahm ich die Wartezeit vor dem Perroneingang gespannt in Angriff, zusammen mit Hunderten von Kubanern, die riesige Schachteln, Pakete und Buendel mit sich schleppten. 2 Stunden nach der vorgesehenen Abfahrtszeit schob sich dann langsam mit unheimlichem Quietschen und Knirschen eine gueterzugaehnliche Wagenkomposition aufs Abfahrtsgleis, und nach einer weiteren Stunde konnte man dann den eigenen reservierten Sitzplatz suchen gehen, denn die Wagen sind nur mit Kreide und haeufig mit verschiedenen Zahlen bekritzelt.

Ich fand meinen Platz dann in einem gewoehnlichen Zugsabteil inmitten einer rauchenden, gestikulierenden und diskutierenden Schar von Kubanern, eingeklemmt zwischen grossen Taschen und Paketen, und nun erfuhr ich endlich, dass der „tren especial“ infolge Lokschadens ausgefallen und durch einen „tren regular“ dritter Klasse ersetzt worden war. Als sich der Zug endlich nach 4 Stunden Verspaetung in Fahrt setzte, war es Nacht geworden. Im stockdunklen Zug bewegte sich ein unaufhoerlicher Strom von nach ihren Plaetzen suchenden Menschen mit Taschenlampen durch die Gaenge und ueber die Plattformen, und bald breitete sich ein unbeschreiblicher von der Toilette herruehrender Gestank aus, der die stickige Luft im Zug zusaetzlich verpestete. Das Holpern, Rasseln und Rattern schuf einen unglaublichen Laermpegel. Eingeklemmt zwischen Mensch und Gepaeck, den eigenen Rucksack auf den Knieen sichernd, bedauerte ich bald, nicht den Ueberlandbus genommen zu haben. Gottlob hatte ich mich schon vorher mit der Einnahme von Essen und Getraenken zurueckgehalten, so dass ich nur einmal genoetigt war, bewaffnet mit meiner Taschenlampe, den Rucksack am Ruecken, die Toilette aufzusuchen. Die Stunden wollten und wollten nicht vergehen, und als es dann zu tagen begann, konnte ich wenigstens einen Blick auf die Landschaft werfen. Nach 16 Stunden Fahrt war ich froh, ein bequemes Hotelzimmer am Hauptplatz von Santiago aufsuchen, duschen und meinen geraederten und durchgeruettelten Koerper etwas ausruhen lassen zu koennen.

Die Rueckerstattung der Haelfte des Fahrpreises bedeutete eine weitere Tortur, weil sich drei ganze Tage lang im grossen Bahnhof von Santiago, der weder ueber ein Restaurant noch einen Kiosk verfuegt, kein Schalter finden liess, der mir meine 32 USD auszahlen konnte. „Entschuldigen Sie, wir haben im Moment keine Devisen, versuchen Sie es doch morgen wieder!“

Die Rueckfahrt verlief aehnlich chaotisch, wenn ich auch einen etwas besser gepolsterten Sitz zugeteilt erhalten hatte. Drei Sitze in jenem Abteil waren so zerstoert, dass sich einige Fahrgaeste auf ihr Gepaeck setzten mussten. Die Gepaeckablagen waren herausgerissen. Obwohl man bei der Bahn gewusst haben musste, dass der „tren especial“ auch nach einer Woche nicht fahrbereit war, hatte man mir doch frischfroehlich wieder ein Billet erster Klasse verkauft. Ein Platz in unserem Abteil war dreimal verkauft worden, ein unbeschreibliches Chaos. Sozialismus heisst hier eben, dass das Wohl des Kunden wirklich niemanden interessiert.

Ich troestete mich mit dem Slogan „was dich nicht umbringt, macht dich staerker!“. Trotzdem bildete sich fuer diese 16 Stunden Rueckahrt unter den zwei Daeninnen, dem Kanadier, dem kubanischen Ehepaar und dem Schweizer eine Fahrgemeinschaft in der man sich in Kleinigkeiten aushalf und so die Reiseunbequemlichkeiten besser ertrug. Natuerlich fuehlte ich mich sehr an den herrlichen kubanischen Film „Lista de espera“, „Reisen auf kubanisch“ erinnert, der die Transportprobleme Kubas auf die Schippe nimmt.

Meine Neugier, irgendwann doch noch den 1.-Klass-Luxus des „tren especial“ in Kuba kennen zu lernen, haelt sich im Lichte dieser Erfahrungen in engsten Grenzen.

07.02.2006 um 23:39 Uhr

Reisebericht 13: Am Panama-Kanal

Am Panamakanal

 

Ja, liebe Freunde, ein weiterer meiner Jugendtraeume ist in Erfuellung gegangen. Am Schluss meiner diesjaehrigen Reise durch die Laender Mittelamerikas sah ich den Panama-Kanal, dieses technische Weltwunder der neuen Zeit, ja, ich konnte ihn sogar ein Stueck weit befahren.

 

Schon als kleiner Schueler faszinierten mich der Bau der Gotthardbahn und die Werke Konrad Eschers von der Lindt, spaeter die Kraftwerke Oberhasli mit den Grimsel-Stauseen, das Kanalsystem der Franzosen und dann die grossartigen Wasserbauwerke der Hollaender. All dies konnte ich mit meinen Eltern besuchen. Ich bewunderte die hohe Ingenieurskunst und begeisterte mich an den Vorteilen, die weitblickende und kuehne Maenner den Menschen gebracht hatten. Ich traeumte davon, einmal in meinem Leben den Panama-Kanal zu sehen.

 

Als ich dann auf der Terrasse des Besucherzentrums stehend auf die Schleusen von Miraflores hinunterblicken konnte, als ich sah, wie die majestaetisch daherkommenden Ozeanriesen von kleinen Elektrolokomotiven in die Schleusenkammern herein- und wieder hinausbugsiert und auf Position gehalten wurden, da ergriff mich ein “menschliches Ruehren”, und ich dachte auch an die vielen Tausend Opfer, die dieses Werk gekostet hatte.

 

Vieles aus der Geschichte des Kanals war mir schon bekannt, und ich hatte von den fruehesten Plaenen der Spanier, der Franzosen und Amerikaner gelesen, ja selbst die Vorschlaege Alexander von Humboldts aus dem beginnenden 19. Jh. zum Durchstich der mittelamerikanischen Landbruecke hatte ich studiert. Es war ja nicht zum Vorneherein gegeben gewesen, dass der Durchstich in Panama, ein Land, das es als Nation damals noch gar nicht gab, erfolgen sollte. Auch der Isthmus von Tehuantepec in Mexico oder die alte Invasionsroute der Spanier ueber die Seen Nicaraguas galten als pruefenswert. Erst die geniale Idee der franzoesischen Ingenieure, einen Stausee auf dem Isthmus von Panama zu errichten und diesen durch gigantische Schleusen mit den beiden Ozeanen zu verbinden, dann aber auch das strategische Interesse der USA, legten den endgueltigen Verlauf fest.

 

Im Besucherzentrum legen verschiedene Ausstellungen Zeugnis ab vom unbeschreiblichen Aufwand an Menschen, Material, Geld, Ingenieurwissen und Fortschrittsglauben, von den unermesslichen Erdbewegungen und dem anfaenglich aussichtslosen Kampf gegen Malaria und Gelbfieber, die dieses Bauwerk erfordert hat. Eine hochinteressante Broschuere, versehen mit vielen historischen Aufnahmen, zeichnet die ganze Geschichte des Kanals bis in die heutige Zeit , wo der Kanal in die Haende Panamas uebergegangen ist, nach. Besondere Beachtung verdienen die Ausfuehrungen ueber die hydrologischen und naturschuetzerischen Massnahmen im Einzugsgebiet des Kanals, denn ohne Wasser kann er nicht betrieben werden. Ein Schleusvorgang allein benoetigt 100’000 Kubikmeter  Suesswasser.

 

Mein scherzweise geaeussertes Vorhaben, den Kanal breitseits zu durchschwimmen (192m an der schmalsten Stelle!), gab ich auf, nachdem ich erfahren hatte, dass es Krokodile gibt, und dass bereits 1928 der Amerikaner Richard Halliburton den Kanal  in sechs Tagen laengs durchschwommen hatte. Er entrichtete uebrigens die tiefste je bezahlte Passagegebuehr, musste er doch fuer seine 150 Pfund Koerpergewicht nur 36 Cent in US-Waehrung hinlegen. Die hoechste je entrichtete Passagegebuehr bezahlte uebrigens 1997 das Kreuzfahrtschiff “Rhapsodie of the Sea” mit 153’662,66 USD. Es gibt natuerlich unzaehlige solcher Rekorde fuer alles Moegliche. Fuer die groessten Schiffe  bleibt auf den Seiten der Schleusen oft nur 60cm Platz, allerdings schaffte der amerikanische Panzerkreuzer « New Jersey » die Durchfahrt auch mit nur 31cm Abstand zu den Seitenwaenden. Die Durchfahrt durch den 80km langen Kanal dauert normalerweise 8-10 Stunden, aber das amerikanische Marine-Luftkissenboot “Pegasus” schaffte es 1979 in 2 Std. 41 Min. Die ganze Passage mit allen Formalitaeten, mit Wartezeiten und Zu- und Wegfahrt benoetigt insgesamt um die 24 Stunden. 2004 passierten 14'035 Schiffe den Kanal. Er ist an 365 Tagen 24 Stunden geoeffnet. Wuerde man das gesamte Aushubmaterial des Kanals auf Gueterwagen aneinanderreihen, wuerde dieser Gueterzug viermal die Erde am Aequator  umfassen.

 

Nachdem ich noch die Bruecke “de las Americas” traversiert hatte, die den Kanalbeginn auf der Pazifikseite markiert, besuchte ich noch das historische Zentrum der Stadt mit schoenen kolonalen Gebaeuden um die Plaza Maior. Viele Quartiere gelten hier nachts als gefaehrlich, und so kam es mir sehr gelegen, die Broschuere ueber den Kanal in einem Zug bis nachts um zwei durchzulesen, ein aehnliches Erlebnis wie das eines kleinen Jungen, wenn er nachts unter der Bettdecke Karl May (damals, heute Harry Potter!) liest und vor Spannung nicht mehr aufhoeren mag. Das Kanalmuseum nahe bei der Kathedrale zeigt in einer reichen Vielfalt saemtliche Aspekte des Kanals, von der Bedeutung dieser Landenge schon in Urzeiten, ueber den camino Real der Spanier bis zum heutigen Betrieb. Der grandiose Schlusspunkt der Ausstellungen zeichnet die ueberschaeumende  Freude, den Patriotismus und den Stolz nach, als die Kanalzone am 1. Januar 2000 endlich in die Haende des panamesischen Volkes ueberging.

 

Zum Abschluss meiner Mittelamerika-Reise leistete ich mir noch einen Bootsausflug auf dem Kanal und den ihn umgebenden Gewaessern, der mir die Schoenheit und Vielfalt der Dschungel- und Inselwelt beidseits der Kanalroute naeherbrachte. Ich konnte Schildkroeten, Adler, Pelikane, Seeschlangen, Fische, Krokodile, und Affen beobachten und erfuhr von meinem Bootsfuehrer viele naturkundliche Details. Bald stellte sich heraus, dass er aus Kuba stammt. Wir plauderten natuerlich angeregt, und er freute sich sehr, dass ich auch seine Geburtsstadt Cienfuegos kenne. Er trug mir Gruesse an Verwandte und Freunde auf.

 

So hat sich auf wunderbare Weise der Kreis geschlossen: Ausgehend von Kuba habe ich die Laender Mittelamerikas bereist, und morgen gehe ich nach Kuba zurueck. Ich denke, dass ich in Kuba Zeit finde, noch einiges anzufuegen, was mir aus der Erinnerung an diese Reise erwaehnenswert erscheint.

02.02.2006 um 20:49 Uhr

Reisebericht 12: ...Sie nannten ihn "wild rider"...

Unterwegs in Costa Rica mit einer Enduro Honda 250ccm XR Tornado

 

Die Idee spukte schon lange in meinem Kopf herum: Angetan von jenem Film, der die Geschichte einer Motorrad-Reise des jungen Che Guevara mit seinem Freund Alberto Granado durch Lateinamerika erzaehlt, getrieben von Abenteuerlust und der Sehnsucht, einmal einen Teil der Panamericana, eine der Traumstrassen der Welt zu befahren, beschloss ich. Costa Rica per Motorrad zu entdecken. Allerdings plagten mich starke Zweifel, ob ich es schaffen muerde, angesichts meiner Rueckenprobleme, angesichts einiger unliebsamer Erfahrungen in der Schweiz und angesichts der katastrophalen Strassenverhaeltnisse in Costa Rica. Natuerlich wusste ich, dass ein solches Vorhaben bei meinen Freunden nur Kopfschuetteln ausloesen wuerde.

 

In San Jose fand ich ein Motorrad-Verleihgeschaeft zweier Deutscher, die mich umfassend berieten und mir bei der Wahl der Route behilflich waren. Ueberdies erklaerte sich Thorsten bereit, mich auf der ersten Tagesetappe zu begleiten, mich einzuweisen und anschliessend zu beurteilen, ob ich dem Ganzen gewachsen waere. Als er mich dann am Abend des ersten Tages nach meinem Alter fragte und mir daraufhin anerkennend auf die Schulter klopfte, da wusste ich, dass ich es schaffen wuerde. Meine Gelaendemaschine, eine Honda Enduro 250ccm, war fuer die vorliegenden Strassenverhaeltnisse wie geschaffen, und man hatte sie extra auf meine Koerpergroesse eingestellt.

 

Ich hatte schon ein mulmiges Gefuehl im Magen, als wir am Sonntagmorgen starteten, aber bald hatte ich mich an die leicht zu handhabende Maschine gewoehnt, und Thorsten, der seinen kleinen Jungen dabai hatte, fuhr mir eine saubere und sichere Linie vor. Bald gings hoch in die Berge mit traumhaften Ausblicken auf das Valle Central. Doch das Motorradfahren erfordert dauernde Konzentration auf Strasse und Verkehr. Das Wichtigste ist nicht etwa der Gashebel, sondern das Auge. Weit vorausblickend muss man sich dauernd auf moegliche Gefahren und neue Situationen einstellen, der Blick in den Rueckspiegel ist lebenswichtig, der Blick zurueck ueber die Schulter beim Spurwechsel ein absolutes Muss. Beim staendigen Umfahren der Schlagloecher ist man natuerlich viel schneller als jedes Auto, aber die Stollenpneus und die exzellente Federung erlauben auch hie und da ein direktes Durchfahren der Loecher. Dabei darf man sich nicht allein auf das erste auftauchende Schlagloch konzentrieren, der Blick eilt voraus um die ideale Linie zu finden, aehnlich dem Slalomfahren im Schnee. Faehrt man unversehens in ein Loch, erwischt man meistens noch drei, vier weitere, bis man sich gefasst hat. Heimtueckisch sind die Schlagschatten der Baeume, weil man dort die Loecher fast nicht erkennen kann. Waehrend man in der Schweiz eine Kurve bedenkenlos durchfahren kann, wenn die Geschwindigkeit stimmt, kann hier hinter jeder Biegung ein grosses Schlagloch lauern, also runter mit der Geschwindigkeit und Blick so weit wie moeglich voraus! Mein Ruecken hielt sich hervorragend, ja ich hatte das Gefuehl, dass mir die Schuettelei richtig gut tat. Ich hatte ja schon bei langen Busfahrten keine negativen Folgen fuer meinen Ruecken feststellen koennen. Da ja die Medizin keine Wissenschaft sondern eine Kunst ist, wird mein Hausarzt Rolf sicher auch dafuer eine Erklaerung haben.

 

Nun aber gings richtig zur Sache. Eine Haengebruecke war zu ueberqueren, bei der einige Bohlen fehlten, natuerlich nicht hintereinander! Heil und erleichtert drueben angekommen, aeusserte ich den Wunsch, Thorsten moege eine Foto von mir vor dem Hintergrund der Bruecke schiessen. Aber er war damit nicht zufrieden: “Du musst die Bruecke befahren fuer ein gutes Foto!” Ich bin die Bruecke also noch zweimal gefahren, nur damit sich meine Freunde Fotos von dieser Zitterpartie anschauen koennen! Am Nachmittag erreichten wir eine wunderschoene Lodge in den Bergen bei Miramar mit traumhaftem Blick auf den Golf von Nicoya am Pazifik. Nach einem guten Essen verabschiedete sich Thorsten mit seinem Sohn, nicht ohne mich vorher mit guten Ratschlaegen und Tips versehen zu haben.

 

Zeitig am andern Morgen machte ich mich auf den Weg, um nun, auf mich selbst gestellt, den Badeort Samara anzusteuern. Ich hatte meine Motorradreise so angelegt, dass ich taeglich vier Stunden Fahrzeit, unterbrochen durch eine einstuendige Pause, zu bewaeltigen hatte. Von Thorsten hatte ich eine gute Strassenkarte erhalten, und die Abzweigungen sind in Costa Rica sehr gut ausgeschildert, so dass keine Orientierungsprobleme auftraten. Es war schon ein Supergefuehl, die Panamericana zu befahren, jene Strasse, die von Alaska bis Feuerland den amerikanischen Doppelkontinent durchzieht. Natuerlich tauchten Erinnerungen auf an die legendaere Route 66, die ich schon frueher befahren hatte. Thorsten hatte mir eine Lodge in der Naehe von Samara empfohlen, und so nahm ich die 7km  lange Schotterpiste quer durch den Urwald unter die Raeder. Nicht schlecht staunte ich, als der Weg unversehens in ein etwa 30m breites Flussbett hineinfuehrte. Ich war ganz allein, das klare Wasser gut knietief, der Flussgrund bestand aus feinkoernigem Kies. Schillers Wilhelm Tell leicht abgeaendert zitierend: “.. durch diesen Flusslauf musst du fahren, es fuehrt kein anderer Weg zur Lodge…!”, fasste ich mir ein Herz und brauste, nachdem ich beim ersten Versuch gleich beim Start den Motor abgewuergt hatte, einfach durch. Ein unbeschreibliches Gluecksgefuehl stellte sich ein, und erst jetzt bemerkte ich, dass ich bis zum Bauch voellig nass geworden war. Mit dem Gedanken: “heute hast du genueg getan!” erreichte ich die Lodge, musste aber zur Kenntnis nehmen, dass kein Zimmer frei war. Ziemlich beklommen trat ich den Rueckweg an, befuhr die Furt ein zweites Mal und fand in Playa Samara ein niedliches Hotel, wo ich mich ausruhen, duschen und meine Tageswaesche verrichten konnte.

 

Mit einem guten Nachtessen belohnte ich mich anschliessend, und als ich nach ein paar Bierchen in einer Bar mit ein paar Einheimischen ins Gespraech gekommen war und von meinen Toeff-Abenteuern erzaehlte, vergass ich natuerlich auch nicht meine Mietfirma www.wild-rider.com zu erwaehnen. Von da an nannten mich die Leute mit einem verschmitzten Blick auf meine grauen Haare “wild rider”! Immer wieder musste ich erzaehlen, wie es mir die Beine bei der Flussdurchfahrt nach hinten gerissen hatte, und mit jeder Wiederholung reichte mir das Wasser natuerlich immer etwas hoeher, am Schluss bis zum Hals! Und als ich dann erzaehlte, wie ich die fehlenden Bretter der Haengebruecke, die sie natuerlich alle kannten, ueberfahren hatte und dann auch noch das schwankende Boot im Grenzfluss zu Guatemala mit den schnappenden Kaiman-Maeulern erwaehnte, von da an hatte “wild rider” Freibier! Es war ein total lustiger Abend, und als ich anderntags meinen Morganspaziergang machte, um mir meinen Kopf etwas auszulueften, da wurde ich von Leuten, die ich nie zuvor gesehen hatte, mit einem freundlichen “hello, wild rider, buenos, wild rider, hola, wild rider!” gegruesst!

 

Kurz vor Mittag fuhr ich los, um ueber Naturstrassen den Ort Playa Naranjo zu erreichen, wo ich mir ein Zimmer nahm und mir die noetigen Informationen fuer die Ueberfahrt mit der Faehre am naechsten Tag nach Puntarenas besorgte. Die 75 Min. dauernde Ueberfahrt in der Mittagshitze des Mittwochs und die anschliessende Rueckfahrt nach San Jose ueber die Panamericana erforderte groesste Aufmerksamkeit. Wohl oder uebel musste ich nun um bergwaerts voranzukommen Dutzende und Aberdutzende von riesigen Lastwagen, die im Schritttempo die Steigungen hinankrochen, ueberholen, um mich dann wieder in eine Luecke hineinzuzwaengen. Auf der Flughafenautobahn ging es dann flott voran, und so erreichte ich kurz nach 16 Uhr durch den staedtischen Grossverkehr heil und ganz meine Mietfirma. Insgesamt hatte ich 550 km auf meinem Motorrad zurueckgelegt und viele Abenteuer erlebt, fuer mich das wohl groesste Erlebnis dieser Mittelamerikareise.