Weblog von Ueli

27.02.2006 um 00:21 Uhr

Reisebericht 15: "Sic transit gloria mundi..."

„Sic transit gloria mundi!“ –  Auf dem Friedhof Santa Ifigenia in Santiago

 

Der Friedhof Santa Ifigenia in Santiago de Cuba ist eigentlich, wie in vielen lateinischen Laendern, eine kleine Stadt bestehend aus Grabgebaeuden, Mausoleen, Denkmaelern, Engeln, Kreuzen und einfachen Graebern. Der beruehmteste und groesste, der Cementerio Cristobal Colón, befindet sich zwar in Havanna, aber hier in Santiago, der „Stadt der Helden“ sind die wichtigsten Gestalten der kubanischen Geschichte begraben.

 

Santiago, der „oriente“, der Osten Kubas, wird seit jeher als das Herz Kubas bezeichnet, er ist die mythische Heimat der Kubaner, auch wenn heute Havanna das wirtschaftliche Zentrum darstellt. Nicht nur die kubanische Volksmusik, der „son“, wurde hier geboren, von hier gingen alle Freiheitsbewegungen in Kuba aus, und es kommt nicht von ungefaehr, dass auch Fidel Castro aus dem Osten Kubas stammt.

 

Hier liegt das Mausoleum fuer José Martí, dem bedeutendsten Dichter und Freiheitshelden Kubas. Weitere Denkmaeler ehren Carlos Céspedes, den „Vater des Vaterlandes“, den General Antonio Maceo und seine Gattin, den Industriellen Emilio Bacardí, die Familie des Freiheitskaempfers Frank País, die Gefallenen des Sturms auf die Moncada-Kaserne, die Gefallenen der kubanischen Revolutionsarmee.

Gleich hinter dem Mausoleum fuer die gefallenen Soldaten liegt in einer Reihe das Grab Nr. 12. Keine Inschrift, kein Grabschmuck, kein Name ziert die schlichte Betonplatte. Hier ruht Compay Segundo, einer der groessten Musiker Kubas, der 2003 verstorben ist. Er stammte aus Siboney, ganz in der Naehe von Santiago und brachte es vom einfachen Tabakfabrikarbeiter zum weltberuehmten Gitarrist und Saenger, der den Schwung und den Rhythmus des „son“ in die ganze Welt getragen hat. Noch im Alter von 90 Jahren gab er Konzerte und trat im Film „Buena Vista Social Club“ auf, jenem Film, wo die alten Musiker Kubas noch einmal ihr Instrumente hervorholen und es den Jungen zeigen. Von allen Musikern Kubas verehre ich Compay am meisten, er hat fuer mich alle guten Eigenschaften der Kubaner in sich vereinigt. Er lebte in der Calle Salud in Havanna, gleich ein paar Strassen weiter hinter der Wohnung Yaquis.

 

Es wird gemunkelt, dass auch Fidels Grab einst hier auf diesem Friedhof liegen koennte. Vieles spricht dafuer, doch die Kubaner beschaeftigen andere Probleme, als ueber letzte Ruhestaetten nachzudenken. Ich selbst glaube eher, dass es naeher am Machtzentrum liegen wird, denn dieser Mann wird sich Einfluss auch ueber seinen Tod hinaus wuenschen, und seine Nachfolger werden den entstehenden Kult fuer sich nuetzen wollen. Das marmorne Capitolio in Havanna, die grandiose Nachbildung des Originals seiner Widersacher, als gigantisches Mausoleum, eine letzte Ohrfeige fuer den amerikanischen Praesidenten? Wir werden sehen.

27.02.2006 um 00:18 Uhr

Reisebericht 14: Im Zug durch Kuba

Eine Zugfahrt durch Kuba

 

Nach meinem Rueckflug nach Kuba hatte ich erneut bei der Imigración vorzutraben, um die Beherbergungsbewilligung in Yaquis Wohnung einzuholen. Es wurde mir mitgeteilt, dass man sich zur Ueberpruefung nun eine Woche Zeit lasse, waehrend der es mir bei einer Bussandrohung von 1’500 USD untersagt waere, bei der Familie zu naechtigen. Der Grund fuer diese neue Schikane liegt vermutlich neben der Erschwerung von Kontakten einzig darin, den auslaendischen „Gast“ eine Woche laenger in ein staatliches Hotel zu zwingen, um dem Staat so mehr Einnahmen zu generieren. Da ich die Geldgier der Aemter hier langsam kenne, wollte ich kein Risiko eingehen, und ich beschloss, eine fuer spaeter geplante Reise in den Osten Kubas vorzuziehen, um damit die Wartezeit zu ueberbruecken.

Tatsaechlich tauchte in der Folge einen Tag vor der Erteilung der Bewilligung fruehmorgens in der Wohnung von Yaqui ein Immigrationsbeamter auf, um alle Raeume nach mir zu durchsuchen, der ich mich laengst in Santiago befand. Eines der aeltesten Rechte der Menschen, einen Gast im Hause aufnehmen und beherbergen zu duerfen, verkommt so zur reinen Geldmaschine fuer den Staat.

 

Um einer neuen Erfahrung willen beschloss ich, mit dem Zug nach Santiago zu reisen, eine Strecke von 860 km. Gestaltete sich schon die Beschaffung der Reisedaten als schwierig – es gibt keine publizierten Fahrplaene, man weiss nicht, welche Wagenklasse an welchem Tag verfuegbar ist, die Abfahrtszeiten koennen sich ohne Vorankuendigung aendern –, erwies sich das Erstehen einer Fahrkarte als reiner Spiessrutenlauf. Denn Reservation, Kartenverkauf, Rueckbestaetigung und allenfalls Rueckerstattung befinden sich an verschiedenen Schaltern, haeufig in verschiedenen Gebaeuden, ja sogar in verschiedenen Bahnhoefen oder an verschiedenen Orten in der Stadt und sind zu verschiedenen Zeiten geoeffnet. Abfahrts- und Ankunftsort der Zuege koennen in unterschiedlichen Bahnhoefen liegen. Da musst du zuerst mal durchsehen, und wehe, wenn du dich in der falschen Kolonne anstellst, das kann dich Stunden wenn nicht Tage kosten.

Das kubanische Eisenbahnnetz, eines der aeltesten in Lateinamerika, umfasst 12'600 km Schienen, wovon fast 60% von der Zuckerindustrie genutzt werden. 4'700 km stehen dem oeffentlichen Verkehr zur Verfuegung, aber Bahneinrichtungen und Rollmaterial sind gemessen an Schweizer Verhaeltnissen in einem unbeschreiblichen Zustand. Ein Personenzug umfasst meistens 10 Wagen à 70 Sitzplaetzen. Ich kaufte mir deshalb ein Billet erster Klasse fuer den Luxuszug „tren especial“ fuer 62 USD, was 24mal mehr ausmacht, als was Kubaner fuer das Gleiche bezahlen. Man hatte mich eindringlich vor Taschen- und Gepaeckdieben gewarnt, und es war klar, dass ich einen Wasservorrat mit mir fuehrte. Natuerlich nahm ich die Wartezeit vor dem Perroneingang gespannt in Angriff, zusammen mit Hunderten von Kubanern, die riesige Schachteln, Pakete und Buendel mit sich schleppten. 2 Stunden nach der vorgesehenen Abfahrtszeit schob sich dann langsam mit unheimlichem Quietschen und Knirschen eine gueterzugaehnliche Wagenkomposition aufs Abfahrtsgleis, und nach einer weiteren Stunde konnte man dann den eigenen reservierten Sitzplatz suchen gehen, denn die Wagen sind nur mit Kreide und haeufig mit verschiedenen Zahlen bekritzelt.

Ich fand meinen Platz dann in einem gewoehnlichen Zugsabteil inmitten einer rauchenden, gestikulierenden und diskutierenden Schar von Kubanern, eingeklemmt zwischen grossen Taschen und Paketen, und nun erfuhr ich endlich, dass der „tren especial“ infolge Lokschadens ausgefallen und durch einen „tren regular“ dritter Klasse ersetzt worden war. Als sich der Zug endlich nach 4 Stunden Verspaetung in Fahrt setzte, war es Nacht geworden. Im stockdunklen Zug bewegte sich ein unaufhoerlicher Strom von nach ihren Plaetzen suchenden Menschen mit Taschenlampen durch die Gaenge und ueber die Plattformen, und bald breitete sich ein unbeschreiblicher von der Toilette herruehrender Gestank aus, der die stickige Luft im Zug zusaetzlich verpestete. Das Holpern, Rasseln und Rattern schuf einen unglaublichen Laermpegel. Eingeklemmt zwischen Mensch und Gepaeck, den eigenen Rucksack auf den Knieen sichernd, bedauerte ich bald, nicht den Ueberlandbus genommen zu haben. Gottlob hatte ich mich schon vorher mit der Einnahme von Essen und Getraenken zurueckgehalten, so dass ich nur einmal genoetigt war, bewaffnet mit meiner Taschenlampe, den Rucksack am Ruecken, die Toilette aufzusuchen. Die Stunden wollten und wollten nicht vergehen, und als es dann zu tagen begann, konnte ich wenigstens einen Blick auf die Landschaft werfen. Nach 16 Stunden Fahrt war ich froh, ein bequemes Hotelzimmer am Hauptplatz von Santiago aufsuchen, duschen und meinen geraederten und durchgeruettelten Koerper etwas ausruhen lassen zu koennen.

Die Rueckerstattung der Haelfte des Fahrpreises bedeutete eine weitere Tortur, weil sich drei ganze Tage lang im grossen Bahnhof von Santiago, der weder ueber ein Restaurant noch einen Kiosk verfuegt, kein Schalter finden liess, der mir meine 32 USD auszahlen konnte. „Entschuldigen Sie, wir haben im Moment keine Devisen, versuchen Sie es doch morgen wieder!“

Die Rueckfahrt verlief aehnlich chaotisch, wenn ich auch einen etwas besser gepolsterten Sitz zugeteilt erhalten hatte. Drei Sitze in jenem Abteil waren so zerstoert, dass sich einige Fahrgaeste auf ihr Gepaeck setzten mussten. Die Gepaeckablagen waren herausgerissen. Obwohl man bei der Bahn gewusst haben musste, dass der „tren especial“ auch nach einer Woche nicht fahrbereit war, hatte man mir doch frischfroehlich wieder ein Billet erster Klasse verkauft. Ein Platz in unserem Abteil war dreimal verkauft worden, ein unbeschreibliches Chaos. Sozialismus heisst hier eben, dass das Wohl des Kunden wirklich niemanden interessiert.

Ich troestete mich mit dem Slogan „was dich nicht umbringt, macht dich staerker!“. Trotzdem bildete sich fuer diese 16 Stunden Rueckahrt unter den zwei Daeninnen, dem Kanadier, dem kubanischen Ehepaar und dem Schweizer eine Fahrgemeinschaft in der man sich in Kleinigkeiten aushalf und so die Reiseunbequemlichkeiten besser ertrug. Natuerlich fuehlte ich mich sehr an den herrlichen kubanischen Film „Lista de espera“, „Reisen auf kubanisch“ erinnert, der die Transportprobleme Kubas auf die Schippe nimmt.

Meine Neugier, irgendwann doch noch den 1.-Klass-Luxus des „tren especial“ in Kuba kennen zu lernen, haelt sich im Lichte dieser Erfahrungen in engsten Grenzen.