Weblog von Ueli

23.12.2006 um 21:52 Uhr

Elguea - wie ein Hauch aus fernen Kindertagen -

Reisebericht vom 22.12.06 -Elguea – wie ein Hauch aus fernen Kindertagen. – Nach unserer Hochzeit begannen wir uns unverzueglich um die Ausreise von Jaqueline und Richard aus Kuba und die Einreisevisa fuer sie in die Schweiz zu kuemmern. Es eruebrigt sich, hier nochmals gross auf die unsinnigen, demuetigenden Formalitaeten einzutreten, wie sie vor allem von Schweizer Seite gefordert werden, ich habe mich darueber ausfuehrlich geaeussert. Doch muss hier erneut grosses Befremden ueber die „Kundenfreundlichkeit“ des schweizerischen Botschaftspersonals in Havanna kundgetan werden. Waren noch vor ein paar Jahren die Kontakte zur Schweizer Botschaft durch Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Grosszuegigkeit gekennzeichnet, was auch von kubanischen Staatsbuergern immer wieder hervorgehoben wurde, zeichnen sich die jetzigen Schalterbeamten durch Kaltschnaeuzikeit, Sarkasmus, Arroganz und kleinkarierte Borniertheit aus. Wenn ein solcher Beamter allen Ernstes behauptet, „in Kuba gaebe es keine Notare, alles sei staatlich“, dann hat dieser Beamte nicht nur einen Teil der diplomatischen Ausbildung verschlafen, sondern auch waehrend des staatsbuergerlichen Unterrichts in der Schule aus dem Fenster geguckt und vor allem die zwei Jahre, die er bereits nach eigenem Bekunden in Kuba verbracht hat, nicht zur Weiterbildung und zur Beschaeftigung mit dem Land, das ihm Gastrecht gewaehrt, genutzt. Dass ein solcher Kerl dem Steuerzahler noch auf der Tasche liegt, ist eine Unverschaemtheit sondergleichen, und es ist zu hoffen, dass mit einem andern Departementsvorsteher auch ein Wechsel in der Botschaftsleitung eintritt. – Seit den Sommerferien plagt Richard ein laestiger  Hautaffekt, der wohl pubertaer bedingt, und gottlob nicht ansteckend ist. Wir beschlossen deshalb, unseren Hochzeitsurlaub mit einem Kuraufenthalt in den Baños de Elguea zu verbinden, um der strapazierten Haut von Richard Erleichterung zu verschaffen. Die Baeder von Elguea werden von Leuten aus ganz Lateinamerika aufgesucht, die an Haut-, Stress- und rheumatischen Erkrankungen leiden. Im aeussersten nordwestlichen Zipfel der Provinz Villa Clara an der Bahía de Santa Clara gelegen, weisen die Schwefelquellen eine durchschnittliche Temperatur von 45° C. auf. Die Legende weiss zu berichten, dass auf dem Gelaende der Elguea-Familie ein Sklave, der unter einer Hautallergie litt, freigelassen worden war, weil man eine Ansteckungsgefahr befuerchtete. Spaeter fand man diesen Sklaven geheilt vor, nachdem er mehrmals in den nahen Quellen gebadet hatte. Daraus entstand dann nach und nach eine Kureinrichtung. Das viele Hektaren umfassende, topfebene Areal ist weit abgelegen, kein Internet- und Mobilfunkverkehr erreicht die Station. Hieher verirrt sich nur selten ein Tourist, obwohl das Hotel mit seiner Mischung aus weitlaeufiger Hacienda- und DDR-Architektur durchaus westlichen Kurhaus-Anspruechen zu genuegen vermag. Die Raeume sind recht geschmackvoll mit Rattan-Moebeln ausgestattet, das Personal ist freundlich und entgegenkommend. Warmwasser, Strom, Dusche, WC funktionieren in ungewohnt guter Weise. Die Speisen des Restaurants im von den Kubanern heiss geliebten Buffet-System sind einfach, ohne ueberbordende Auswahl, aber schmackhaft zubereitet, so etwa im Stile einer Kantine oder eines Migros-Restaurants. Man kann waehlen zwischen einfachen Fleischsorten, etwa panierten Schnitzeln, Gehacktem oder Kalbsvoressen, dazu Fisch, zwei Reissorten, einem Gemueseeintopf als Hauptgang. Dazu kann man sich Suppe und immer frische Salate schoepfen. An reichhaltigem Fruechteangebot stehen Ananas, Grapefruits, Orangen, Mandarinen, Guave, Papayas und andere zur Verfuegung, aber keine Bananen. Als Dessert locken Vanille-Flan und suesser Reis-Kuchen. Zwei Fruchtsaefte und Kaffee, Toastbrot sind inbegriffen, waehrend Mineralwasser und Bier separat zu bezahlen sind. Das alles kostet den Touristen pro Person und Mahlzeit 12 CUC, etwa 12 USD, Kinder bezahlen die Haelfte. Das Doppelzimmer kostete mich pro Person und Nacht mit Fruehstueck 30 sFr. Zum Fruehstueck gibt es auch Wurst, Eier, Butter, Kaese und Kartoffelkroketten, aber keine Konfituere. Die Kuraktivitaeten wie Fango, Thermalbad, Massage sind separat zu bezahlen. Kubaner koennen nur hieher kommen, wenn sie von einem Arzt zugewiesen wurden, sie muessen aber pro Person und Tag ca. sFr. 20.—zahlen, wobei dann alles, auch die Kuren, inbegriffen sind. Da der durchschnittliche Monatslohn etwa 15 USD betraegt und eine Kur 9 Tage dauert, wird sofort klar, dass sich das nur bessergestellte Leute, die Unterstuetzung aus dem Ausland erhalten, leisten koennen. Einfache Arbeiter sind hier nicht anzutreffen.Es gibt hier viele Familien und Paare, auch Gruppen von vermutlich Betriebsangehoerigen. Viele aeltere Frauen leiden offenbar an rheumatischen Krankheiten, und die vielen jungen Maenner sind von der Armee zum Teil mit Familie hieher geschickt worden. Die kubanischen Arzte verschreiben haeufig einen Kuraufenthalt mit der Familie oder Familienmitgliedern. So wird die Betreuung ohne teures Personal sichergestellt. Kinder werden mitgenommen, um sie nicht fremd betreuen lassen zu muessen. Insgesamt herrscht eine familiaere Atmosphaere. Kubaner sind sehr kommunikative Leute. Man sieht niemanden Zeitung oder ein Buch lesen. Es wird nur immerfort geplaudert. Ich glaube, der groesste Heilungseffekt der Kuren besteht im gegenseitigen Informationsaustausch, dem Vermitteln von Adressen, in langatmigen Selbstdiagnosen und in Beschreibungen von wundersamen Heilungen bis Praktiken der schwarzen Magie. Nach einem Tag kannte Jaqueline die meisten Krankengeschichten der Patienten, und man hat ihr zum Problem der Hauterkrankung von Richard haufenweise gute Ratschlaege, Tips und Adressen von Wunderaerzten in Havanna vermittelt, so dass dann die Verordnung von zweimal taeglichen Fangobaedern mit 10-minuetigem Aufenthalt im aeusserst mineralhaltigen Thermalwasser durch die Badeaerztin nur noch begleitenden Charakter aufwies. Ich denke, wenn alle diese gegenseitigen Hilfestellungen, die gutgemeinten Ratschlaege und die Vorlesungen von selbsternannten Heilexpertinnen von Erfolg gekroent waeren, muesste es in Kuba schon lange keine kranken Menschen mehr geben! Eine Tube rezeptpflichtige Hautsalbe kostet uebrigens in der Apotheke umgerechnet 5 Rappen. - Diese Kurbad-Atmosphaere habe ich als kleiner Knabe noch waehrend des Weltkriegs selbst nebelhaft erlebt, sie gehoert zu meinen fruehesten Kindheitserlebnissen. Mein Grossvater muetterlicherseits hatte sich als Mechaniker zum stolzen Besitzer einer Schlossfabrik emporgearbeitet, und meine Grossmutter hatte jahrelang als Glaetterin in vornehmen Kurhotels der Innerschweiz gearbeitet. So gehoerte es fuer sie zum guten Ton, jeweils im Sommer einige Wochen Kuraufenthalt in Greppen, Meggen, Weggis, Vitznau oder auf Rigi-Kaltbad  zu verbringen. Mit meiner Mutter zusammen habe ich dann meine Grosseltern jeweils einige Tage besuchen duerfen, waehrend mein Vater Dienst leistete. Ich kann mich noch gut erinnern, wie meine Grosseltern, Grossvater mit steifem Hut und Spazierstock, im Kurgarten spaziert sind und alle Leute gegruesst haben. Man ist dann etwa stehen geblieben und hat ellenlang ueber Krankheiten gesprochen, waehrend ich im Park auf Entdeckungsreisen ging. Da sind seither nun doch schon ueber 60 Jahre vergangen. –  Die Badeeinrichtungen der Baños de Elguea entsprechen nicht unseren luxurioesen, oft zu luxurioesen Einrichtungen in der Schweiz, waehrend sich die Kubaner durchaus daran erfreuen koennen. Nicht jederman erhaelt die Moeglichkeit, hier einige Tage verbringen zu koennen. Hier ist alles noch so, wie ich es in nebelhafter Erinnerung aus den Vierzigerjahren habe. Blaue Farbe, abblaetternde Bemalungen, glitschige Fliesen, rostende Roehren, weiss gekleidete Bademeisterinnen, alles etwas heruntergekommen und voellig ueberrissene Preise fuer Touristen. Der Unterhalt der Badegebaeude laesst im Gegensatz zu den Einrichtungen des Hotels zu wuenschen uebrig, aber das ist fuer einen sozialistischen Staat wie es Kuba ist wohl die Regel. Leider wird auch das grosse Schwimmbassin des Hotels mit so lauter Musik wie ueberall ueblich in Kuba beschallt, so dass es einem saemtliche Daerme zusammenzieht, wenn man sich naehert. Ein laengerer Aufenthalt am Bassinrand ist fuer einen aelteren Europaer deshalb kaum zumutbar. Die Kubaner muessen anatomische Veraenderungen an ihrem Gehoersystem aufweisen, um das aushalten zu koennen. Gottlob sind die Zimmer sehr ruhig gelegen, und auch die Klimaanlage funktioniert tadellos. Die ganze, palmenbestandene Anlage sieht huebsch aus, die Rasenflaechen sind immer sehr gepflegt Doch ist die Mueckenplage ueberaus laestig. Im Hotelladen gibt’s natuerlich keine Mueckenmittel, und die vom Nachbardorf Coralillo taugen nichts. Wir behelfen uns mit Essig und bedauern, unser bewaehrtes Antibrumm forte aus der Schweiz nicht mitgenommen zu haben. – Wie meistens in Kuba sind die Freizeiteinrichtungen verlottert oder gar nicht mehr zu gebrauchen, so etwa gleicht der ehemals schoene Tennisplatz eher einem Panzer-Uebungsgelaende, und auf der Strand-Volleyballanlage rosten die Pfosten still vor sich hin, waehrend die Spielflaeche mit duerrem Gras ueberwachsen ist. Der Sozialismus wird, wie er hier verstanden wird, an der mangelhaften Pflege und dem fehlenden Unterhalt der Anlagen und Einrichtungen zugrunde gehen. Kein Schwein interessiert sich dafuer, einmal „hingekloepfte, von Bruderparteien gespendete Anlagen im Schuss und damit attraktiv zu halten. Die Angestellten behalten ihren Job, auch wenn die Anlagen zerfallen und keine Patienten zu betreuen sind. So rinnen die Daecher, blaettern die Farben, rosten die Leitungen, und die kubanischen Patienten, die ein guetiges Los, reiche Verwandte oder Beziehungen hiehergespuelt hat, sind in ihrer Anspruchslosigkeit dankbar, einige Tage hier verbringen zu duerfen. Interesse und Geld fuer den dauernden Unterhalt scheint nicht vorhanden zu sein. Insgesamt aber haben mich hier die Fortschritte in der Hotellerie, die hier rein kubanisch ist, doch einigermassen beeindruckt. Die Leute reden miteinander und sind freundlich zueinander, auch zwischen Angestellten und Gaesten herrscht ein kameradschaftliches Klima. Man hilft sich gegenseitig, gibt Ausflugstips und Bezugsquellen fuer „Wundermittel“ bekannt. Wenn ich an unsere 5-Sternhotellerie mit ihrem ganzen Ueberfluss, den perversen Buffets, dem Modeirrsinn und dem Kreuzfahrtgigantismus denke, dann fuehlt man sich hier in dieser Umgebung einfach sauwohl, ohne damit etwa gehobeneren Anspruechen und etwas Luxus fuer Leute, die es sich leisten koennen, die Berechtigung absprechen zu wollen. –Das flache Land und das Leben hier ist gepraegt von Beschaulichkeit und Einfachheit. Auf den weiten Fluren wird Viehzucht getrieben und Zuckerrohr angebaut. Haupttransportmittel sind Pferdewaegelchen, Fahrraeder und Reitpferde. Daneben sieht man viele Traktoren und Lastwagen der Genossenschaften. Karren werden von Ochsen gezogen, und viele Leute sind in den kleinen Staedten und Doerfern zu Fuss unterwegs. Viele Personen werden stehend auf Lastwagenbruecken transportiert. Der oeffentliche Autobusbetrieb kennt keinen Fahrplan. Autostopp ist normal. Die kleine Kreisstadt Coralillo hat alles, was es so braucht, zwei Laeden, Schulen, eine Poliklinik, eine Bank, eine Wechselstube, eine Apotheke, freundliche Polizisten und eine Kirche. Die Menschen und vor allem die Kinder sind adrett angezogen. Hier laeuft das Leben wie eh und je. Unseren ideologisch blinden Schreibtischtaetern in Bern und Aarau moechte man gerne mal einen Aufenthalt bei diesen freundlichen, friedlichen, hilfsbereiten und arbeitsamen Menschen goennen.  - Heute fuhren wir zum menschenleeren Strand hinaus, besuchten einen kleinen Fischerhafen und eine Bauernfamilie, die uns ein wunderbares kubanisches Mahl auftrug, frisch gefangene Fische, auf dem Holzfeuer zubereitet, geraeuchten Schinken, Tomaten, Congris – Reis mit schwarzen Bohnen -  und Yukka, dazu quellfrisches Wasser und ein Bier. Man erhaelt nur eine Gabel zum Gedeck, der Rest wird mit den Fingern erledigt. So in einer einfachen, aus Palmblaettern gefertigten Huette ueber dem Wasser zu sitzen, den Moeven zuzusehen und den Tag zu geniessen, waehrend Richard Krebsen nachstochert und Enrique, sein Onkel, sich die Geschichten des alten Mannes mit dem verwitterten Gesicht anhoert, den sie „avión“, „Flugzeug, Flieger“ nennen, weil er die geflickten Motoren der Fischerboote probehalber so laut aufheulen laesst, dass sie wie die Flugzeuge droehnen, so kann eben Leben in Kuba auch sein. – Leider geht unser Kuraufenthalt bald zu Ende. Morgen reisen wir nach Havanna zurueck. Die Muecken lassen wir gerne hier, sie quaelen uns doch sehr und hinterlassen juckende Spuren. Hasta la proxima, avión!

13.12.2006 um 23:42 Uhr

Frauen und KInder in Kuba

Reisebericht vom 12.12.06Frauen und Kinder in KubaFuer unsere kleine Familie, die eben erst gegruendet worden ist, neigt sich aus hiesiger Sicht eine Woche welthistorischer Bedeutung ihrem Ende zu. Nicht nur wurde der fuenfzigste Jahrestag der Landung Fidel Castros in Kuba und seines achzigsten Geburtstags mit pompoesen Feierlichkeiten begangen, wir haben auch geheiratet, und Yaqui hat ihren neunmonatigen Kurs fuer italienische Kueche mit einem Diplom der Federación de Asociaciones Culinarias de la República de Cuba mit grossem Erfolg abgeschlossen. Noch nie habe ich eine Frau gesehen, die mit so viel Freude und Begeisterung sich auf eine Pruefung vorbereitet hat. Noch am Vorabend stand sie singend in der Kueche und klapperte mit Pfannen und Toepfen, um gewisse Vorarbeiten zu erledigen. Ihr Pruefungsgericht, Filet Mignon à l’italienne, begleitet von Gemuese und von mit Kaese gefuellten Kartoffelkroquetten, muss anhand der Fotos hoechstes Lob errungen haben. Gestern nun hat hat sie auch noch die Fuehrerpruefung fuer Autos erfolgreich abgeschlossen. Was das bedeutet, kann nur jemand ermessen, der die Transportprobleme in Kuba kennt. Fuer Yaqui war dieser Erfolg besonders bewegend, weil ja ihre von ihr ueber alles geliebte Mutter, die leider vor fuenf Jahren gestorben ist, als Taxichauffeuse gearbeitet hatte. Ein unheimlicher Aufwand an Zeit und Nerven war auch noetig, um alle Formalitaeten fuer Heirat und Uebersiedlung in die richtigen Wege zu leiten. Wenn man es selbst erfahren hat, dass hier ein Gang zur Behoerde oder zur Bank nicht unter einem halben Tag zu schaffen ist, die einzelnen Behoerden meilenweit auseinanderliegen und oft mehrere Gaenge noetig sind, dann kann man nur Respekt haben vor der Tatkraft  dieser jungen kubanischen Frau, die ja daneben noch ihren Haushalt betreut und Sohn, Bruder und Hund umsorgt.Laesst man sich im Strassenkaffee des Hotels Telégrafo Zeit, den vorbeigehenden Menschen etwas zuzusehen, fallen einem bald Unterschiede zu den Menschen in Europa und in der Schweiz auf. Alle Schattierungen von Hautfarben sind hier anzutreffen, ein Ergebnis der Bevoelkerungszusamensetzung aus Weiss, Schwarz, Rot und Gelb. Besonders auffaellig ist der hohe Anteil von grossen, schlanken, oft sehr eleganten jungen Frauen. Ihr Selbstbewusstsein und ihr Stolz ist sprichwoertlich, ihre Bildung ueberdurchschnittlich, ohne aber arrogant oder abweisend zu wirken wie oft in Europa. Die Vorbilder von Celia Sánchez und Haydee Santamaria und anderer Revolutionaerinnen der ersten Stunde haben die Stellung der Frau in der Gesellschaft aufgewertet. Wenn man sich die vielen griesgraemigen, muerrischen, abweisenden und gehetzten Gesichter im Alltag von Zuerich vorstellt, fuehlt man sich bei diesen offenen, warmen Menschen wohl. Man hat nicht den Eindruck, dass diese Menschen mehr als bei uns von Sorgen geplagt sind, obwohl der oekonomische Zusammenbruch hier so sicher wie das Amen in der Kirche eines Tages kommen wird. Die Frauen bringen ihre gute Figur gerne zur Geltung, kleiden sich farbig, koerperbetont, aber geschmackvoll. Die Kleidung ist immer sehr sauber. Zwar wird den Frauen immer noch meist die Hauptlast an der Haushaltfuehrung und der Kindererziehung aufgebuerdet, obwohl die meisten daneben noch berufstaetig sind. Viele sind alleinerziehende Muetter. Die kubanischen Frauen sind sehr haeuslich und familienbezogen. Gerne besuchen sich die Frauen gegenseitig, um den neusten Klatsch auszutauschen, aber auch, um sich gegenseitig zu helfen. Bei Familienfesten bilden die Frauen meist in der Kueche eine Gruppe, waehrend die Maenner vor dem Fernseher rauchen, Rum trinken und Domino spielen. Man begegnet hier den Frauen gegenueber allgemein mit sehr viel Respekt und Hoeflichkeit. Letzlich haben sie hier in Kuba das Sagen, und man munkelt, dass ohne die Frauen Fidel laengst abgewaehlt worden waere.  Besonders interessant ist es etwa, auf der Plaza de San Francisco de Asis Fotoaufnahmen von Modellen fuer Brautkleider oder im Garten des Hotels Nacional de Cuba Modeschauen und Filmaufnahmen zu folgen. Was hier an atemberaubenden tropischen Schoenheiten gelegentlich zusammenkommt, kann einen Mann schon oft nicht gleichgueltig lassen. Besonders gut kommen die Figuren der Kubanerinnen, ihre Tanz- und Sinnenfreude unter den langbeinigen Taenzerinnen des weltbekannten Cabarets „Tropicana“ zur Geltung. Hier hat auch einmal die Tante von Yaqui waehrend ihres Studiums zur Primarlehrerin gearbeitet. Viele aeltere Frauen aber, und vor allem die mit starken afrikanischen Wurzeln, nehmen mit dem Aelterwerden ein matronenhaftes Aussehen an, was vielleicht doch mit der einseitigen Ernaehrung hier in Kuba zu tun haben koennte.In vielen Fremdenfuehren wird ueber die Zunahme der Prostitution berichtet. Tatsaechlich foerdert natuerlich die oekonomische Lage und der auf wenige Zentren konzentrierte Massentourismus diese Erscheinung, wobei der Sextourismus von Frauen, die ein Abenteuer suchen, immer groesser wird. Der kubanische Staat versucht mit vielen Massnahmen, dem einen Riegel zu schieben. So werden z.B. Hotelaufenthalte von nicht verheirateten Paaren von kubanischen und auslaendischen Partnern, auch in den casas particulares, nicht geduldet. Kubanische Frauen, die sich mit Auslaendern auf den Strassen bewegen, werden oft durch staendige Ueberpruefung der Personalien schikaniert. Aber die kubanischen Polizisten muessen ein Auge dafuer haben, wer in Frage kommt. Jedenfalls wurde Yaqui mit mir zusammen aeusserst selten kontrolliert, und ich kann auf meinen Spaziergaengen durch die Stadt keine Prostituiertenszene wie in Zuerich erkennen, und ich werde auch nicht angesprochen. Es scheint, dass ich mich von dieser Szene zu weit weg befinde, um Abnormales festzustellen. Allerdings koennte ich mir vorstellen, dass vielleicht in Hotels mit Schmiergeldern gearbeitet wird, doch sichtbar, auf den Strassen von Havanna, ist fuer mich die Prostitution nicht. Die Kubaner sind sehr kinderfreundlich. Sie gehen sehr liebevoll und grosszuegig mit ihnen um. Es faellt auf, dass man selten ein Kleinkind schreien hoert, ganz im Gegensatz etwa zur Schweiz, wo an allen Ecken und Enden losgebruellt wird. Ich bin ueberzeugt dass das mit der Waerme und Innigkeit der Beziehungen zu tun hat. Die kubanischen Kinder sind immer sehr wohlbehuetet, gut angezogen und adrett hergerichtet. In der Schule traegt man nach Altersgruppe verschiedene Uniformen, die kleinen Maedchen weinrote Traegerroeckchen, die Primarschuelerinnen gelbe Jupes mit weissen Blusen, und die Oberstufenschuelerinnen eine Mischung zwischen braunen Shorts und Minirock, die sehr elegant und fraulich wirken. Die Knaben tragen lange Hosen und weisse Hemden. Richard muss seine Schuluniform taeglich selbst glaetten. Ich bin ueberzeugt, dass diese Uniformen dazu beitragen, dass man hier von keinen solchen Scheusslichkeiten hoert, wie sie letzhin in der Schweiz vorgekommen sind. Ein Kind in Schuluniform hat keinen Zutritt in Restaurants, Richard muss sich erst zu Hause umziehen, bevor er uns nach der Schule auswaerts treffen kann. Wird ein Kind zur Unterrichtszeit ausserhalb der Schule angetroffen, wird es durch die Polizei zur Schule gebracht und die Eltern werden informiert. Fehlt ein Kind krankheitshalber, geht die Schuldirektorin persoenlich alle paar Tage im Elternhaus vorbei, um sich zu erkundigen und mit den Eltern zu reden. Hier koennten diese ignoranten Altachtundsechziger in unseren Schulbehoerden augenfaellig sehen, was sie unseren Schulkindern in der Schweiz durch ein allzu larges Absenzenwesen und andere Disziplinlosigkeiten auf dem Buckel der Steuerzahler angetan haben.  

13.12.2006 um 23:40 Uhr

Im Strassenkaffee des Hotels Telegrafo

Reisebericht vom 11.12.06

 Im Strassenkaffee des Hotels Telégrafo, oder gleich daneben, in jenem des Hotels Inglaterra am Parque Central in Havanna, kann man stundenlang sitzen und dem lebhaften Verkehr, dem unaufhoerlich vorbeiwogenden Strom der Leute zusehen, die alle unverwandt einem unsichtbaren Ziel zustreben. Hier die Eingaenge zu den Hotels und die an den Tischchen sitzenden Touristen, da der ausserhalb der Arkaden liegende breite Gehsteig, wo die Leute vorbeigehen, die zu- und wegfahrenden Taxis, dann die Fahrraeder, Rikschahs, Motorraeder, Autos, Lastwagen, Busse, die riesigen von Zugmaschinen gezogenen camellos, die wie Viehtransporter aussehenden oeffentlichen Personentransporter, in die die Fahrgaeste wie Sardinen gequetscht werden. In der Mitte der breiten Chaussee liegt eine Tag und Nacht bewachte Parkflaeche, an die wieder ein Fahrbahnstreifen angrenzt, der seinerseits vom mit Koenigspalmen bestandenen Parque Central gesaeumt wird, wo sich viele lauschige, schattige Parkbaenke befinden, die zum Verweilen einladen. Hier wird oft Schach gespielt. Von der heissen Ecke der Baseball-Fans habe ich schon erzaehlt. Die marmorne Figur José Martís gruesst herueber. Jenseits des Parks schliesst sich wieder eine Fahrbahn an, die man zu ueberqueren hat, will man der Calle Obispo folgend die nahe Altstadt erreichen, der einzige Uebergang in Havanna uebrigens, bei dem den Fussgaengern ein ungeschriebenes Vortrittsrecht eingeraeumt wird. Ansonsten scheinen es die heranbrausenden Autofahrer direkt auf die querenden Fussgaenger abgesehen zu haben, eine Form des hiesigen machismo. Es empfiehlt sich, Fahrbahnen eng aufgeschlossen hinter Einheimischen zu ueberqueren.  Links fuehrt die beruehmte mit Loewenskulpturen verschoenerte Flaniermeile des Paseo de Martí, auch Prado genannt, zum Malecón hinunter, wo sich das neu renovierte Castillo de San Salvador de la Punta befindet, das gemeinsam mit dem ennet der Hafeneinfahrt liegenden Castillo de los Tres Santos Reyes de Morro den Zugang zum Hafen bewacht. An dieser Stelle wurde frueher abends um 9 Uhr  der Hafen mit einer Kette abgesperrt, was mit einem Kanonenschuss bekannt gegeben wurde, eine Zeremonie, die sich bis heute erhalten hat. Ein Strassentunnel unterquert nun dort den Meereseinschnitt und fuehrt den Autofahrer aus der Stadt hinaus Richtung Playas del Este und Matanzas in die zentralen und oestlichen Teile Kubas. Aber zurueck zum Hotel Telégrafo.Schraeg gegenueber, am noerdlichen Ende des Parks, befindet sich der massige Kubus des 5-Stern-Hotels Parque Central, dem etwas weiter den Prado hinunter das Hotel Sevilla, bekannt durch Graham Greene, folgt. In der nordoestlichen Ecke liegt der Keil der neoklassizistischen Fassade des Hotels Plaza, und dahinter ragt der wundervolle Turm des edificio Bacardí auf. Wenn man diesen Turm im Abendlicht, umflossen von rosa Woelkchen, eingerahmt von Arkaden und begrenzt durch die gusseisernen Kandelaber der alten Laternen, einen Mojito schluerfend betrachtet, glaubt man sich in einer Traumwelt zu befinden.Aus der gegenueber liegenden suedoestlichen Ecke des Parks gruessen die protzigen Aufbauten des Centro Asturiano, dem ehemaligen Gebaeude der Handelsgesellschaft Asturiens, das heute die internationale Abteilung des kubanischen Kunstmuseums beherbergt. Am suedlichen Ende des Parks liegt das beruehmte Kino Payred. Das kubanische Filmschaffen geniesst Weltruf. Weiter zurueck am Prado folgt das Bezirksgericht. Gegenueber dann, in der Flucht der Arkaden, liegt das Capitolio, von dem man sagt, dass es groesser als sein amerikanisches Vorbild aber einen Meter weniger hoch sei. Hinter ihm, fuer unser Auge unsichtbar, liegt die beruehmte Zigarrenfabrik Partagas.Nun schweift unser Blick an der westlichen Parkseite zurueck und streift das wundervolle Gebaeude des Gran Teatro de La Habana García Lorca, wo wir uns in der Nochebuena, am Heiligabend, ein Ballett von Alicia Alonso ansehen werden. Der spanische Dichter Federico García Lorca lebte 1930 drei Monate hier in Kuba, und er hat die Insel wie schon Kolumbus als Paradies beschrieben. Die Einkaufsstrasse San Rafael trennt das Theater vom legendaeren Hotel Inglaterra mit dem schoenen Dachgarten. Jeden Freitagabend findet hier vor dem Hotel ein Staendchen der Stadtmusik von Havanna statt. So wendet sich unser Blick wieder unserem Mojito und dem wogenden Leben vor dem Strassenkaffee des Hotels Telégrafo zu.Was hier am Parque Central an Zeugen grossser Kulturgeschichte versammelt ist, sprengt die kleinraeumigen Verhaeltnisse der Schweiz, ohne deren Schoenheiten dadurch etwa mindern zu wollen. Es erstaunt nicht, dass die Altstadt Havannas mit der Umgebung des Parque Central als Weltkulturerbe zu gelten hat.Wer uebrigens meinen Ausfuehrungen ueber Streifzuege in der Stadt mit Interesse folgt, dem wird es sicher noch mehr Vergnuegen bereiten, einen Stadtplan von Havanna im Internet aufzusuchen und mich auf meinen Spaziergaengen virtuell zu begleiten.

09.12.2006 um 00:16 Uhr

Gluecklich verheiratet

Reisebericht vom 7.12.06. Gluecklich verheiratet! Jaqueline Marty Luis und ich haben am 5.12.06 in Havanna geheiratet. Damit hat eine 5-jaehrige Beziehung, die sich immer mehr vertieft hatte, ihren vorlaeufigen Hoehepunkt gefunden. Nicht nur zu ihr, sondern auch zum kubanischen Menschen, zu dieser wunderbaren Insel, von der schon Kolumbus gesagt hatte, dass er nie etwas Schoeneres gesehen haette, zu ihrer Geschichte und Kultur, ihrer Musik, ihren Legenden  und ihren Genuessen hatte mich bald eine tiefe Liebe erfasst und in ihren Bann geschlagen. Allen, die uns ihre Glueckwuensche uebermittelt haben, moechten wir ganz herzlich danke sagen.Die Monate vor unserer Hochzeit waren gekennzeichnet durch eine schier perverse Hetze nach Bewilligungen, Nachweisen, Bestaetigungen und Beglaubigungen und der Furcht, im Eifer des Gefechts irgend etwas  uebersehen zu haben. Man kann ja durchaus begreifen, dass der kubanische Staat sicher gehen will, dass sich da nicht irgend jemand einer seiner Buergerinnen naehern will, der bereits verheiratet ist. Aber wie das in der Praxis fuer den Betroffenen aussieht, das ist nicht nur galoppierender Masochismus, das grenzt an Beamtenwahnsinn, den wir mit unseren Steuergeldern noch bezahlen. Es genuegt nicht, einen unterschriebenen Auszug aus dem Scheidungsurteil des Bezirksgerichts Bremgarten vorzulegen, oder der Aussage einer vereidigten Zivilstandsbeamtin zu vertrauen, dass man geschieden sei, nein, dieses Scheidungsurteil muss durch das aargauische Obergericht, dieses wiederum durch das kantonale Passbuero ueberbeglaubigt werden, worauf dann durch ein offizielles Uebersetzungsbuero eine spanische Uebersetzung angefertigt werden muss, die zuerst vom Stadtammannamt, dann auch noch vom Bezirksamt in Aarau ueberueberueberbeglaubigt werden muss. Nun geht man wieder zum kantonalen Passbuero, das nun nicht nur die Uebersetzung, sondern auch die Beglaubigungen der Aarauer Behoerdern ueberbeglaubigt, wobei jeder Stempel separat verrechnet wird. Nun loest man eine Fahrkarte nach Bern und sucht die kubanische Botschaft auf. Diese erteilt nun die Ueberueberueberueberbeglaubigung, wobei jeder Stempel sFr. 200.-- kostet. Da nun aber die Schweizer Behoerden, insbesondere aber die Schweizer Botschaft in Havanna, durchaus sich widersprechende Angaben zu den verlangten Dokumenten machen, die kubanische Botschaft am Schluss weniger verlangt als die schweizerischen Informationsblaetter angeben, ist man bis zuletzt unsicher, ob man wirklich getraut wird. Franz Kafka oder der Autor des „Totenschiffs“, B. Traven, haben sich wohl in den kuehnsten Fantasien nicht solchen Schwachsinn vorstellen koennen. Selbstverstaendlich ist keiner der beteiligten Beamten daran schuld, die tun ja nur ihre Pflicht. Da hilft nur, kraeftig darauf hinzuarbeiten, dass solche Beamtenstellen abgeschafft werden.Haelt man sich vor Augen, dass ich fuer eine schlichte Trauungszeremonie von 15 Minuten, stunden-, tage-, wochen-, ja monatelang herumgeseckelt bin, muss man darueber froh sein, dass man bereits weisse Haare hat, weisser koennen sie nicht mehr werden. Waehrend fuer mich dieser Marathon nun doch noch seinen Abschluss gefunden hat, geht er fuer Yaqui unvermindert weiter, denn sie braucht nun noch die Ausreisebewilligung fuer sich und ihren Sohn aus Kuba und die Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Natuerlich feht auch noch die Anerkennung der Ehe durch die Schweiz. Ich kann es keinem verdenken, der in einer aehnlichen Situation irgend einmal die ketzerische Frage stellt, ob wir eigentlich fuer die Beamten da sind oder sie fuer uns.. In kleinem Kreis, nur die engsten Freunde und Verwandten, feierten wir anschliessend im wundervollen tropischen Restaurant „El Ajibe“ im Villenquartier Miramar unsere Verbindung. Man hatte uns die VIP-Lounge, auf gut schweizerisch „das Saeli“, zur Verfuegung gestellt mit spezieller Bedienung. Yaqui hatte sich fuer das Nationalgericht Kubas entschieden: Apero mit dem guten kubanischen Bier „Buccanero“, gebratenes Huhn, weisser Reis, gebratene Kartoffeln, wunderbare schwarze Bohnen, eine wohlschmeckende helle Sauce und Salat; spanischer Weiss- und Rotwein aus dem riesigen Weinkeller, Eis, schwarzer kubanischer Kaffee und der unvermeidliche Rum. Spaeter liessen wir den Abend ausklingen in der Bar Monserrate bei mitreissender kubanischer Volksmusik. Hier zeigten nun unsere Gaeste im Blitzlichtgewitter anwesender Touristen, was kubanisches Tanzvergnuegen und elementarer afrokubanischer Rhythmus ist. In einigen Tagen werden wir uns in einem schoenen Hotel in Santa Clara, der Stadt Ché Guevaras, von den Anstrengungen etwas erholen.   

05.12.2006 um 18:24 Uhr

Ein Spaziergang mit Aglaja und Christian durch Alt-Havanna

Reisebericht vom  4.12.06 Ein Spaziergang mit Aglaja und Christian durch Habana Vieja Das junge Paar, sie Juristin, er ein Mann der Wirtschaft, hatten sich entschlossen, Reiseferien in Kuba zu verbringen. Ich hatte es bei der Planung der Reise mit einigen Hinweisen unterstuetzen koennen. Nun war es natuerlich eine besondere Freude, das Paar in Havanna wieder zu sehen und von seinen Ferienerlebnissen zwischen Varadero, Santa Clara, Sancti Spiritus, Trinidad, Cienfuegos und Havanna erzaehlen zu hoeren. Aglaja und Christian hatten die Schwierigkeiten, mit denen Reisen in Kuba zuweilen verbunden ist, nicht zuletzt dank den perfekten Spanischkenntnissen von Christian gut gemeistert, wenn sie auch hie und da das Auseinanderklaffen von Preis und Leistung zu bemaengeln hatten, womit eigentlich jeder europaeische Tourist hier gelegentlich konfrontiert wird. Man muss auch heute noch von etwas Abenteuerlust und Unternehmensgeist befluegelt sein, um hier auf eigene Faust das Land kennen lernen zu wollen. Die Hotelpreise in Havanna waren in unglaubliche Hoehen geschnellt, und das Fehlen eines tadellos funktionierenden Kreditkarten-Systems hatten die Liquiditaet etwas gar stark belastet. Bei einer Reise auf eigene Faust ist denn auch die Bargeld-Beschaffung in Kuba ein echtes Problem. Den kubanischen Behoerden scheint noch nicht klar geworden sein, wie viel Goodwill und Einkaufslust hier verloren geht. Kuba ist als Reiseland fuer den nicht ganz mit den hiesigen Gepflogenheiten vertrauten Touristen kein Billig-Land. Zu stark ist der Hunger des Staatstourismus nach Devisen, so dass gelegentlich der Begriff des Abrisses nicht unangemessen erscheint. Infolge eines grossen internationalen Sportkongresses und wegen der bevorstehenden grossen Feierlichkeiten zum 50-jaehrigen Bestehen der Revolutionsarmee und zum 80-jaehrigen Geburtstag des Maximo Líder hatte die staatliche Hotellerie die Preise in der Stadt massiv erhoeht, die private Unterbringung unterbunden, was mir selbst beinahe verunmoeglich haette, wie gewohnt bei meiner Familie wohnen zu koennen. Wir trafen uns um zwei Uhr nachmittags im Strassenkaffee des Hotels Telégrafo am Parque Central, auf der Grenze zwischen der Altstadt Habana Vieja und Centro Habana, dem etwas heruntergekommenen Quartier der einfachen Leute, wo meine Freundin Yaquimir eine fuer kubanische Verhaeltnisse schoene Wohnung hat. Wir schlenderten ueber den verkehrsumbrausten Parque Central mit dem Denkmal von José Martí, dem Nationalhelden und Dichterfuersten Kubas, vorbei an der „esquina caliente“, der „heissen Ecke“, wo taeglich auf bedrohliche Art wild gestikulierende Maenner, aber auf letztlich friedliche Weise die Spiele und Resultate der Baseball-Liga, dem Nationalsport Kubas, diskutieren und kommentieren.  Vorbei an der Bar „Floridita“, wo einst Papa Hemingway seinen Daiquirí getrunken und manchmal auch ueber die Straenge geschlagen hatte, vorbei an einem exquisiten Zigarren- und Rumgeschaeft, wo sich Christian tags zuvor als wahrer Kenner kubanischer Genuesse eingedeckt hatte, spazieren wir der Calle Obispo entlang, der Haupt-Touristenstrasse Havannas, zur Plaza de Armas, dem ehemaligen kolonialen Regierungs-Zentrum. Ein staendiger Strom von Touristen wogt uns hier entgegen, doch hat man den Eindruck, dass der ueberwiegende Teil der Besucher Latinos sind. Aus jedem Kaffee, jedem Restaurant toenen uns die mitreissenden Rhythmen der kubanischen Musikgruppen, die dort aufspielen und natuerlich Staatsangestellte sind, entgegen. Wir passieren das rosa Gebaeude des Hotels „Ambos Mundos“ (=beide Welten) nicht ohne einen kurzen Augenblick bei der hervorragenden Pianistin am Fluegel in der Bar zu verweilen. Man spuert foermlich, wie es Christian als gewieften Pianisten in den Fingern zuckt, und der Tag scheint nicht fern zu sein, wo er, hieher zurueckgekehrt, sein Staendchen gibt. In diesem Hotel, in dem Hemingway jahrelang logierte und wo auch unser Paar einige Naechte unterkam, feierte ich vor einem Jahr auf dem berueckenden Dachgarten meinen 65. Geburtstag.  An der Plaza de Armas liegt der Palacio de los Capitanes Generales, dem Sitz der ehemaligen spanischen Generalgouverneure, heute das Stadtmuseum.  Das hölzerne „Kopfsteinpflaster“ davor hatte die Aufgabe, den Trittschall der anreitenden Boten so zu daempfen, dass der Schlaf der Gouverneursgattin nicht gestoert wurde. An der Ostseite des Platzes steht „El Templete“, das Tempelchen, das an die Gruendung der Stadt am 17. November 1519 erinnert, und bei dem ein Nachfahre des Ceiba-Baumes steht, unter dem die erste Messe gelesen wurde. Die Girardilla, die Wetterfahne, gruesst vom Castillo de la Real Fuerza, der aeltesten Festung der Stadt, begonnen 1538, herueber. Sie erinnert an die Frau des Conquistadors Hernán de Soto, die hier jahrelang vergeblich auf die Rueckkehr ihres Gatten aus Florida sehnsuechtig gewartet hatte. Durch di Calle Oficios erreichen wir die Plaza San Francisco de Asis. Wir bewundern das Gebaeude der alten Boerse, die Lonja de Comercio, die gekroent wird von einem schwebenden Merkur. In den angenzenden weitlaeufigen Gebaeuden des Schiffsterminals werden hier seit jeher Passagiere und Gueter umgesetzt. Unweit davon liegt die Casa del Ron, das Haus des Rums. Hier zeigt die Firma Havana Club einen interessanten Ueberblick ueber die Geschichte und Fabrikation des Rums auf Kuba. Man erkennt, wie die Menschen aus Afrika hieher gebracht und versklavt wurden, um der Zuckerproduktion zu dienen, ein aeusserst lukratives Geschaeft.  Man erkennt, woher der einstige Reichtum der Stadt, die prachtvollen Gebaeude und Anlagen, die damals modernen Einrichtungen gekommen sind. Schoene Modelle zeigen den Ablauf der Rumfabrikation, man erfaehrt einiges ueber die verschiedenen Rumqualitaeten nicht ohne zum Abschluss ein paar Schlucke zur Degustation probiert zu haben. Nach einem Blick in die Kirche des Hl. Franz schlendern wir durch die Calle Teniente Rey, wo wir Einblick in die Zanja Real, die einstige Wasserversorgung der Stadt gewinnen, zur Plaza Vieja, dem malerischen und nahezu vollstaendig renovierten ehemaligen Handelsplatz. In einer Ecke geniessen wir das frisch gebraute Bier, um uns ein Bisschen zu erholen. Durch die Calle Brasil erreichen wir spaeter die Gegend des Capitolio, des dem amerikanischen Kapitol nachgebildeten ehemaligen Parlamentsgebaeudes, wo sich die Nullstelle des  kubanischen Strassennetzes befindet. Heute ist das Capitolio Sitz der Akademie der Wissenschaften. Bei der Bar „Monserate“, wo wir uns am Vorabend von kubanischer Musik hatten vereinnahmen lassen, wenden wir uns nach rechts, um uns fuer kurze Zeit zu trennen. Aglaja und Christian kehren in ihr Hotel „Sevilla“ zurueck, wo Graham Greene seinen „Mann in Havanna“ naechtigen liess. Auf dem Weg dahin gruesst das imposante edificio Bacardí, das der ehemalige Rumkoenig in Art-Déco-Manier errichten liess und das von seinem Firmenzeichen, der Fledermaus, gekroent wird. Zwei Stunden spaeter treffen wir uns wieder, um vorbei am historischen Hotel Inglaterra und dem Teatro García Lorca, wo Sarah Bernhard und Enrico Caruso einst aufgetreten waren und das heute der Sitz des weltbekannten Nationalballetts Kubas unter der beruehmten Alicia Alonso ist, durch die Calle San Rafael, einer lebhaften Einkaufsstrasse fuer die kubanische Bevoelkerung, der Wohnung meiner Freundin Yaquimir zuzustreben. Freudig wird das Paar durch Dian, den gutmuetigen Hund der Familie, begruesst. Bruder Enrique, der jetzt einen staatlichen Fleischverkaufsstand betreibt, hat einen Aperitiv mit seinem wohlschmeckenden lomo, dem Schinken, vorbereitet. Als gelernter Baeckermeister hat er es sich nicht nehmen lassen, aus einem Einwickelpapier eine Dressiertuete zu formen und mit Mayonnaise das Ganze zu dekorieren. Der Einfallsreichtum der Kubaner ist sprichwoertlich. Bald entwickeln sich interessante Gespraeche zwischen Enrique und Christian. Yaqui versucht sich mit Aglaja auf Englisch zu verstaendigen. Man unterhaelt sich angeregt. Bald brechen wir auf, um im barrio chino, dem Chinesenviertel Havannas, das nur einige Schritte entfernt liegt, gemeinsam das Nachtessen einzunehmen. Als die Sklaverei auf Kuba verboten wurde, liess man für die Zucker- und Tabakfabrikation Chinesen kommen, die als billige und anspruchslose Arbeitskraefte eingesetzt wurden. Hier kann man sich fuer 5 Franken satt essen, aber man sollte nachts auf dem Rueckweg zum Hotel dunkle und menschenleere Strassen vermeiden. Meine Familie bedrueckt die offensichtliche Zunahme von Gewalt, die angesichts der wirtschaftlichen Not und des protzigen Massentourismus zu verzeichnen ist, wenn auch niemals die Verhaeltnisse in Caracas oder Mexico City erreicht werden. Havanna ist auch heute noch, sofern man sich vernuenftig benimmt, eine der sichersten Staedte Lateinamerikas. In Begleitung von Kubanern ist man immer sicher. Den Abend beschliessen wir in einer kleinen, wenig stimmungsvollen Bar in der Naehe des Hotels Sevilla, wie es sie viele in Havanna gibt. Laesst man die auf diesem Spaziergang gestreiften Kulturdenkmaeler, die darin aufgezeichnete Geschichte und die damit verbundenen Menschen Revue passieren, spuert man dem afrikanischen Rhythmus der kubanischen Musik nach, dann  erstaunt einen der Stolz, die Aufgeschlossenheit und Weltlaeufigkjeit, die Sanftmut, aber auch die Schlitzohrigkeit der kubanischen Menschen, vor allem in der Hauptstadt, nicht.  Diese Qualitaeten wird es noch geben, wenn die Aera Castro laengst Geschichte geworden ist und niemand mehr Viva Raul schreit. Die Erguesse eines kleinkarierten schweizerischen Ministerialbeamten erscheinen vor diesem Hintergrund, als ob ein Handoergelispieler aus dem Muotatal den Wienern den Walzer erklaeren wollte. 

05.12.2006 um 18:19 Uhr

Adelante, companeros!

Reisebericht vom 2.12.06Adelante compañeros – Vorwaerts Kameraden! Heute, am 2. Dezember 2006, feiert man hier in Kuba den 50. Jahrestag der Landung Fidel Castros zur Befreiung Kubas vom Joch der Batista-Diktatur. Gleichzeitig wird hier des 80. Geburtstags von Fidel gedacht. Natuerlich loesen diese Aktivitaeten fuer den westlichen Beobachter gemischte Gefuehle aus, ist man doch in einer Pressetradition aufgewachsen, wo der kubanische Sozialismus als Boesewicht und Verraeter an westlichen Werten gebrandmarkt worden ist. Wenn man die damaligen Ziele Castros mit der heutigen Wirklichkeit Kubas vergleicht, muss man zumindest skeptisch, ja sogar ernuechtert sein. Aber wenn sich ein Vizedirektor einer Abteilung des Eidg. Justiz- und Polizeidepartements im Rahmen eines Visumrekurses herausnimmt, in abschaetziger Weise ueber das Einparteiensystem in Kuba zu salbadern ohne dabei zu erwaehnen, dass ein grosses Land mit einem Zweiparteiensystem fortwaehrend Unrecht in arroganter Weise mit Begriffen wie Freiheit und Demokratie auf den Lippen nur zum eigenen Vorteil zu verbreiten versucht, dann kommt man nicht umhin, das Demokratieverstaendnis dieser Behoerde gruendlich zu hinterfragen. Die Leistung eines Staats haengt kaum von der Anzahl der Parteien sondern vielmehr von der Intelligenz und Kompetenz seiner Beamten ab, Qualitaeten, die man diesem kleinkarierten Beamten nicht gerne zubilligen moechte. Die Staatsverdrossenheit, wie sie sich etwa in der Stimmbeteiligung bei Abstimmungen zeigt, feiert auch in Mehrparteienstaaten Urstaend. Aus langjaehriger Beobachtung der kubanischen Verhaeltnisse glaube ich nicht, dass der sozialistische Weg das Los des kubanischen Volkes oekonomisch entscheidend verbessert hat, doch hat das kubanische Volk diesen Weg selbst gewaehlt, und das ist zu respektieren. Viele soziale Errungenschaften sind aber, vergleicht man mit andern Staaten Lateinamerikas, durchaus vorzeigbar. Wie stark Fidel und seine Regierung in der Bevoelkerung auch heute noch verankert sind, konnte ich heute selbst erleben. Doch darf nicht verschwiegen werden, dass Teile der Bevoelkerung Fidel und sein Repressionssystem gerne zum Teufel wuenschen wuerden, wie es ja auch bei uns Leute gibt, die den Bundesrat in seiner gegenwaertigen Zusammensetzung lieber auf dem Mond sehen wuerden. Um sechs Uhr in der Fruehe, noch bei Dunkelheit, strebe ich mit unserer Nachbarin, die Direktorin einer Primarschule und Parteimitglied ist und die mich eingeladen hat, zum Besammlungspunkt fuer das Quartier Habana Vieja vor dem Capitolio. Tausende von Leuten, jung und alt, stroemen hier zusammen. Hier herrscht aufgeraeumte Stimmung, man trifft Bekannte und Berufskollegen und scherzt miteinander. An Staenden erhaelt man Gratis-Verpflegung, ein Broetchen und granizado, einen Becher Limonade. Ambulanzen und Polizei halten sich im Hintergrund, und ueber einen Lautsprecher werden Parolen verbreitet. Immer mehr Leute treffen ein, zum Teil uniformierte Abteilungen von Schulklassen, Polizei- und Betriebseinheiten. Auf der Calle Neptuno marschieren sie bereits in der Dunkelheit Richtung Plaza de la Revolución. Schon Tage vorher waren am Fernsehen die Besammlungspunkte und die Marschrouten immer wieder gezeigt worden. Fuer Parteimitglieder ist die Teilnahme an der „marcha“ Pflicht, aber grosse Teile der Bevoelkerung nehmen nicht teil, meine Familie nicht, weil sie sich nicht politisch betaetigt, und auch der Gatte der Schuldirektorin nicht. Es wird kein sichtbarer Zwang ausgeuebt.  Die Teilnehmenden scheinen sich aber mit dem Staat, seiner Regierung und Fidel zu identifizieren, in vielen Gespraechen toent die Sorge um seine Gesundheit an. Die Stimmung ist volksfestaehnlich, wie bei uns an einem ersten August oder am Sechselaeuten, oder bei einer Demonstration der Gruenen. Bald setzen sich die Massen in Bewegung um ueber die Reina und die Avendida Salvador Allende der Plaza de la Revolución zuzustreben. Ich habe die Ehre, in der Gruppe der Quartierbehoerden von Habana Vieja mitzumarschieren. Man hatte mich gewarnt, dass das ganze Prozedere sehr anstrengend sein werde, und so musste ich denn auch schon nach einem halben Kilometer meiner angeschlagenen Gesundheit  Tribut zollen und aus der Marschkolonne ausscheren. Den Rest der Veranstaltung betrachtete ich mir notgedrungen dann am Fernsehen, nicht ungluecklich darueber, dass ich in die dauernden Hochrufe auf Fidel, Raul und den kubanischen Sozialismus nicht miteinstimmen musste. Fidel war uebrigens nur in historischen Aufnahmen praesent, und das Geruecht von der Wiederaufnahme der Staatsgeschaefte durch ihn verflog rasch. Auffallend war, wie man Raul Castro praktisch ebenbuertig zu seinem Bruder Fidel hochleben liess. Das deutet doch auf einen Uebergang hin, die Geruechte um ein Krebsleiden des Comandante nehmen zu. Alles in allem machte mir diese Grossveranstaltung, ihre Farbigkeit und Dynamik, die patriotischen Gefuehle, die sie zweifellos ausloeste und bestaerkte, einen imposanten Eindruck. Die schmetternden Klaenge der Marschmusik, der Nationalhymne Kubas, die Aufrufe des Sprechers „Adelante, compañeros, Vorwaerts, Kameraden!“, das gluehende Bekenntnis zum Vaterland, die Hochrufe auf Fidel, Raul und den Sozialismus, die deutlich spuerbare Emotionalitaet, die froehlichen Gesichter und die Zehntausende von Faehnchen schwingenden Buergern, Kinder wie Erwachsene, stehen in einem seltsamen Gegensatz zum im Westen verbreiteten Bild Kubas.  Weit entfernt davon, dem diktatorischen Regime und dem oekonomischen Schlamassel, das der Sozialismus neben dem verbrecherischen amerikanischen Embargo in Kuba hervorgebracht hat, das Wort reden zu wollen, sehen hier viele Dinge von innen her betrachtet etwas anders aus als die ideologischen Scheuklappen, mit denen Kuba haeufig noch im Westen betrachtet wird. Der ueber Einparteienstaaten und soziale Gegensaetze schwadronierende Vizedirektor im EJPD sollte sich vielleicht mal vor Augen halten, dass die Unterschiede zwischen arm und reich in den USA oder z.B. in Indien um ein Vielfaches hoeher sind als hier. Und selbst in der Schweiz ist der Einkommensunterschied zwischen vielen Familienvätern, die 4000 Fr. monatlich verdienen und dem des Herrn Ospelt wesentlich groesser, ohne dass es gleich zu sozialen Unruhen kommt. Auch in der Schweiz gibt es viele Familien, die sich keinen Einkauf in Luxuslaeden erlauben koennen, waehrend andere nur dort einkaufen. Man wundert sich, dass immer noch einige Betonkoepfe in unseren Behoerden 20 Jahre nach dem Kalten Krieg viele Splitter im Auge Kubas ausmachen, die eigenen Balken aber nicht zu sehen vermoegen. Die Grossveranstaltung war um die Mittagszeit beendet, am Nachmittag waren die Geschaefte wieder normal geoeffnet, und die Strassen fuellten sich erneut mit farbenfrohem Leben. Kuba ist und bleibt ein Land voller Gegensaetze, wer hier lebt, fuehlt sicht oft hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Ablehnung. Das ist es vielleicht, was nicht zuletzt den Reiz dieser wunderbaren Insel und seiner Bewohner ausmacht.

01.12.2006 um 22:03 Uhr

Wiedersehen mit Havanna

Reisebericht vom 1. Dezember 2006-12-01 Wiedersehen mit Havanna Seit meinem letzten Aufenthalt hier sind nun doch schon acht Monate vergangen. Die Zeit in der Schweiz hatte ich genutzt, um – vergeblich – gegen die Verweigerung eines Touristenvisums für  Enrique, den Bruder meiner Freundin Jaqueline, anzukämpfen.Borniertheit, Arroganz, unglaubliche Wissenslücken und behördliche Willkür hatten verhindert, dass die diplomatischen und die Migrationsbehörden in Havanna, Bern und Aarau in der Lage waren, den Freundschaftsbesuch eines aufrechten, loyalen und gesetzestreuen Kubaners, der verheiratet ist und einen Sohn betreut, der eine feste Arbeitsstelle innehat, dem der Erhalt seiner Stelle zugesichert worden war und der keinen Grund hatte, Kuba auf Dauer  zu verlassen, zu unterscheiden von den illegalen Einwanderungen, dem illegalen Verbleiben in der Schweiz, das wir von Leuten aus Balkanstaaten und Afrika hinlaenglich kennen.Es ist in meinen Augen eine ganz grosse Sauerei, dass ich nicht mehr darueber befinden kann, wem ich Gastfreundschaft gewaehre und in mein Haus einlade, obschon ich wiederholt Garantien fuer die anstandslose Wiederausreise meines Gastes gegeben und dieser dasselbe mehrfach glaubhaft versichert hatte. Irgend eine blöde Amtsstelle masst sich hier Entscheidungsrechte an, und die gleiche Behoerde bringt es nicht fertig, im Asylantenwesen legale Zustaende herzustellen. Es muss fuer diese Beamten ungeheuer befriedigend sein, in ihrem Frust einem kleinen, unbescholtenen Kubaner, der seinen Freund in der Schweiz besuchen moechte und dessen Reise- und Aufenthaltskosten lückenlos gedeckt sind, das Visum zu verweigern. Wenn man nur ein Bisschen um sich schaut, sieht man, woher die Migrantenstroeme kommen. Ganz sicher nicht aus Kuba. Wer dort sein Land verlassen moechte, geht in die USA. Die ungeheuerliche Unverhaeltnis-maessigkeit  dieser Verweigerung eines Touristenvisums und dann die grossgekotzten Begruendungen hierfuer, als ob es sich bei diesem einfachen kubanischen Buerger um einen Staatsfeind Nr. 1 handeln wuerde und die gesamte schweizerische Verfassung in Gefahr geriete, laesst einen nur noch mitleidig auflachen. Meine Einschaetzung darueber, was eine Bananenrepublik ist, hat sich demzufolge gewandelt. Mein Abstimmungsverhalten wird sich deshalb in Zukunft massiv veraendern. Doch hier in Kuba pulsiert das Leben weiter. In diesen Tagen finden die Feierlichkeiten zur fuenfzigsten Wiederkehr  des desembarco, der seinerzeitigen Landung Fidel Castros mit seinen Getreuen auf der Granma im Osten Kubas, und seines achzigsten Geburtstags statt. In Havanna sind riesige Aufmaersche und Paraden geplant, Zeitungen und Fernsehen zeigen fast ununterbrochen historische Berichte und aeltere Filme. Man rechnet damit, dass Fidel nach seiner Krankheit die Regierungsgeschaefte jetzt wieder uebernehmen wird. Besondere Aktivitaeten finden vor der amerikanischen Botschaft statt. Viele Repraesentanten haben ihren Besuch angesagt, vor allem natuerlich Hugo Chavez. Letzte Woche fand ein riesiger Sportkongress statt.Das junge Paar, das uns aus der Schweiz besucht hat, musste durch erhoehte Hotelpreise darunter leiden. Doch davon naechstes Mal mehr. Euer Ueli