Adelante, companeros!
Reisebericht vom 2.12.06Adelante compañeros – Vorwaerts Kameraden! Heute, am 2. Dezember 2006, feiert man hier in Kuba den 50. Jahrestag der Landung Fidel Castros zur Befreiung Kubas vom Joch der Batista-Diktatur. Gleichzeitig wird hier des 80. Geburtstags von Fidel gedacht. Natuerlich loesen diese Aktivitaeten fuer den westlichen Beobachter gemischte Gefuehle aus, ist man doch in einer Pressetradition aufgewachsen, wo der kubanische Sozialismus als Boesewicht und Verraeter an westlichen Werten gebrandmarkt worden ist. Wenn man die damaligen Ziele Castros mit der heutigen Wirklichkeit Kubas vergleicht, muss man zumindest skeptisch, ja sogar ernuechtert sein. Aber wenn sich ein Vizedirektor einer Abteilung des Eidg. Justiz- und Polizeidepartements im Rahmen eines Visumrekurses herausnimmt, in abschaetziger Weise ueber das Einparteiensystem in Kuba zu salbadern ohne dabei zu erwaehnen, dass ein grosses Land mit einem Zweiparteiensystem fortwaehrend Unrecht in arroganter Weise mit Begriffen wie Freiheit und Demokratie auf den Lippen nur zum eigenen Vorteil zu verbreiten versucht, dann kommt man nicht umhin, das Demokratieverstaendnis dieser Behoerde gruendlich zu hinterfragen. Die Leistung eines Staats haengt kaum von der Anzahl der Parteien sondern vielmehr von der Intelligenz und Kompetenz seiner Beamten ab, Qualitaeten, die man diesem kleinkarierten Beamten nicht gerne zubilligen moechte. Die Staatsverdrossenheit, wie sie sich etwa in der Stimmbeteiligung bei Abstimmungen zeigt, feiert auch in Mehrparteienstaaten Urstaend. Aus langjaehriger Beobachtung der kubanischen Verhaeltnisse glaube ich nicht, dass der sozialistische Weg das Los des kubanischen Volkes oekonomisch entscheidend verbessert hat, doch hat das kubanische Volk diesen Weg selbst gewaehlt, und das ist zu respektieren. Viele soziale Errungenschaften sind aber, vergleicht man mit andern Staaten Lateinamerikas, durchaus vorzeigbar. Wie stark Fidel und seine Regierung in der Bevoelkerung auch heute noch verankert sind, konnte ich heute selbst erleben. Doch darf nicht verschwiegen werden, dass Teile der Bevoelkerung Fidel und sein Repressionssystem gerne zum Teufel wuenschen wuerden, wie es ja auch bei uns Leute gibt, die den Bundesrat in seiner gegenwaertigen Zusammensetzung lieber auf dem Mond sehen wuerden. Um sechs Uhr in der Fruehe, noch bei Dunkelheit, strebe ich mit unserer Nachbarin, die Direktorin einer Primarschule und Parteimitglied ist und die mich eingeladen hat, zum Besammlungspunkt fuer das Quartier Habana Vieja vor dem Capitolio. Tausende von Leuten, jung und alt, stroemen hier zusammen. Hier herrscht aufgeraeumte Stimmung, man trifft Bekannte und Berufskollegen und scherzt miteinander. An Staenden erhaelt man Gratis-Verpflegung, ein Broetchen und granizado, einen Becher Limonade. Ambulanzen und Polizei halten sich im Hintergrund, und ueber einen Lautsprecher werden Parolen verbreitet. Immer mehr Leute treffen ein, zum Teil uniformierte Abteilungen von Schulklassen, Polizei- und Betriebseinheiten. Auf der Calle Neptuno marschieren sie bereits in der Dunkelheit Richtung Plaza de la Revolución. Schon Tage vorher waren am Fernsehen die Besammlungspunkte und die Marschrouten immer wieder gezeigt worden. Fuer Parteimitglieder ist die Teilnahme an der „marcha“ Pflicht, aber grosse Teile der Bevoelkerung nehmen nicht teil, meine Familie nicht, weil sie sich nicht politisch betaetigt, und auch der Gatte der Schuldirektorin nicht. Es wird kein sichtbarer Zwang ausgeuebt. Die Teilnehmenden scheinen sich aber mit dem Staat, seiner Regierung und Fidel zu identifizieren, in vielen Gespraechen toent die Sorge um seine Gesundheit an. Die Stimmung ist volksfestaehnlich, wie bei uns an einem ersten August oder am Sechselaeuten, oder bei einer Demonstration der Gruenen. Bald setzen sich die Massen in Bewegung um ueber die Reina und die Avendida Salvador Allende der Plaza de la Revolución zuzustreben. Ich habe die Ehre, in der Gruppe der Quartierbehoerden von Habana Vieja mitzumarschieren. Man hatte mich gewarnt, dass das ganze Prozedere sehr anstrengend sein werde, und so musste ich denn auch schon nach einem halben Kilometer meiner angeschlagenen Gesundheit Tribut zollen und aus der Marschkolonne ausscheren. Den Rest der Veranstaltung betrachtete ich mir notgedrungen dann am Fernsehen, nicht ungluecklich darueber, dass ich in die dauernden Hochrufe auf Fidel, Raul und den kubanischen Sozialismus nicht miteinstimmen musste. Fidel war uebrigens nur in historischen Aufnahmen praesent, und das Geruecht von der Wiederaufnahme der Staatsgeschaefte durch ihn verflog rasch. Auffallend war, wie man Raul Castro praktisch ebenbuertig zu seinem Bruder Fidel hochleben liess. Das deutet doch auf einen Uebergang hin, die Geruechte um ein Krebsleiden des Comandante nehmen zu. Alles in allem machte mir diese Grossveranstaltung, ihre Farbigkeit und Dynamik, die patriotischen Gefuehle, die sie zweifellos ausloeste und bestaerkte, einen imposanten Eindruck. Die schmetternden Klaenge der Marschmusik, der Nationalhymne Kubas, die Aufrufe des Sprechers „Adelante, compañeros, Vorwaerts, Kameraden!“, das gluehende Bekenntnis zum Vaterland, die Hochrufe auf Fidel, Raul und den Sozialismus, die deutlich spuerbare Emotionalitaet, die froehlichen Gesichter und die Zehntausende von Faehnchen schwingenden Buergern, Kinder wie Erwachsene, stehen in einem seltsamen Gegensatz zum im Westen verbreiteten Bild Kubas. Weit entfernt davon, dem diktatorischen Regime und dem oekonomischen Schlamassel, das der Sozialismus neben dem verbrecherischen amerikanischen Embargo in Kuba hervorgebracht hat, das Wort reden zu wollen, sehen hier viele Dinge von innen her betrachtet etwas anders aus als die ideologischen Scheuklappen, mit denen Kuba haeufig noch im Westen betrachtet wird. Der ueber Einparteienstaaten und soziale Gegensaetze schwadronierende Vizedirektor im EJPD sollte sich vielleicht mal vor Augen halten, dass die Unterschiede zwischen arm und reich in den USA oder z.B. in Indien um ein Vielfaches hoeher sind als hier. Und selbst in der Schweiz ist der Einkommensunterschied zwischen vielen Familienvätern, die 4000 Fr. monatlich verdienen und dem des Herrn Ospelt wesentlich groesser, ohne dass es gleich zu sozialen Unruhen kommt. Auch in der Schweiz gibt es viele Familien, die sich keinen Einkauf in Luxuslaeden erlauben koennen, waehrend andere nur dort einkaufen. Man wundert sich, dass immer noch einige Betonkoepfe in unseren Behoerden 20 Jahre nach dem Kalten Krieg viele Splitter im Auge Kubas ausmachen, die eigenen Balken aber nicht zu sehen vermoegen. Die Grossveranstaltung war um die Mittagszeit beendet, am Nachmittag waren die Geschaefte wieder normal geoeffnet, und die Strassen fuellten sich erneut mit farbenfrohem Leben. Kuba ist und bleibt ein Land voller Gegensaetze, wer hier lebt, fuehlt sicht oft hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Ablehnung. Das ist es vielleicht, was nicht zuletzt den Reiz dieser wunderbaren Insel und seiner Bewohner ausmacht.
