Weblog von Ueli

05.12.2006 um 18:24 Uhr

Ein Spaziergang mit Aglaja und Christian durch Alt-Havanna

Reisebericht vom  4.12.06 Ein Spaziergang mit Aglaja und Christian durch Habana Vieja Das junge Paar, sie Juristin, er ein Mann der Wirtschaft, hatten sich entschlossen, Reiseferien in Kuba zu verbringen. Ich hatte es bei der Planung der Reise mit einigen Hinweisen unterstuetzen koennen. Nun war es natuerlich eine besondere Freude, das Paar in Havanna wieder zu sehen und von seinen Ferienerlebnissen zwischen Varadero, Santa Clara, Sancti Spiritus, Trinidad, Cienfuegos und Havanna erzaehlen zu hoeren. Aglaja und Christian hatten die Schwierigkeiten, mit denen Reisen in Kuba zuweilen verbunden ist, nicht zuletzt dank den perfekten Spanischkenntnissen von Christian gut gemeistert, wenn sie auch hie und da das Auseinanderklaffen von Preis und Leistung zu bemaengeln hatten, womit eigentlich jeder europaeische Tourist hier gelegentlich konfrontiert wird. Man muss auch heute noch von etwas Abenteuerlust und Unternehmensgeist befluegelt sein, um hier auf eigene Faust das Land kennen lernen zu wollen. Die Hotelpreise in Havanna waren in unglaubliche Hoehen geschnellt, und das Fehlen eines tadellos funktionierenden Kreditkarten-Systems hatten die Liquiditaet etwas gar stark belastet. Bei einer Reise auf eigene Faust ist denn auch die Bargeld-Beschaffung in Kuba ein echtes Problem. Den kubanischen Behoerden scheint noch nicht klar geworden sein, wie viel Goodwill und Einkaufslust hier verloren geht. Kuba ist als Reiseland fuer den nicht ganz mit den hiesigen Gepflogenheiten vertrauten Touristen kein Billig-Land. Zu stark ist der Hunger des Staatstourismus nach Devisen, so dass gelegentlich der Begriff des Abrisses nicht unangemessen erscheint. Infolge eines grossen internationalen Sportkongresses und wegen der bevorstehenden grossen Feierlichkeiten zum 50-jaehrigen Bestehen der Revolutionsarmee und zum 80-jaehrigen Geburtstag des Maximo Líder hatte die staatliche Hotellerie die Preise in der Stadt massiv erhoeht, die private Unterbringung unterbunden, was mir selbst beinahe verunmoeglich haette, wie gewohnt bei meiner Familie wohnen zu koennen. Wir trafen uns um zwei Uhr nachmittags im Strassenkaffee des Hotels Telégrafo am Parque Central, auf der Grenze zwischen der Altstadt Habana Vieja und Centro Habana, dem etwas heruntergekommenen Quartier der einfachen Leute, wo meine Freundin Yaquimir eine fuer kubanische Verhaeltnisse schoene Wohnung hat. Wir schlenderten ueber den verkehrsumbrausten Parque Central mit dem Denkmal von José Martí, dem Nationalhelden und Dichterfuersten Kubas, vorbei an der „esquina caliente“, der „heissen Ecke“, wo taeglich auf bedrohliche Art wild gestikulierende Maenner, aber auf letztlich friedliche Weise die Spiele und Resultate der Baseball-Liga, dem Nationalsport Kubas, diskutieren und kommentieren.  Vorbei an der Bar „Floridita“, wo einst Papa Hemingway seinen Daiquirí getrunken und manchmal auch ueber die Straenge geschlagen hatte, vorbei an einem exquisiten Zigarren- und Rumgeschaeft, wo sich Christian tags zuvor als wahrer Kenner kubanischer Genuesse eingedeckt hatte, spazieren wir der Calle Obispo entlang, der Haupt-Touristenstrasse Havannas, zur Plaza de Armas, dem ehemaligen kolonialen Regierungs-Zentrum. Ein staendiger Strom von Touristen wogt uns hier entgegen, doch hat man den Eindruck, dass der ueberwiegende Teil der Besucher Latinos sind. Aus jedem Kaffee, jedem Restaurant toenen uns die mitreissenden Rhythmen der kubanischen Musikgruppen, die dort aufspielen und natuerlich Staatsangestellte sind, entgegen. Wir passieren das rosa Gebaeude des Hotels „Ambos Mundos“ (=beide Welten) nicht ohne einen kurzen Augenblick bei der hervorragenden Pianistin am Fluegel in der Bar zu verweilen. Man spuert foermlich, wie es Christian als gewieften Pianisten in den Fingern zuckt, und der Tag scheint nicht fern zu sein, wo er, hieher zurueckgekehrt, sein Staendchen gibt. In diesem Hotel, in dem Hemingway jahrelang logierte und wo auch unser Paar einige Naechte unterkam, feierte ich vor einem Jahr auf dem berueckenden Dachgarten meinen 65. Geburtstag.  An der Plaza de Armas liegt der Palacio de los Capitanes Generales, dem Sitz der ehemaligen spanischen Generalgouverneure, heute das Stadtmuseum.  Das hölzerne „Kopfsteinpflaster“ davor hatte die Aufgabe, den Trittschall der anreitenden Boten so zu daempfen, dass der Schlaf der Gouverneursgattin nicht gestoert wurde. An der Ostseite des Platzes steht „El Templete“, das Tempelchen, das an die Gruendung der Stadt am 17. November 1519 erinnert, und bei dem ein Nachfahre des Ceiba-Baumes steht, unter dem die erste Messe gelesen wurde. Die Girardilla, die Wetterfahne, gruesst vom Castillo de la Real Fuerza, der aeltesten Festung der Stadt, begonnen 1538, herueber. Sie erinnert an die Frau des Conquistadors Hernán de Soto, die hier jahrelang vergeblich auf die Rueckkehr ihres Gatten aus Florida sehnsuechtig gewartet hatte. Durch di Calle Oficios erreichen wir die Plaza San Francisco de Asis. Wir bewundern das Gebaeude der alten Boerse, die Lonja de Comercio, die gekroent wird von einem schwebenden Merkur. In den angenzenden weitlaeufigen Gebaeuden des Schiffsterminals werden hier seit jeher Passagiere und Gueter umgesetzt. Unweit davon liegt die Casa del Ron, das Haus des Rums. Hier zeigt die Firma Havana Club einen interessanten Ueberblick ueber die Geschichte und Fabrikation des Rums auf Kuba. Man erkennt, wie die Menschen aus Afrika hieher gebracht und versklavt wurden, um der Zuckerproduktion zu dienen, ein aeusserst lukratives Geschaeft.  Man erkennt, woher der einstige Reichtum der Stadt, die prachtvollen Gebaeude und Anlagen, die damals modernen Einrichtungen gekommen sind. Schoene Modelle zeigen den Ablauf der Rumfabrikation, man erfaehrt einiges ueber die verschiedenen Rumqualitaeten nicht ohne zum Abschluss ein paar Schlucke zur Degustation probiert zu haben. Nach einem Blick in die Kirche des Hl. Franz schlendern wir durch die Calle Teniente Rey, wo wir Einblick in die Zanja Real, die einstige Wasserversorgung der Stadt gewinnen, zur Plaza Vieja, dem malerischen und nahezu vollstaendig renovierten ehemaligen Handelsplatz. In einer Ecke geniessen wir das frisch gebraute Bier, um uns ein Bisschen zu erholen. Durch die Calle Brasil erreichen wir spaeter die Gegend des Capitolio, des dem amerikanischen Kapitol nachgebildeten ehemaligen Parlamentsgebaeudes, wo sich die Nullstelle des  kubanischen Strassennetzes befindet. Heute ist das Capitolio Sitz der Akademie der Wissenschaften. Bei der Bar „Monserate“, wo wir uns am Vorabend von kubanischer Musik hatten vereinnahmen lassen, wenden wir uns nach rechts, um uns fuer kurze Zeit zu trennen. Aglaja und Christian kehren in ihr Hotel „Sevilla“ zurueck, wo Graham Greene seinen „Mann in Havanna“ naechtigen liess. Auf dem Weg dahin gruesst das imposante edificio Bacardí, das der ehemalige Rumkoenig in Art-Déco-Manier errichten liess und das von seinem Firmenzeichen, der Fledermaus, gekroent wird. Zwei Stunden spaeter treffen wir uns wieder, um vorbei am historischen Hotel Inglaterra und dem Teatro García Lorca, wo Sarah Bernhard und Enrico Caruso einst aufgetreten waren und das heute der Sitz des weltbekannten Nationalballetts Kubas unter der beruehmten Alicia Alonso ist, durch die Calle San Rafael, einer lebhaften Einkaufsstrasse fuer die kubanische Bevoelkerung, der Wohnung meiner Freundin Yaquimir zuzustreben. Freudig wird das Paar durch Dian, den gutmuetigen Hund der Familie, begruesst. Bruder Enrique, der jetzt einen staatlichen Fleischverkaufsstand betreibt, hat einen Aperitiv mit seinem wohlschmeckenden lomo, dem Schinken, vorbereitet. Als gelernter Baeckermeister hat er es sich nicht nehmen lassen, aus einem Einwickelpapier eine Dressiertuete zu formen und mit Mayonnaise das Ganze zu dekorieren. Der Einfallsreichtum der Kubaner ist sprichwoertlich. Bald entwickeln sich interessante Gespraeche zwischen Enrique und Christian. Yaqui versucht sich mit Aglaja auf Englisch zu verstaendigen. Man unterhaelt sich angeregt. Bald brechen wir auf, um im barrio chino, dem Chinesenviertel Havannas, das nur einige Schritte entfernt liegt, gemeinsam das Nachtessen einzunehmen. Als die Sklaverei auf Kuba verboten wurde, liess man für die Zucker- und Tabakfabrikation Chinesen kommen, die als billige und anspruchslose Arbeitskraefte eingesetzt wurden. Hier kann man sich fuer 5 Franken satt essen, aber man sollte nachts auf dem Rueckweg zum Hotel dunkle und menschenleere Strassen vermeiden. Meine Familie bedrueckt die offensichtliche Zunahme von Gewalt, die angesichts der wirtschaftlichen Not und des protzigen Massentourismus zu verzeichnen ist, wenn auch niemals die Verhaeltnisse in Caracas oder Mexico City erreicht werden. Havanna ist auch heute noch, sofern man sich vernuenftig benimmt, eine der sichersten Staedte Lateinamerikas. In Begleitung von Kubanern ist man immer sicher. Den Abend beschliessen wir in einer kleinen, wenig stimmungsvollen Bar in der Naehe des Hotels Sevilla, wie es sie viele in Havanna gibt. Laesst man die auf diesem Spaziergang gestreiften Kulturdenkmaeler, die darin aufgezeichnete Geschichte und die damit verbundenen Menschen Revue passieren, spuert man dem afrikanischen Rhythmus der kubanischen Musik nach, dann  erstaunt einen der Stolz, die Aufgeschlossenheit und Weltlaeufigkjeit, die Sanftmut, aber auch die Schlitzohrigkeit der kubanischen Menschen, vor allem in der Hauptstadt, nicht.  Diese Qualitaeten wird es noch geben, wenn die Aera Castro laengst Geschichte geworden ist und niemand mehr Viva Raul schreit. Die Erguesse eines kleinkarierten schweizerischen Ministerialbeamten erscheinen vor diesem Hintergrund, als ob ein Handoergelispieler aus dem Muotatal den Wienern den Walzer erklaeren wollte. 

Einloggen zum Kommentieren:

Hinweis: viele Funktionen von blogigo (z.B. Einträge kommentieren) stehen Dir erst nach einer kostenlosen und unverbindlichen Registrierung zur Verfügung. Hier kannst Du Dich in Sekundenschnelle registrieren.