Im Strassenkaffee des Hotels Telegrafo
Reisebericht vom 11.12.06
Im Strassenkaffee des Hotels Telégrafo, oder gleich daneben, in jenem des Hotels Inglaterra am Parque Central in Havanna, kann man stundenlang sitzen und dem lebhaften Verkehr, dem unaufhoerlich vorbeiwogenden Strom der Leute zusehen, die alle unverwandt einem unsichtbaren Ziel zustreben. Hier die Eingaenge zu den Hotels und die an den Tischchen sitzenden Touristen, da der ausserhalb der Arkaden liegende breite Gehsteig, wo die Leute vorbeigehen, die zu- und wegfahrenden Taxis, dann die Fahrraeder, Rikschahs, Motorraeder, Autos, Lastwagen, Busse, die riesigen von Zugmaschinen gezogenen camellos, die wie Viehtransporter aussehenden oeffentlichen Personentransporter, in die die Fahrgaeste wie Sardinen gequetscht werden. In der Mitte der breiten Chaussee liegt eine Tag und Nacht bewachte Parkflaeche, an die wieder ein Fahrbahnstreifen angrenzt, der seinerseits vom mit Koenigspalmen bestandenen Parque Central gesaeumt wird, wo sich viele lauschige, schattige Parkbaenke befinden, die zum Verweilen einladen. Hier wird oft Schach gespielt. Von der heissen Ecke der Baseball-Fans habe ich schon erzaehlt. Die marmorne Figur José Martís gruesst herueber. Jenseits des Parks schliesst sich wieder eine Fahrbahn an, die man zu ueberqueren hat, will man der Calle Obispo folgend die nahe Altstadt erreichen, der einzige Uebergang in Havanna uebrigens, bei dem den Fussgaengern ein ungeschriebenes Vortrittsrecht eingeraeumt wird. Ansonsten scheinen es die heranbrausenden Autofahrer direkt auf die querenden Fussgaenger abgesehen zu haben, eine Form des hiesigen machismo. Es empfiehlt sich, Fahrbahnen eng aufgeschlossen hinter Einheimischen zu ueberqueren. Links fuehrt die beruehmte mit Loewenskulpturen verschoenerte Flaniermeile des Paseo de Martí, auch Prado genannt, zum Malecón hinunter, wo sich das neu renovierte Castillo de San Salvador de la Punta befindet, das gemeinsam mit dem ennet der Hafeneinfahrt liegenden Castillo de los Tres Santos Reyes de Morro den Zugang zum Hafen bewacht. An dieser Stelle wurde frueher abends um 9 Uhr der Hafen mit einer Kette abgesperrt, was mit einem Kanonenschuss bekannt gegeben wurde, eine Zeremonie, die sich bis heute erhalten hat. Ein Strassentunnel unterquert nun dort den Meereseinschnitt und fuehrt den Autofahrer aus der Stadt hinaus Richtung Playas del Este und Matanzas in die zentralen und oestlichen Teile Kubas. Aber zurueck zum Hotel Telégrafo.Schraeg gegenueber, am noerdlichen Ende des Parks, befindet sich der massige Kubus des 5-Stern-Hotels Parque Central, dem etwas weiter den Prado hinunter das Hotel Sevilla, bekannt durch Graham Greene, folgt. In der nordoestlichen Ecke liegt der Keil der neoklassizistischen Fassade des Hotels Plaza, und dahinter ragt der wundervolle Turm des edificio Bacardí auf. Wenn man diesen Turm im Abendlicht, umflossen von rosa Woelkchen, eingerahmt von Arkaden und begrenzt durch die gusseisernen Kandelaber der alten Laternen, einen Mojito schluerfend betrachtet, glaubt man sich in einer Traumwelt zu befinden.Aus der gegenueber liegenden suedoestlichen Ecke des Parks gruessen die protzigen Aufbauten des Centro Asturiano, dem ehemaligen Gebaeude der Handelsgesellschaft Asturiens, das heute die internationale Abteilung des kubanischen Kunstmuseums beherbergt. Am suedlichen Ende des Parks liegt das beruehmte Kino Payred. Das kubanische Filmschaffen geniesst Weltruf. Weiter zurueck am Prado folgt das Bezirksgericht. Gegenueber dann, in der Flucht der Arkaden, liegt das Capitolio, von dem man sagt, dass es groesser als sein amerikanisches Vorbild aber einen Meter weniger hoch sei. Hinter ihm, fuer unser Auge unsichtbar, liegt die beruehmte Zigarrenfabrik Partagas.Nun schweift unser Blick an der westlichen Parkseite zurueck und streift das wundervolle Gebaeude des Gran Teatro de La Habana García Lorca, wo wir uns in der Nochebuena, am Heiligabend, ein Ballett von Alicia Alonso ansehen werden. Der spanische Dichter Federico García Lorca lebte 1930 drei Monate hier in Kuba, und er hat die Insel wie schon Kolumbus als Paradies beschrieben. Die Einkaufsstrasse San Rafael trennt das Theater vom legendaeren Hotel Inglaterra mit dem schoenen Dachgarten. Jeden Freitagabend findet hier vor dem Hotel ein Staendchen der Stadtmusik von Havanna statt. So wendet sich unser Blick wieder unserem Mojito und dem wogenden Leben vor dem Strassenkaffee des Hotels Telégrafo zu.Was hier am Parque Central an Zeugen grossser Kulturgeschichte versammelt ist, sprengt die kleinraeumigen Verhaeltnisse der Schweiz, ohne deren Schoenheiten dadurch etwa mindern zu wollen. Es erstaunt nicht, dass die Altstadt Havannas mit der Umgebung des Parque Central als Weltkulturerbe zu gelten hat.Wer uebrigens meinen Ausfuehrungen ueber Streifzuege in der Stadt mit Interesse folgt, dem wird es sicher noch mehr Vergnuegen bereiten, einen Stadtplan von Havanna im Internet aufzusuchen und mich auf meinen Spaziergaengen virtuell zu begleiten.