Weblog von Ueli

23.01.2006 um 21:52 Uhr

Reisebericht 6: Der Atitlan-See

Der Atitlan-See

Die 2 1/2 stuendige Busfahrt nach Panajachel fuehrt ueber eine Gebirgsstrecke zum Ort Solola, bevor sich die Strasse in haarstraeubenden Windungen zum See hinunterstuerzt. Ich bin sehr gespannt, wie dieser See wohl auf mich wirken wird, denn die Reiseprospekte sind darueber des Lobes voll, besonders seit der englische Schrifsteller Aldous Huxley diesen See als den schoensten der Welt bezeichnet hat.

Das emsige Touristiktreiben erleichtert mir den Entschluss fuer eine vierstuendige Seerundfahrt (100 sFr.) ein Privatboot mit Fuehrer zu mieten. Die den tiefen See umgebenden Vulkane sind gelegentlich mit Wolkenfetzen verhangen, das Wetter ist angenehm, aber es frischt ein Wind auf, die Wassertemperatur betraegt etwa 20 Grad. Um den See verteilt sind kleine Ortschaften gelegen, die den Namen der Apostel tragen und per Boot erreicht werden koennen.

Wir suchen zuerst Santiago  Atitlan auf, der groesste Ort, der aber vom Tourismus gepraegt wird, was mich dazu bringt, etwas ausserhalb der Stadt im schoen gelegenen Hotel Bambu  das Mittagessen einzunehmen und auf der Terrasse mit Blick auf den See seinem besonderen Reiz nachzuspueren, der sich mir einfach nicht offenbaren will. Mein Bootsfuehrer erzaehlt mir von seiner Familie, seinem Beruf und natuerlich auch von der ungeheuren Ueberschwemmung vom letzten Oktober, der viele Menschen zum Opfer gefallen sind. Der normalerweise tiefblaue See sein damals eine gelbbraune Pfuetze gefuellt mit Unrat gewesen.

Je weiter wir den See umrunden, desto weniger kann ich Huxley verstehen. Natuerlich hat der Begriff "Schoenheit" oder "das Schoenste" immer auch einen individuellen, persoenlichen Hintergrund, seien es eigene Gedanken, Gefuehle oder Erlebnisse, die sich damit verbinden. Aber was mochte der Hintergrund von Huxley gewesen sein, ihn so besonders schoen zu empfinden? Hatte Huxley nie etwas von Hermann Hesse gehoert, kannte er nicht den Luganersee, den Vierwaldstaettersee, den Thuner und Brienzersee mit ihrem unvergleichlichen Panorama? Mag sein, dass ich nicht die richtigen Aussichtspunkte, das richtige Wetter, die richtige Tageszeit erwischt hatte. Die Faszination dieses Sees wollte sich bei mir einfach nicht einstellen.

In San Pedro, unserer naechsten Station, erlebte ich eine weitere Enttaeuschung, und ich ergriff vor all den Zoepfchen-Rastas, den Selbstverwiklichern und Seelengurus, den Moechtegernhippies und Esoterikmusikanten, die in zerlumten KLeidern herumschlurften schlaeunigst die Flucht. Hier seien alle Formen von Drogen sehr leicht zu erhalten, liess ich mir sagen. Es gefiel mir besser, in zwei weiteren Flecken dem Dorfalltag der Einheimischen zuzusehen und den Blick ueber den See schweifen zu lassen.

Abends dann, am hoteleigenen Mac, erfuhr ich, dass Huxley "Versuche" mit Mescalin angestellt hatte, als er nach LA uebersiedelt war. Es liegt wohl nahe zu vermuten, dass sich Huxley hier, am Ufer des Atitlan-Sees, einige billige Drogenraeusche geleistet hat, wozu er nach Guatemala gekommen war, und dass diese Erfahrungen sein Bild vom See moeglicherweise ueberhoeht haben. Der See hatte sich damit bei mir endgueltig entzaubert, und ich beschloss, diesen Huxley zu vergessen und mich Wichtigerem zuzuwenden.

 

 


Einloggen zum Kommentieren:

Hinweis: viele Funktionen von blogigo (z.B. Einträge kommentieren) stehen Dir erst nach einer kostenlosen und unverbindlichen Registrierung zur Verfügung. Hier kannst Du Dich in Sekundenschnelle registrieren.